Hyposensibilisierung

Das Immunsystem reagiert auf Allergene. Weil die sich nicht vermeiden lassen, wird als eine mögliche Therapieform durch hohe Gaben dieser Allergene die Toleranzschwelle des Körpers hinaufgesetzt: Kommen sie nach dieser Behandlung in der Umgebung des Betroffenen vor, ist er zwar immer noch Allergiker, reagiert aber kaum oder nicht mehr auf die Stoffe, die sein Immunsystem ablehnt.

Eine ähnliche Abstumpfungsreaktion nehme ich bei fast allen Themen wahr, die in den vergangenen Monaten in sozialen Medien diskutiert werden. Ganz aktuell ist der Rassismus-Vorwurf gegen das ZDF. Markus Lanz forderte in seiner „Wetten, dass..?“-Stadtwette die Bürger Augsburgs auf, sich im „Jim Knopf“-Outfit am Übertragungswagen zu sammeln. Jim Knopf ist der schwarze Lokomotivführer der Augsburger Puppenkiste und er ist vermutlich nicht schwarz, weil der Kinderbuchautor Michael Ende ein Rassist wäre, sondern weil die Lokomotive seines Freundes Lukas mit Kohlen fährt. Die Assoziationskette Schwarz-Kohle ist jetzt nicht so ein Megaburner, aber das Buch ist von 1960 und Jim Knopf ist kein Stereotyp-Schwarzer, sondern einfach nur ein kluges Kind.

Warum die Wette von Lanz explizit rassistisch ist? Weil ausdrücklich keine schwarzen Augsburger gesucht waren. Es ging um Schuhcreme und Kohle und den Schenkelklopfer, dass weiße Augsburger „den Neger“ geben. Das hat eine unheilige Tradition und Anatol Stefanowitsch und Marie-Sophie Adeoso haben besser über das „Black Facing“ und die Herkunft dieser Rassismen geschrieben, als ich es könnte.

Daneben war diese Wette auch einfallslos und peinlich. Diese Männerballett-Peinlichkeit, bei der sich schlichte Gemüter in die Hose pinkeln vor Lachen, weil unter einem Tutu ein ungelenkes behaartes Bein hervorlugt.

Leider hatte die folgende Diskussion – wie viele andere zuvor – auch eine eigene Dynamik: Auf die, die das Black Facing als solches benannten, folgten die Vielen, die aus der Unsensibilität der quasi-staatlichen Institution einer abgewirtschafteten „Wetten dass..?“-Show versuchten, ein bisschen mehr Honig zu saugen. Diese Aufregung zog wiederum reflexartig all die an, denen es traditionell ein Fest ist, den „Gutmenschen“ und „Moralisten“ eins auszuwischen. Diese neokonservativen Dieter Nuhrs, die in Deutschland ein klatschbereites Publikum für den billigen Syllogismus finden, die mögliche Abschaffung des Zwarten Piet in den Niederlanden sei ein Vorbote eines Osterhasenverbots.

Es sind die üblichen Argumente, die sich wie immer so zusammenfassen lassen: „Alles wollen sie uns nehmen, erst klauen sie uns das Fleisch in der Kantine, dann soll die Zigeunerwurst anders heißen, morgen fordern sie Tempolimits und jetzt wollen sie auch noch schwarze Schuhcreme verbieten. Hechelhechel – lächerlich.“ Das alles bei hoher Drehzahl und ohne Chance auf Entrinnen.

Die Taktrate des Wortes „Rassismus“ war in der Folgezeit hoch genug, um zu vergessen: Kaum ein Erwachsener, der seine Sozialisation in diesem Land erlebt hat, verfügt über Denkmuster, die völlig frei von Rassismen sind. Der Begriff „Rasse“ ist in unserem Sprachgebrauch längst durch das euphemistische „kulturelle Unterschiede“ ersetzt worden und es gibt neben den direkten Rassismen viele verdeckte indirekte Facetten, mit denen wir Formen der Abweichung von der Mehrheit sanktionieren oder diskriminieren. (Was nebenbei natürlich auch jede andere Form von Anderssein betrifft.)

Was an diesen Diskussionen gefährlich ist: Die Dosis macht nicht nur das Gift – sie stumpft sogar ab, statt zu sensibilisieren. Und das ist kein Problem der Diskussion selbst, sondern eines der Medien, in denen sie stattfindet. Die beiden oben genannten Beispiele sind Positivbeispiele: In einem Blogbeitrag oder einem längeren Text lässt sich ein Sachverhalt in einen Kontext setzen, während 140 Zeichen nur polarisieren können. Manchmal sollte man es sich auch verkneifen und ich muss das auch noch üben. Schnauze halten ist definitiv besser als Ironie.

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