Godehard

Flughafen

Godehards althochdeutscher Vorname war das Auffälligste an seiner Person. Er war zwar groß und hatte einen kanisterförmigen Kopf, aber es war, als trüge er eine Tarnkappe. Im Soziogramm von einhundert Abiturienten war er der kleine Punkt am Rand. Eine dünne Linie führte zum verschrobenen Primus, mit dem er in den großen Pausen am Rand des Schulhofs seine Bahnen zog. Der Primus referierte über Clausewitz und würzte seine Monologe mit lateinischen Zitaten. Godehard nickte und beide verschränkten ihre Arme hinter ihren eng geschnürten schwarzen Mänteln.

Im Unterricht blieb Godehard ein Schatten, der zwar gute Klausuren schrieb, aber ansonsten schweigend auf seine ordentlich geführten Hefte starrte. Auf seiner Aktentasche – Godehard hatte weder eine der Jutetaschen der freakigen Peer-Group, noch einen Diplomatenkoffer der frühreifen Karrieristen, sondern eine biedere schwarze Aktentasche wie ein älterer Herr – klebte ein blauer Aufkleber. „Glider Pilots are better lovers“. Den musste er geschenkt bekommen haben. Godehard hatte sich nie für ein Mädchen interessiert und ein Flugschein klang zu verwegen für seine Person.

Beim Fußball war er nicht der Letzte, der von den Leitwölfen in ihre Mannschaften gewählt wurde, doch sein Name fiel bei diesen Popularitätsabstimmungen immer erst gegen Ende und nach dem Wort Godehard kam lediglich noch der Halbsatz „…und ihr kriegt die ganzen restlichen Krüppel“. Er war nicht einmal bedeutend genug, Letzter zu werden. Niemand hatte ihn je außerhalb der Schule gesehen. Im Tanzkurs war er nicht, obwohl er als einziger schwarze, gut geputzte Schuhe mit Ledersohlen trug und am Abend der Abiturfeier saß er lächelnd und allein mit seinen Eltern an einem Tisch und trank ein Wasser. Godehard hatte ein solides Abitur gemacht, seine Leistungen in naturwissenschaftlichen Fächern waren gut. Wahrscheinlich würde er eine Ingenieurwissenschaft studieren. Es gab kein Wort zum Abschied, denn man würde ihn vermutlich ohnehin schnell aus den Augen verlieren.

Zwei Monate nach dem Abitur stand Godehard in der Zeitung. Die Schleppkupplung der Maschine, die sein Segelflugzeug zog, hatte sich verhakt. Über der Startbahn des örtlichen Flugplatzes fiel er senkrecht vom Himmel. Godehard war doch Glider Pilot gewesen. Man konnte ihm nur wünschen, dass er auch ein Lover war.

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