Generation Frau

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Liebe Brigitte,

diese Briefanrede ist affig, aber ich habe das Gefühl, dich schon so lange zu kennen, dass ich mir die Freiheit zum „Du“ einfach nehme. Fünf Millionen hast du für deine neue Kampagne ausgegeben und es fühlt sich so an, als ob die Summe komplett in Hamburg investiert worden wäre. So präsent sind die Citylights, die mir die neue „Generation Frau“ an jeder Bushaltestelle und jeder Ampel zeigen.

Ihr wollt Frauen vorstellen, die unsere Gesellschaft prägen und sich durch ein besonderes Engagement oder besondere Lebenswege auszeichnen. Sechs Motive habe ich schon gesehen: Eine Modeunternehmerin, eine Modebloggerin, eine Tänzerin, eine Autorin, eine Regisseurin und die Betreiberin eines Schmucklabels. Die Fotos sind toll und die Frauen attraktiv. Was soweit okay ist, ihr seid schließlich kein investigatives Politmagazin, sondern eine Frauenzeitschrift.

Aber irgendwie bleibt bei mir ein schaler Nachgeschmack. Die Botschaft, die bei mir ankommt, heißt: „Das vielseitige Leben der Frauen von heute“, das Felix Friedlaender, der männliche Verlagsleiter der Brigitte Group beschreibt, spielt in erster Linie in Medien, Mode und Kunst. Die Botschaft, die von den Plakaten ausgeht, findet im Kleingedruckten statt und hat immer einen kleinen Widerhaken. Die schöne Tänzerin ist Kriegswaise und hat es dennoch geschafft und die Unternehmerinnen bringen Kinder, Karriere und Familie unter einen Hut.

Vor drei Jahren, als ihr ankündigtet, die erste Frauenzeitschrift ohne Models zu werden, wolltet ihr ein Zeichen gegen den Mager- und Schönheitswahn setzen. Die modelfreie Zone beschränkte sich schließlich auf die Editorials und die Frauen dieser Modestrecken waren gecastete Schönheiten. Frauen mit Kleidergröße 36 statt 34, Amateure, die durchaus das Zeug zur Modelkarriere gehabt hätten, nun aber noch ein kleines Bonusfeature mitbrachten: Sie hatten angesagte Berufe, Schwangerschaften hinter sich und stachen die echten Models dank Licht, Visagistin und Photoshop trotzdem aus.

Relativ schnell lief sich dieses Konzept tot. Mit dem Wechsel auf die neue Chefredaktion musstet ihr zugeben, dass sich eure Leserinnen von ihren hübschen allescheckenden Geschlechtsgenossinen unter Druck gesetzt fühlen. Plötzlich ließ sich der Beauty-Faktor nicht mehr nur damit erklären, dass das Schönsein für das Model ein Fulltime-Job ist – die waren auch noch in vermeintlichen Traumberufen erfolgreich. Horror.

Nun, mit den Kampagnen-Frauen aus den weiblich konnotierten Berufen tappt ihr zum zweiten Mal in dieselbe Falle. Und weil der Anspruch, für eine ganze „Generation Frau“ zu sprechen und der Stil der redaktionell gehaltenen Fotografie die Relevanz der Sache noch ein wenig höher hängt, nehme ich mir die Freiheit heraus, euch meine Sicht auf die Brigitte zu sagen:

Die Brigitte hat mich durch die 70er, 80er und 90er begleitet. Ich habe die Modestrecken von F.C. Gundlach gemocht und die Kolumnen von Elke Heidenreich geliebt. Euer Romanpreis war eine echte Instanz und die Texte hatten Qualität. Der erste selbst gekochte Coq au Vin in meiner winzigen Studentenbude – ein Brigitte-Rezept.  Als ich 18 war, habe ich zusammen mit einer Schulfreundin 500 Mark in eurem Strickwettbewerb gewonnen. Mit einem Schweinepullover, den wir für unsere Schülerzeitung entworfen haben.

Was ich mochte, obwohl ich doch als Mann nicht zur Zielgruppe gehörte und den Modekram und die Schminktipps überblätterte? Ihr wart immer ein kleines bisschen progressiver als der ganze Rest des Segments. Ihr hattet manchmal Humor, ein klares Layout, eine coole Versuchsküche und habt auf den verschwitzten Bürokauffrauen-Sex der Cosmopolitan („Lassen Sie Ihr Becken beben“) und den rosa Mädchenkram für Out-of-Age-Pferdemädchen verzichtet. Dafür habe ich euch auch die stereotypen Reportageeinstiege – „Er öffnete mir in einem Holzfällerhemd die verwitterte Tür seiner Fischerkate – verziehen.

Eure neue Kampagne, mit der euch eure Agentur als „Frauenzeitschrift des Zeitgeistes“ positionieren möchte, ist nicht mutig. In Wirklichkeit ist sie ein Beleg dafür, wie diese Gesellschaft mit einem leistungsgetriebenen Paradigmenwechsel zurück in die falsche Richtung rudert. Die Geschichten der Frauen in der Kampagne sind zwar gute Geschichten, aber sie finden in zwei läppischen Zeilen Copytext unter einem Bild statt. Die Berufe sind Mädchen-Traumberufe und die Karrierewege sind vor allem eines: Glückliche Einzelfälle und hart erkämpft.

Ein positives Bild einer „Generation Frau“, das die determinierten Geschlechterrollen niederreißt, sieht anders aus. Und wenn man über den engen Horizont von Hamburgs Medienlandschaft hinausblickt, findet man auch andere Rollenvorbilder. Die Babyboomer, die von den erkämpften Möglichkeiten der Frauenbewegung profitierten und in ein Berufsleben entlassen wurden, das einerseits plötzlich offen war für neue Modelle, andererseits aber aufgrund der Größe der Generation sehr heikel und eng war, hätten euer Modell sein können.

Diese Generation hat Bergbauingeneurinnen hervorgebracht, die kein Kind und keinen Typen haben und sich trotzdem als Frau fühlen. Es gibt Berufswege, die nicht stromlinienförmig waren und Frauen hervorgebracht haben, die erst einen Sozialberuf lernten, leidenschaftlich an Motorrädern schrauben und sich irgendwann mit einer zweiten Karriere im IT-Bereich arrangierten. Exoten wie die Landwirtin, die zusammen mit Freundinnen eine LPG übernahmen. Und es gibt die vielen, die einfach irgendeinen Beruf gelernt haben, alleine, zu zweit oder mit Kindern leben und sich nach vierzig Stunden im Job auch gerne mal mit einer Zeitung auf das Sofa packen.

Was niemand braucht, ist der Stress eines Frauenbildes, das suggeriert, man müsse ständig Leistung bringen: Damit der schicke Beruf, das megaoptimierte Familienleben und der Kampf um Goldmedaillen zu vorzeigbaren Ergebnissen werden. Die neue „Generation Frau“ ist meine Pommesbuden-Besitzerin. Die ist 52, nicht schön genug für ein Citylight, mit einem fetten Tribaltattoo auf ihrem Arm. Hat in der Pfalz in einem Handwerksbetrieb gearbeitet, irgendwann beschlossen, sich selbstständig zu machen und braucht „keinen Mann mehr für zuhause“. Wenn doch einer käme, ich bin sicher, sie würde darauf bestehen, dass er mit einem Staubsauger umgehen kann.

Und heute abend koche ich mir einen leckeren Coq au vin!

69 Gedanken zu “Generation Frau

  1. Die Kritik möchte ich in jedem Wort unterschreiben! Beruhigend festzustellen, dass ich kein Sonderfall als Mann bin, der die Brigitte gerne gelesen hat! Inzwischen haben alle Frauen in meiner Umgebung (Mutter Jahrgang 1922, Schwägerin Jahrg. 1949, Ehefrau Jahrg. 1954 Tochter, Jahrg. 1977) den Bezug der Zeitschrift eingestellt und so komme ich nur noch gelegentlich dazu, beim Friseur darin zu blättern, aber der Eindruck war auch bei mir entstanden.

    Sehr bedauerlich, so verschwindet ein ernst zu nehmendes Presseerzeugnis vom Markt und wird durch Mainstream und die üblichen Stereotypen ersetzt.

    • Ja. Stimmt. Ich war früher mal total stolz, gelegentlich für die BRIGITTE zu schreiben. Und die Resonanz war jedesmal riesig. Ich schrieb etwa den Artikel „Wir suchten Freunde und wurden reingelegt“ – über einen betrügerischen Kontakt-Club (Level-Club), dazu noch ne Rundfunk-Sendung und der „Club“ war weg vom Fenster. Ein anderes Mal schrieb ich eine Titel-Story für BRIGITTE – über die Gefährlichkeit eines Kaiserschnitts (hatte knapp einen überlebt, kannte eine Familie, da Mutter am Wochenende Kaiserschnitt und verstorben, weil der Arzt nicht rechtzeitig zur Stelle) – Solche Artikel und du bekamst waschkörbeweise Zuschriften. Das ist alles leider im wahrsten Sinn des Wortes Vergangenheit. Als ich vor ca. 10 Jahren anbot, etwas über Krebs zu schreiben, den ich wider Diagnose überlebt hatte und habe – kam die Antwort – „Ach, Krebs hatten wir schon so oft. Und wir wollen nur positiv sein, und keine Angst verbreiten!“ Tja, so schreddert sich eine einst großartige Frauenzeitschrift mit auch namhaften, kritischen Autorinnen – selbst ins Aus der Beliebigkeit.

    • Roswitha, wie recht du hast. Seit Heidi Sander (später Jil Sander) noch Kinderbekleidung in die BRIGITTE gebracht hat, beobachte ich das Blatt.
      Über Bestellmode zu Frauenthemen, über Diäten zu Sex and Rock `n Roll..und nun weiß man nicht weiter. Meine mehr als 30 Jahre in der Madebranche und an Unis lassen vermuten, dass der Abgesang dieser seichten Illu eingeleutet wurde. Schade eigentlich, denn es war einmal…
      Lassen Sie uns die „Yellow-Fashion-Press“ aufmischen und ihnen den Spiegel der stätig degressiven Umsätze vorhalten. Machen wir etwas NEUES:
      http://www.soulwatcher.jimdo.com
      Wenn Sie dabei sind jagen wir „Weight Watcher“ in die Flucht. Brigitte und Co sind schon jetzt mit einem Trauerflor ausgestattet.
      Es grüßt Prof.hc.Dr. H.Peter Duhm

  2. Genau das trifft es! Ich selbst arbeite in einem technischen Beruf, liebe es nach Feierabend bei meinen Eltern den Garten umzugraben oder mit dem Motorrad über die Hügel zu düsen. Ich bin fast 30, weder verheiratet, noch habe ich Kinder oder Modellmaße, die in Otto-Normal-Durchschnitts-Jeans passen würde — und trotzdem fühle ich mich als Frau.
    Dein Artikel spricht ein großes Problem an: Immer mehr Frauen setzen sich selbst unter Druck, weil sie meinen diesen Idealbildern entsprechen zu müssen: DIe perfekte Figur, der perfekte Job (in dem Frau übrigens meist immer noch weniger verdient, als der ihr gleichgestellte männliche Angestellte – aber das kriegen sie anscheinend nicht in den Griff), die perfekte Familie…
    Ich bin froh nicht perfekt zu sein, aber bis ich dahin kam, war ich auch gefangen in dieser Vorstellung so sein zu müssen, wie diese Bilder es mir vorleben…
    Frauen: seid wie ihr seid und seid stolz drauf! Jede ist etwas Besonderes, da bin ich mir ganz sicher.
    In diesem Sinne noch einmal hertzlichen Danke für diesen tollen Artikel!

  3. In der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich das Dossier mit fairer Mode. Ein paar Seiten vorher: aktuelle Modetrends weder fair noch nachhaltig. Und in Größe 40 wahrscheinlich seltsam aussehend.
    Schade.

  4. .. ausserdem sind wir, die die sogenannten tollen berufe haben, kuratorin, cuttrein, modelbookerin etc auch nicht soooo toll dran, da wir in den tollen berufen auch oft schlecht bezahlt sind, kinder uns auf grund des zeitmanels gar nicht leisten konnten etc…

  5. Lieber Peter Breuer, vielen Dank fuer den Artikel. Seit Jahrzehnten frage ich mich jedes Mal, wenn mir aus Versehen eine Frauenzeitschrift in die Haende fiel – im Wartezimmer oder so, auf Arbeit – und die ich dann auch noch las, ob ich ueberhaupt eine Frau bin. Schliesslich griff ich zur „Emma“. Kennst du die?

  6. Toller, sehr treffender Kommentar. Besonders auch der Hinweis auf die neoliberale Ausrichtung dieses „neuen Frauenbildes“, das insofern pseudo-emanzipatorisch ist.

  7. Mmmh, der Kommentar ist genau nach dem Muster gestrickt, nein , nicht wie ein Schweinepulli, sondern wie gefühlt jeder BRIGITTE Artikel: Man beginne mit einem konkreten Beispiel (das Plakat) füge Kritik hinzu, lobe trotzdem allgemein, gäbe einen Schuss “ Nostalgie“ anbei, als Verzierung
    einige „Es wäre so schön wenn nicht…“-Worte und löse das ganze am Ende in der Luft hängend auf….. . Kurzum: nichts gesagt und trotzdem sich artikuliert! Generation Brigitte hat dick abgefärbt, Schweinchenmuster hat sich übertragen. Hoch leben die Kritiker der Kritiken!

  8. Meine Kernfrage an alle: Was soll eigentlich der Titel? Generation „Frau“?
    Hä?

    Generation Golf, Generation X, Baby Boomer Generation, Null-Bock-Generation: Klar.

    Eine soziologische Bezeichnung als „Generation“ gibt’s also, wenn etwas gehäuft auftritt. Frau? Gab’s in anderen Generationen also nicht so oft.
    Hä (2)?

    Oder hab ich was verpasst apropos Transferleistung?

  9. Und wie RECHT, wirklich RECHT du hast. Wenn Männer meinen für die Frauen in Führungspositionen etwas zu tun…meinen sie: MODE, KOCHEN, DIÄTEN, KINDER, ERZIEHUNG, über MÄNNER… Frauen sind gleichwertige Partner auf allen Ebenen und keine Barbies. Frauen sind die besseren Führungskräfte in höchsten Positionen. Frauen brauchen höchstens ein Businessmagazin, um zu erfahren, wie gefährlich für sie immer noch die Führungsebene zwischen Männern ist.
    Bist du als Frau doppelt so gut wie Männer, überstehst du eine gewisse Zeit auf deiner Führungsposition. Bist du dreifach überlegen, gilst du als gefährlich. Bist du vierfach überlegen, hst du Eier. Aber als tüchtige, fähige Frau wirst du nie anerkannt, es sei denn du entsorgst di alten Säcke, die keine Eier haben aber hinter lächelnden Masken an deinem Stuhl sägen. Junge Männer haben verstanden, dass Fraue die besseren Führungskräft sind, die etablierten „Schon-immer-so-Typen“ schnallen das nie. Diese Männer nutzen ihr Smartfone als Telefon… In diesem Sinne H.Peter Duhm

  10. Grossartig. Unaufgergt und doch mir aus der Seele geschrieben. Der Grund, warum ich die Britte beim Zehnarzt nur noch wiederwillig aufschlage, weil mich sogar die Gala mehr empört und ich mich an ihr reiben kann. Brigitte ist in den letzten Jahren so konturlos geworden, dass sie ich schon länger nicht mehr vermisst habe. Das ist das traurigste daran. Danke für die guten Erinnerungen an eine Zeit, da ich als Jugendliche den Atem angehalten habe, was es da zu lesen gab. Ich fühlte mich nie einer Bravo so zugehörig, aber die Brigitte hatte schon Botschaften für die junge Frau in mir, die mich eine zeitlang mit meiner Mutter gleichschwingen ließ. Vielleicht funktioniert das auch heute noch – aber mit welchen Frauen? Und vertreten die DIE FRAUEN? Liebe Brigittemacher, fragt doch mal ganz normale Frauen, wie sie „Frau sein“ definieren und berichtet davon. Seitenweise. Mit ungeschöntem Bild. Damit kriegt Ihr ein Jahr voll, so unterschiedlich werden die Antworten sein. Und schreibt es ihnen nicht permanent vor, sonst bleibten Eure Artikel „Serviervorschläge“, die im Alltag niemand umsetzt.

  11. Danke, fuer den Beitrag! Ich finde die Kampagne auch beklemmend. Wieder einmal hat sich ein Medienkonzern auf die Fahne geschrieben das ‚vermeintlich aktuelle Rollenbild‘ der Frau der Öffentlichkeit vorstellen zu wollen. Und was ist dabei herausgekommen? Eine Neuauflage der 50er Jahre. Als hätten wir Frauen in der Zwischenzeit nichts erreicht und Hauptsache wir funktionieren weiterhin wie gewünscht.

  12. Ich lese die Brigitte schon länger nicht mehr und ich vermisse nichts!
    Aber das Bild vom Schweine-Pullover schon. Wo kann ich ihn finden?

  13. Ich mag als Frau seit jeher absolut keine Frauenzeitschriften, ich glaube, ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben vielleicht ein halbes Dutzend mal eine solche in der Hand gehabt bzw. kurz durchblättert. Vielleicht gefällt mir deshalb dein Post so ungemein gut. Denn er beschreibt ganz wunderbar all das, was mir seit Jahrzehnten an Frauenzeitschriften missfällt. ;-)

  14. Danke für diesen schönen Kommentar! Ich finde übrigens, dass auch meine Frau die neue „Generation Frau“ repräsentiert. Wir haben keine IMM (Irgendwas mit Medien) – Berufe, keine zwei Nannys, zwischen denen Mama meinen Kids mal ein, zwei Küsschen gibt, um danach wieder zum Tanztraining, zur Reaktionssitzung oder in ihren Laden mit gepimptem Trödel oder selbstgemachter Handwerkskunst zu verschwinden. Glaubt es oder glaubt es nicht: Ich bin momentan als Sozialarbeiter Alleinernährer meiner Familie, und nachdem meine Frau schon für unsere 4 1/2 jährige Tochter 2 1/2 Jahre zu Hause (!) geblieben war, haben wir uns vor 1 1/2 bei unserem Sohn wieder für dieses Modell entschieden. Ja, sie ist Hausfrau und Mutter. Nichts „was machst Du denn hauptberuflich?“ oder so. Wir schämen uns kein bisschen und meine Frau ist nicht weniger moderne Frau als die Leiterin einer Sportartikelabteilung, eine freie Bloggerin, die gebrauchte Kommoden umlackiert oder von mir aus die rastabelockte Tramperin, die aus ihrer Burmadurchquerung eine Buchveröffentlichung macht.

  15. Die „Brigitte“ lese ich natürlich nicht. Dennoch war obiges sehr interessant. Was man allerdings nicht vergessen darf, ist dass die Presse dorthin geht, wo das Geld ist und wo die Leser kommen. Falls diese Art von Zeitschrift was falsch macht, ist sie eben von den Lesern (überwiegend dann die Frauen selbst) angetrieben. Ebenso und analog mag es zwar sein, dass „Bild“ zur Volksverdummung beiträgt, vorallem aber ist dieser Schund ein Folge der Dummheit—nicht die Ursache.

    • Nein. Ich glaube nicht, dass die Brigitte-Journalisten vorher eine Umfrage machen, ob Frauen die Edeka-Verkäuferin oder die Ballettänzerin besser finden. Ich nehme an, dass sie das selbst eintscheiden. Aber Attraktivität und Jugend wird als Verkaufsfaktor gewertet und versprochen wurde den Leserinnen etwas anderes: nämlich normale Frauen, die keine Models sind und normale Frauen, die nicht in allem Perfekt sein müssen. Es wurde also wie immer mehr verkauft, als dann erbracht wurde. Weil der Mut fehlte, auch normale Frauen zu zeigen.

  16. In einem Interview, das ich einst mit der inzwischen Literaturpreisträgerin Doris Lessing, London, führte, sagte sie zwei Sätze, die ich nie wieder vergessen habe: 1. „Der Wert einer Frau wird immer nach dem Aussehen ihrer Küche eingeschätzt, ganz gleich, ob sie vielleicht gerade einen Menschen oder ein Tier, oder die Welt gerettet, so lange auch nur eine oder zwei ungespülte Teetassen in ihrer Spüle herumstehen, gilt sie als ’schlampig‘!“ Und 2. „Das Unglück der Frauen – heißt Frauenzeitschrift!“.

  17. Dieser Artikel hat mir aus der Seele gesprochen- wozu brauchen wir Frauen, die unseren lebensweg gehen, noch mehr STress, dass wir nicht innovativ, dünn, erfolgreiche genug sind? Nicht genug oder zu viele Kinder haben?
    Danke

  18. also mir ist das Frauenmagazin aus Kindheitstagen ein Begriff in dem Zusammenhang was beim Frisör rumlag, bis man dran kam. Vor Brigitte Brigitte hieß, gab’s ein Heft namens Constanze (die Constanze gab es seit 1947, die Brigitte seit 1954. 1957 übernahm der Constanze-Verlag die Zeitschrift Brigitte und 1969 ging die Constanze in Brigitte auf)
    Den Vornamen Constanze fand ich als 7jähriges Mädchen 1968 viel interessanter…
    Wenn besagter Frisör meiner Mutter aus diesen Heften Vorschläge zeigte, wie sie ihr Haar chic schneiden lassen könnte, habe ich wohl gesagt: „Aber Mama, du bist doch keine Dame!“
    Soviel zum Image was so ein Frauenblatt für Vorstellungen zum Rollenverständnis von Müttern im Deutschland der 60ziger Jahre vorgab.
    Die Kochbücher der Brigitte-Reihe gefielen mir wegen der ansprechenden Aufmachung und den nachvollziehbaren Rezepten auch immer sehr.
    Ach und die Geschenkvorschläge zum Selbermachen vor Weihnachten, die studierte ich oft innigst und lange.
    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich sollte, glaube ich, mal wieder zum Frisör oder zum Arzt, um die aktuelle Kampagne selbst begutachten zu können.
    Der Pulli ist prima, in der Art des Schweinchens habe ich 2 Topflappen gehäckelt und meiner Mutter, die keine Dame war, geschenkt :-)

  19. Vielen Dank für diesen Artikel. In der Modebranche arbeitend sehe ich ejden Tag Berufe, die unterbezahlt und knochenhart sind. Die meisten Frauen gehen nach dem ersten Kind auf unter 50% und erhöhen das selten. Es sind die Verkäuferinnen, die Lageristinnen, die Dekorateurinnen. Ich lese diese *Frauen*zeitschriften nicht mehr, weil sie mich einfach anöden.

  20. Aber so was von wahr!
    Auch ich bin mit Brigitte aufgewachsen, hab aber nach der „ohne Model“ Campagne aufgehört sie zu kaufen! Mittlerweile lass ich sie auch im Café links liegen!
    So unecht und durch schaubar, ich bin wohl nicht die einzige Ehemalige Leserin ansonsten würde man nicht verzweifelt solche Werbung veranstalten!

  21. Ja, danke, schöner Artikel. Und auch, wenn ich selbst in einer Branche arbeite, die für Brigitte-Plakaten und in Unterhaltungs-Fernsehfilmen die offenbar einzig tauglichen Protagonistinnen liefert: Es geht mir gehörig auf den Keks. Ich möchte Alltagsberufe sehen und nicht Berufe, die nur in überschallbeleuchteten Lofts hoch über der Stadt stattfinden. Und das Trio auf dem Plakat macht mir Angst. Die Frau erinnert mich an eine der von Anke Engelke porträtierten Vorstadt-Ladies, die Kinder haben bestimmt schon einen Therapeuten. Als ich die drei gestern auf einer Wand in der Stadt sah, wurde mir ganz übel. Brks.

  22. Schade, das war aus meiner Sicht der letzte Dolchstoß für eine ernstzunehmende Zeitschrift.
    Danke für diese Einlassung, ich unterschreibe jedes Wort!
    Es ist nur ärgerlich, dass viele sehr junge Frauen sich von solcher Kampagne anstecken und unter Druck setzen lassen.

  23. Auch auf die Gefahr hin, ein klein wenig ketzerisch zu klingen: Hallo? Das ist Werbung und keine sozialdokumentarische Studie. Deinem Post ist das noch ziemlich klar, Peter, einge der KommentatorInnen scheinen das etwas durcheinanderzuwerfen.

    Ich bin jetzt nicht der regelmäßige BRIGITTE-Leser, aber die auf den Plakatmotiven gezeigten Frauen kommen doch wohl aus den Bereichen (Mode, Schmuck, Kultur), die auch in der Zeitschrift Thema sind? Aber vielleicht liege ich ja falsch und diese Zeitschrift widmet den von Dir angesprochenen Beispiele Bergbau, IT und Pommesbuden alle 14 Tage seitenlange Artikel.

    Die Kritik an der Kampagne ist allerdings insofern berechtigt, als daß uns die BRIGITTE und mit Ihr die Werbeagentur Thjnk weißmachen will, dieser relativ klar umrissene Gesellschaftsausschnitt repräsentiere eine ganze Generation. Das sind mitunter kontraproduktive Rollenvorbilder, da gebe ich Dir recht. Nur scheint mir das ein Problem des gesamten Journalismussegments ‚Frauenmagazine‘ zu sein, nicht speziell das einer einzelnen Werbekampagne.

    Aber wie gesagt, vielleicht unterschätze ich da auch die Grabenkämpfe innerhalb der Branche und werfe die BRIGITTE zu sehr mit der InTouch & Konsorten in einen Topf. Von außen sehen diese Abgenzungsversuche jedenfalls nur wie Nuancierungen aus, wenn man wahlweise gehässig oder ehrlich ist.

  24. Stimmt.
    Ich hätte gern die männerzeitschrift „Günther“
    Und welche Berufe und Männer kämen darin vor.
    Brigitte ist nicht cool. Sie ist nur die beste der nervenden.
    Wenn sie cool wären gäbe es schon lang die „Brigitte man“
    Die „Günther“ – sag ich doch.

  25. Sehr guter Artikel! Leider habe ich das Gefühl, dass es immernoch genug Frauen gibt, die diesem vorgelebten Frauenbild nachstreben und in dem typischen Rollenverständnis verharren.

    • Natürlich streben wir diesem Bilde der perfekten Karrierefrau und perfekten Mutter, die alles hin bekommt und dabei noch grandios aussieht und Kleidergröß 34/36 trägt, nach, so lange es uns durch alle Medien vorgelebt wird (von Bierwerbung, über Kleiderwerbung, Filme und Serien bis zu den Bildern auf Firmen-Homepages mit den perfekten schlanken, jungen Karrierefrauen…)

  26. Danke für die gute Zusammenfassung dieses Irrwegs. Auch ich habe mich mit der „Ohne Models“-Campagne von der Zeitung versabschiedet, die bei uns traditionell von Oma, Mutter und Tochter gelesen wurde (bei meiner Mutter liegt sie auch nicht mehr rum). Dieses „Ohne Models“ war so verlogen und anstrengend, dass es auch bei mir nach hinten losgegangen ist. Ich hätte mir Normalfrauen in Durchschnittsgrößen gewünscht, die Zeit wäre reif dafür gewesen. So habt ihr verfestigt, dass frau sich in Gr. 42 wie „oversized“ fühlt. — Über den neuen Coup wurde mir schon telefonisch von einem emanzipierten Mann berichtet. So ein Schmarrn!

  27. Genauso isses!

    Wir brauchen keine optimierten, funktionierenden, perfekten Modelle.

    Ich will nicht funktionieren. Ich möchte die Fülle meines eigenen Lebens ausschöpfen. Ich will nicht irgendein Soll erreichen (schön sein, dünn sein, Kinder haben, den „richtigen“ Mann, Karrriere, Geld, Sicherheit), sondern meinen Träumen und Bedürfnissen folgen.

    Ich will mein Leben so leben, wie es zu mir passt, und die Vielfalt der Frauen, Männer, Menschen um mich herum genießen. Wohin mich mein Weg noch führen wird, ist offen. Auch Irrwege erhöhen die Ortskenntnis.

    Deswegen würde ich so eine Kampagne dann begrüßen, wenn sie Frauen in aller Vielfalt zeigen würde: alte, junge, dicke, dünne, auf den verschiedensten Berufs-, Familie- und Liebeswegen, mit und ohne Kinder.

    Der Schweinepullover ist übrigens allerliebst!

  28. Sehr schöner und vor allem stimmiger Artikel – danke dafür! Da kann ich bei fast jedem Absatz einmal kräftig nicken, auch wenn ich nie eine wirklich enthusiastische oder regelmäßige Brigitte-Leserin war.
    Leider hatten sie nie den Mut, auch mal Frauen vor die Kamera zu stellen, die kleine Fettpölsterchen, sprich: Normalfiguren, hatten. Frauenleben sind vielfältiger, tiefschichtiger, und vor allem selten eine so herausragende ‚Erfolgsgeschichte‘ wie die porträtierten.

    Wo wird denn einmal der Putzfrau, die als Alleinerziehende ihre gesamte Nachkommenschaft und sich selbst damit durchbringt, gezeigt? Oder die Supermarktkassiererin, die trotz Dumpinglohn und miesen Arbeitszeiten noch nett und freundlich zu ihren Kunden ist, obwohl sie zuhause noch den ganzen Haushalt inclusive Kinder managen muss? Das fehlt mir wirklich in solchen Zeitschriften.

    Btw.: Toller Schweinepullover. Ich hätte das definitiv nicht hinbekommen :D

  29. Sehr gut gestrickt! Und dein Blogbeitrag auch. Deine Sicht ist distanziert, aber zugewandt, reflektiert und lösungsorientiert. Für heute Abend: bon Appetit!

  30. Chapeau für diesen Artikel. Ich habe es mir abgewöhnt, die „Brigitte“ in die Hand zu nehmen, sogar in Wartezimmern. Und zwar deshalb, weil ich mich von ihr – wie von unzähligen anderen Frauenzeitschriften auch – nicht angesprochen fühle. Meine letzten Impressionen der Dargestellten sind geprägt von glatten Biografien (oder der Variante „Ich hab‘ es trotzdem geschafft!“), von langweiligen und lebensfernen Geschichten, gelackten Freundschaften, Cupcakes, Prosecco und Basteltipps für die gute Laune.

    Das hat mit Frauenleben wenig zu tun, mit Leben ohnehin. Die auf den Plakaten dargestellten sind wie Abziehbildchen, wie Charaktere aus einer schlechten Soap. Der Anspruch, „all die Facetten der Frauen Deutschlands“ zu zeigen, ist furios gescheitert.

  31. Hätte gestern fast deswegen einen Unfall gebaut. In Düsseldorf hängen auch Plakate. Da lachte mich Sina Trinkwalder von einem aus an. Manomama! Toll! Brigitte! Toll! Generation Frau! äh.. WTF?
    Da möchte man direkt ein Abo abschließen, um es aus Wut wieder kündigen zu können.

  32. Danke, Peter! Selten habe ich mich besser vertreten gefühlt.

    Brigitte sagt: „Ivona Bruun und ihre Kinder sind gefragte Fotomodels.“

    Schön für sie. Was hat das mit mir zu tun? Soll ich meine Kinder auch in die Öffentlichkeit zerren? Ab sofort scharf wie Metall aussehen?

    Die Kampagne erinnert mich an die 50er, als man jenes neue Frauenbild in der Werbung anpries. Angepasst sein, dem Mann recht geben, Frauengold trinken und alles mit links zum Wohle der anderen erledigen. Ich glaube nicht, dass wir Frauen derartige Kampagnen brauchen, ganz egal, welchem Bild wir nun wieder entsprechen sollen.

    Herzlich!
    angela

    (Du könntest natürlich eine sinnlose Gegenkampagne starten: Männer, die Schweinepullis stricken und trotzdem Karriere machen. ;-) Très chic!)

  33. Sehr gut. Aber darüber bin doch sicher nicht nur ich gestolpert: „Die Fotos sind toll und die Frauen attraktiv. Was soweit okay ist, ihr seid schließlich kein investigatives Politmagazin, sondern eine Frauenzeitschrift.“ Frauen, die in Politmagazinen auftreten, sind demnach nicht attraktiv? Oder dürfen es gar sogar nicht sein? Der Satz macht vielleicht mehr Sinn, wenn anstelle von „attraktiv“ das Wort „herausgeputzt“ stehen würde?

  34. Hab die Kampagne gestern zum ersten Mal gesehen, konnte aber nicht so ganz in Worte fassen, was mich daran stört. Du hast es.

    Der Pullover ist super.

  35. Hallo Herr Breuer, kleiner Lesetipp: wesentlich erfrischender als die Mutter „Brigitte“ ist die Tochter „Brigitte Mom“ . Da darf frau auch mal genervt sein und Kinder, Küche, Kerl und Karriere NICHT unter einen Hut bringen. Beste Grüße

  36. Sehr, sehr gut beschrieben, was irgendwann augenfällig wurde, gerade wenn man die Zeitschrift nicht regelmäßig verfolgt hat.
    Man kann froh sein, dass sie immer noch „Brigitte“ heißt, nicht „Ursula“, aber das scheitert vermutlich nur an den verkaufssperrigen „U“-Vokalen, nicht am vermittelten Vorbild.

    Vorbildlicher Schweinepullover, erinnert an Marundes Landleben / Schweine-Cartoons, ebenfalls damals, in der „Brigitte“. :-)

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