Musterhäuser

fertig

Die Betreiber der Fertighausausstellung waren irgendwann darauf gekommen, dass ihre menschenleeren Musterhäuser mit der Standardmöblierung möglicherweise eher abschreckend, denn verkaufsfördernd wirkten. In Anzeigen suchten sie nach Musterpaaren, die das Ambiente beleben sollten. Angesichts des knappen Wohnraums fanden sich schnell Interessenten, die die Stadtnähe und das preiswerte Wohnen in einer Parkanlage schätzten. Diese Vorteile wogen für die Musterpaare den kleinen Nachteil auf, an Sonntagnachmittagen gelangweilte Städter in Straßenschuhen in ihren Wohnzimmern zu dulden.

Die Musterpaare waren vornehmlich gutaussehende junge Paare aus Büroberufen, die auch daheim nicht in Freizeitkleidung herumlümmelten, sondern in schwarzen Hosen und weißen Hemden bzw. Blusen in einer dekorativen Wohnzeitungsunschärfe durch ihr Zuhause schlenderten. Paare, denen es nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Edelstahlküchen mit fettigen Speisen zu besudeln. Sie benutzten lediglich den Jura-Kaffeevollautomaten, aßen gelegentlich ein paar im Büro gestohlene Konferenzkekse und arbeiteten sich die so zugeführten Kalorien an den Trimmgeräten im Souterrain der Fertighäuser ab.

Lediglich für das hässlichste Fertighaus in der Musterhausausstellung hatte sich nicht sofort ein Musterpaar gefunden. Nach Monaten der Suche änderten die Musterhausausstellungsbetreiber ihr Anforderungsprofil und entschieden sich für eine Familie mit drei Kindern, die ihr Musterhaus begeistert bezogen. Zum ersten Mal wurde eines der Häuser in der Siedlung so hart rangenommen, wie es in der Praxis üblich ist. Schnitzmarken in den Türstöcken zeigten das Wachstum der Kinder, ständig zog Kochdunst durch die Räume und der Hygienestandard sank auf Werte unterhalb intensivmedizinischer Bereiche. Relativ rasch wurden auch bauliche Veränderungen vorgenommen, Wände entfernt und das Zimmer der 14jährigen Gothic-Tochter tiefschwarz gestrichen.

An den Sonntagen waren die Musterhausausstellungsbesucher oft zunächst pikiert, dann amüsiert und nicht selten saßen sie nach einer Stunde Memory spielend mit den beiden jüngsten Kindern am Küchentisch. Oft blieben sie sogar auf ein Leberwurstbütterchen oder saßen später mit einer Flasche Bier neben dem Grill im Garten, der von hässlichem Plastikspielzeug übersät war. Der Fertighaustyp „Die Flodders“ entwickelte sich zum Renner und stand noch, als alle Designmodelle der Ausstellung schon durch neuere Haustypen ersetzt waren.

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