Het Dubbeltje

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Niederländische Wohnzimmerfenster sind Möbelschaufenster. In dem Land, in dem die Vorgärten kurz und die Hecken niedrig sind, leben Gardinenhersteller seit Jahrhunderten in tiefer Armut und für Passanten reicht der freie Blick in Privathäuser vom Bordstein bis in den rückwärtigen Garten.

Wegen der „Gardinensteuer“, munkeln Halbgebildete, deren Erklärungsmodelle für die unbehinderten Blickachsen auch gerne die calvinistische Askese ins Feld führen. Der bescheidene Fromme habe nichts zu verbergen, lebe ohne Prunk und verzichte auf die unaussprechlichen Dinge, die sich hinter blickdichten Gardinen tun lassen. Das könnte allerdings auch eine Überinterpretation sein, denn das, was zu sehen ist, wenn man indiskret in die Wohnstuben blickt, kann sich durchaus sehen lassen: Innenarchitektonisch hat unser Nachbarland viel zu bieten und manchmal sieht man sogar, wie ein Calvinist mit Genuss ein Glas Bier trinkt.

Ein neuzeitliches Phänomen bereichert das Rätsel der niederländischen Fenster um einen völlig neuen Aspekt. Seit einiger Zeit haben die gardinenlosen Fenster im unteren Drittel dekorativ nachgerüstet. Auf den Fensterbrettern, die bisher ein Sammelsurium von Fundstücken, Kerzen und Souvenirs waren, ist das „Verdubbelen“ eingezogen. Das mittlere Wohnzimmerfenster bleibt bei diesem Phänomen spartanisch kahl, um die Inszenierung von jeweils zwei Gegenständen zu betonen: Das können zwei schlanke Vasen, zwei identische Schwäne oder ein doppelt gekauftes Trockenblumenensemble sein.

Vor rund fünfzehn Jahren fing es an und breitete sich vom Norden kommend bis nach Limburg aus. Erneut ranken die Mythen und auch im allwissenden Internet bleiben Fragen unbeantwortet. Warum immer genau zwei Gegenstände, warum nie drei? Ist es ein Code, ein ins Fenster verlagertes Geheimzeichen wie das Aquarium in chinesischen Restaurants, das der Mafia angeblich Zahlungsbereitschaft signalisiert und inzwischen als ähnlicher Mythos wie die Gardinensteuer entlarvt wurde?  Oder vielleicht eine Ode an das „Dubbeltje“ – das 10 Cent-Stück, das vor der Euro-Einführung das einzige holländische Geldstück mit Kosenamen war.

Religiöse Aspekte, ein Vase gewordenes Kain & Abel, David & Goliath, Petrus & Paulus, schließt Pastor Huub aus und sagt: „Ik heb ook twee vazen ​​.“ Er sieht es nüchterner und glaubt an die Geschäftstüchtigkeit seiner Landsleute, die eventuell Mengenrabatte beim Vasenkauf heraushandeln. Im Handel jedenfalls ist der Trend längst angekommen und Dekogegenstände aller Art werden im Doppelpack präsentiert. Und wieder sind es nie drei, nie fünf  Gegenstände, sondern immer zwei, die im Regal stehen. Und zwar ohne Mengenrabatt.

„Es ist ganz einfach“, meint der Blumenhändler, der über ein großes Sortiment doppelter Vasen verfügt: „Doppelt sieht gut aus. Das mögen die Leute.“ Er verweist auf IKEA, wo in den Märkten die Reihung von Serienprodukten das Einzelstück wertvoller aussehen lasse. Ein verspätete Pop Art-Strömung, die Doppelvase als Deko-Warhol also. Der Blumenhändler wickelt für eine Kundin behutsam eine langstielige Lilie in Seidenpapier. „Wirklich nur eine? Das ist selten.“

 

 

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Ein Gedanke zu “Het Dubbeltje

  1. Feng Shui – doppelte Dekogegenstände begünstigen das Partnerglück!

    (Blumen jedoch stets in ungrader Anzahl …)

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