Beppo

beppo

 

Miesbach. Das Autobahnschild an der A8 ist sein Grabstein. Nicht weit von dieser Anschlussstelle ins Nichts lebte er zuletzt. In einer Werkstatt, in der er mittelalte Autos restaurierte. Was er schon in der Schulzeit tat. Drei Mal musste er ein Schuljahr wiederholen, beim zweiten Mal hatte es ihn in meine Klasse verschlagen.

Aufgrund seiner zierlichen Körpergröße war er ein Jahr später eingeschult worden und zwei Mal pappen geblieben. Natürlich war er ein Exot, als er bereits in der zehnten Klasse seinen leuchtend gelben Simca auf dem Lehrerparkplatz parkte. „Beppo“ nannten ihn die Schüler und zu seinem Unglück auch der Klassenlehrer, ein brutaler Schnauzbart, der an der Bundeswehrakademie zum Lehrer ausgebildet worden war. „Beppo, du könntest dir mal wieder die Fingernägel schneiden.“ Ein krachender Brüller für dreißig pubertäre Mitschüler, aber Beppo lächelte den Tiefschlag geduldig weg.

Nachts, in den Stockbetten auf der Klassenfahrt, erzählte er Gruselgeschichten, verschenkte Zigaretten und hatte daheim im Jugendzimmer einen verspiegelten Barschrank. Weil seine berufstätigen Eltern schon nach der ersten Ehrenrunde irgendwie das Interesse an ihm verloren hatten, hatte er mehr Freiheiten als wir anderen. Alle kamen in Beppos Haus. Nicht wegen ihm, sondern weil hier Raucherzone, Erdbeersekt und ein von Beppo instand gesetzter Flipper waren. Beppo kämpfte um Anerkennung und er tat es nicht in der Schule, sondern mit seinen handwerklichen Fähigkeiten.

Er war kein schöner Junge, eher das Gegenteil. Mit immer schwarzen Nägeln, fettigen Haaren und einem Frettchengesicht. Dem anderen Geschlecht tat er schön, indem er amtliche Boxen für Kompaktanlagen baute, tonnenschwer und mit feinstem Vogelsand gefüllt. Es waren schöne Mädchen, die Boxen von Beppo bekamen und sie ertrugen als Gegenleistung für den guten Sound, dass er behauptete, mit ihnen geknutscht zu haben.

Ein Jahr nach uns anderen machte Beppo sein Abitur, mittlerweile vier Jahre älter als seine Klassenkameraden. In jenem Somme fuhr er mir an der Ampel in mein Auto, weil er einer Frau hinterhergesehen hatte und von ihr abgelenkt den Fuß von der Bremse seines Automatikwagens genommen hatte. Wir regelten die Sache unter uns und er reparierte meinen Wagen fachmännisch.

Irgendwann hörte ich von seiner neuen Heimat in Miesbach und seiner Spezialisierung auf schwedische Youngtimer. Fünfundzwanzig Jahre später sah ich die Todesanzeige, die seine Eltern für ihn formuliert hatten. Vier knappe Zeilen, aus denen sehr deutlich sein Alkoholproblem und genauso deutlich ihre Gleichgültigkeit sprach. Er war immer ein bisschen langsamer als die anderen und gegen Ende zu schnell.

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3 Gedanken zu “Beppo

  1. Beppo Brehm, Verfasser von Brehm´s Tierleben, – das war nicht Dein Beppo, – nein, nein, – ich wurde mit Pippo-Büchern
    großgezogen, war aber noch zu jung um: Vollende diesen dummen Anfang in Deinem persönlichen Volkshochschulkurs!

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