buerger

Vor ein paar Tagen habe ich einen Facebook-Eintrag geschrieben, der sehr lang war, aber wie das meiste in sozialen Medien doch viel zu kurz. Ich habe die Zeilen wütend runtergeschrieben und vermutlich war es gerade diese spürbare Wut, die zu so vielen Likes geführt hat. Leider war der Text bei Tageslicht betrachtet dürftig und sein Ende sogar richtig schlecht. Meine Eitelkeit ist nicht groß genug, um mich darüber freuen zu können, dass er so oft geteilt wurde und Löschen wäre feige.

Richtig hätte es heißen müssen: Ich verstehe nicht, was die PEGIDA-Demonstranten in Dresden und anderswo auf die Straßen treibt. Ich würde sie gerne verstehen, aber ich kann es im Moment leider nicht. Es gibt keine einfachen Rezepte und ich habe keine Antworten auf die Gesamtheit des Falschen, was dort gesagt oder im Netz geschrieben wird. Was ich aber kann: Immer dann, wenn ich im direkten Umfeld etwas erlebe, das ich für falsch und inhuman halte, dagegen zu halten. Windmühlenartig, in der Hoffnung, dass irgendetwas davon pappenbleibt.

Es ist so schwer, für etwas zu werben, das so immateriell ist wie ein freies und demokratisches Land, das seinen Bürgern und allen, die sich in ihm bewegen, große und gut überdachte Rechte einräumt. Diese Freiheit kann man nicht einfach kaufen – das macht es schwierig, ihre Vorteile zu formulieren und ihr Zustand hängt zu großen Teilen davon ab, dass man ihren Zustand selbst jeden Tag ein Stück besser macht. Bezogen auf die Wiedervereinigung ist das ein Vorwurf an Helmut Kohl, der sich den historischen Tag als Orden anheftete, statt ihn als gesamtdeutsche Selbstverpflichtung zu gestalten.

Ich halte den Lookismus, der in Tumblr-Blogs die PEGIDA-Demonstranten und ihre Aussagen zeigt, für falsch. Auch die Häme gegen die Hämischen bringt uns keinen Meter weiter. Natürlich machen mich die O-Töne, die ich gehört und gelesen habe, nicht nur ratlos, sondern auch wütend. Aber allein zu sagen: „Du bist dumm!“ ist Gesinnungskabarett, bei dem man sich im Gefühl des eigenen Besserwissens wohlig einpupst. Also ziemlich genau das, was ich bei meinem Facebook-Post auch getan habe. Die „Tools“, mit denen man seine Freundeslisten von PEGIDA-Anhängern und Helene Fischer-Fans säubern kann, sind – wie dieser Zusammenhang, den ich mir leider nicht ausdenke – kein wirksames Instrument, sondern ein weiterer Keil, der notwendige Dialoge unmöglich macht. Was ich allerdings weiterhin glaube: Wer eine Demo nicht verlässt, auf der Nazi-Parolen gebrüllt werden, macht sich schuldig.

Im November saß ich im Auto und hörte im Deutschlandradio eine Reportage über die Einwanderungspolitik der USA. Die neuen US-Bürger schworen in einer kalifornischen Messehalle eine Eidesformel auf ihr Einwanderungsland und dessen Verfassung, an deren Ende sie als Bürger der USA begrüßt wurden. Viele der Teilnehmer waren irgendwann illegal aus Mittelamerika eingereist und schworen voller Inbrunst auf die Verfassung ihrer neuen Heimat – einer Heimat, die sie sich ausgesucht hatten, um für sich und ihre Familie eine Zukunft zu sichern, für die es sich lohnt, zu leben. Die Begrüßung „You are now citizen oft he USA“ ging in dem Jubel der Menschen unter, die viele Pflichten gegen viele Rechte tauschten.

Tatsache ist: Die Geburtenrate in Deutschland ist viel zu niedrig, um die Sterberate auszugleichen. Zwar wünschen sich konservative Politiker ausdrücklich die Zuwanderung von qualifizierten Migranten, die unseren Wirtschaftsstandort stärken. Migration soll dabei Probleme lösen, aber der indische Informatiker mit perfekten Deutschkenntnissen, der nahtlos bei SAP in Walldorf eincheckt, ist wie die Fotografie auf der Hawesta-Dose mit einem Heringsfilet in Paprikasauce. Ein Garnierungsvorschlag, mehr nicht. Es gibt keinen Grund für die „Angst der Abgehängten“, denn wir brauchen nicht nur Hochqualifizierte: Deutschland braucht jeden, der mit anpackt, um unser Gemeinwesen am Laufen zu halten. Als Informatikerin, als Krankenpfleger, als Betriebswirtin und als Maschinenbediener.

Die Realität meint es doch ohnehin schon gut genug mit uns. Denn die, die sich wegen politischer und religiöser Repression, Krieg und Hunger auf den Weg machen und es bis zu uns schaffen, haben nicht nur ihr Leben gerettet – es sind auch die Zähen, Gesunden und Findigen. Wir müssten viel mehr über sie wissen, um zu begreifen, wie wichtig sie für unser Land sind und es ist an uns, ihnen das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein. Was wir kennen, sind Bilder der Armut, nicht der Anmut. Dafür braucht es Beschäftigung – diese Zeit sollten wir uns nehmen.

Als ich zur Welt kam, war der zweite Weltkrieg nicht ganz 20 Jahre vorbei. Circa sechs Millionen Juden waren dem Holocaust zum Opfer gefallen, weitere 70 Millionen starben in einem wahnsinnigen Krieg. Das schien mir als Jugendlicher so weit weg, aber 20 Jahre kommen mir heute vor wie ein Wimpernschlag. Umso unfassbarer erscheint mir vor diesem Hintergrund das Glück des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: Wir dürfen nie vergessen, aber das ist nicht nur ein Aufgewicht, das ist die große Chance, die wir als Land bekommen haben. Dafür muss man werben und darf sich nicht verkämpfen. Nicht gegen die Revisionisten und Leugner, sondern für die, die heute zu uns gehören wollen. Was uns fehlt, ist das Gefühl, als Land ein Gemeinwesen zu sein. Wir dürfen das Feld nicht den Hetzern überlassen. Egal, in welche Richtung sie hetzen.

Das Problem sind nicht die PEGIDA-Demonstranten, es sind in erster Linie die Brandstifter, die sie vor die Semperoper treiben. Es sind einige wenige Boulevard-Medien, die sehr bewusst aus Islam Islamismus und aus Salami Salafismus machen. Es sind Politiker, die für 15 Minuten Ruhm und der Gewissheit einer prägnanten Schlagzeile lügen und wider besseren Wissens Zusammenhänge vereinfachen. Jeder von uns muss die Augen offen halten und tun, was in seiner Macht steht. Es ist bestimmt nicht einfach, aber wenn es einfach wäre, wäre es vermutlich auch falsch.