Voodoo

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„Haben Sie Verstand von Waschmaschinen?“ Die Frage war ungewöhnlich formuliert, aber es war klar, was gemeint war. Der alte Herr, der unter mir wohnte, suchte nicht jemanden mit Ahnung, sondern einen Menschen mit Verstand. Einen zupackenden Denker, möglichst zeitlich flexibel. Denn es war 23 Uhr. An einem Samstag.

Seine Wohnung hatte ich noch nie betreten und vor gar nicht so langer Zeit hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass es je dazu kommen würde. Denn als ich meine eigene Wohnung renovierte, hatte mir seine Frau das Leben zur Hölle gemacht. Bei jedem Nagel, den ich in meine Fußleiste schlug, hatte sie mich angerufen und ausdauernd rüde beschimpft. Irgendwann warf ich den Hörer auf die Gabel (die Geschichte spielt in den frühen 90er Jahren) und verfluchte sie finster. Sechs Wochen später war sie tot. Natürlich stand beides nicht in ursächlichem Zusammenhang, aber als die Nachbarn für ihren Kranz sammelten, zog ich einen zerknitterten 50-Mark-Schein aus der Hosentasche. Nicht wissend, dass der Betrag unüblich hoch war. Der Aushang im Treppenhaus über die Kranzspenden (2 Mark, 5 Mark, 2 Mark, 50 Mark, 5 Mark) wies mich relativ eindeutig als Mörder aus.

Als ich die Wohnungstür des alten Mannes öffnete, war ich verblüfft. Er musste große Teile seines Lebens in Afrika verbracht haben: Eine grün-gelb gestreifte Basttapete, auf der gekreuzte Jagdwaffen hingen, Fotos von Safaris, Trophäen und rituelle Masken. Das beruhigte mich etwas. Möglicherweise hatte er seine Frau ebenfalls verflucht und hatte in dem Bereich sogar mehr Erfahrung als ich.

Selbst seine Küche roch tropisch. Ein fauliger, süßer Geruch, der jedoch nicht von Mangrovenbäumen ausging, sondern von einer Dose Pfirsiche, die er in seiner Spüle entsorgt hatte. Das musste schon eine Weile her gewesen sein, denn die Früchte waren in einem qualligen, aufgedunsenen Stadium, hatten den Abfluss verstopft und dümpelten im Spülwasser. Ähnlich sah es im Bullauge der Waschmaschine aus und ich stellte erleichtert fest: Meine Elektronikkenntnisse waren nicht gefragt. Der alte Mann brachte seine Hemden normalerweise in dieselbe Reinigung wie ich und er hatte sämtliche Abholzettel und Sicherheitsnadeln mitgewaschen. Ein Ball von rosa Papierfetzen und Nadeln hatte sich zwischen Trommel und Dichtung verkeilt.

Nach diesem Abend hatten wir sehr oft Kontakt. Mal habe ich etwas aus der Apotheke besorgt, mal für ihn eingekauft oder einen Behördenbrief geschrieben. Bis ich endgültig geklärt hatte, ob ich tatsächlich in der Lage war, einen Menschen erfolgreich zu verfluchen, glaubte ich, ihm etwas schuldig zu sein. Als er starb, spendete ich zwei Mark für den Kranz.

 

 

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