Das Lied der Strümpfe

Socken

Einer meiner besten Freunde ist Zwangscharakter. Nein, Frank muss nicht kontrollieren, ob die kleine Lampe im Kühlschrank wirklich ausgeht und er schlägt auch kein Kreuzzeichen um jeden Lichtschalter, den er berührt. „Ich habe keine Ticks“, sagt Frank, „ich habe einfach nur Prinzipien und bin außerdem praktisch veranlagt“. Beim Kochen von Gemüse beachtet er ein bestimmtes Farbkonzept und tatsächlich sehen die Komplementärfarben seiner rot-grünen Aufläufe wunderbar aus. Frank kauft ausschließlich rundes Brot, weil er es nicht erträgt, wenn vier Brotecken nicht von seiner Lieblingssalami bedeckt sind und er sammelt Weinkorken nicht aus Umweltschutzgründen, sondern weil er plant, irgendwann eine Schwimmweste daraus zu knüpfen.

Er wird das wirklich tun. Bisher hat er noch jede seiner spleenigen Ideen in die Tat umgesetzt. Und egal, auf welche seiner Eigenschaften man ihn anspricht: Frank kann alles erklären. Schlüssig und mit guten Argumenten. Das ist manchmal ermüdend, deshalb achten seine Freunde mittlerweile darauf, ihn nur auf offensichtlich nicht von der Norm abweichende Dinge anzusprechen. In der Hoffnung, Frank damit nicht in den gefährlichen Erklärmodus zu versetzen.

„Schöne Socken hast du an“, sage ich und glaube, damit kein allzu heißes Eisen angeschnitten zu haben. „Ja, es sind Markensocken aus reiner Wolle, die es seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts weltweit zu kaufen gibt. Deshalb habe ich mich schon vor vielen Jahren für dieses Modell entschieden. Ich habe ausschließlich schwarze Socken derselben Größe und Passform. Hast du dir je Gedanken darüber gemacht, wie viel Lebenszeit mit dem Sortieren von Socken verplempert wird?“ 

Habe ich nicht. Verdammt. Ich bin schon wieder in eine Falle getappt – er ist so ein hilfsbereiter und herzensguter Mensch und ich würde niemals unsere Freundschaft aufs Spiel setzen, aber kann denn nicht ein einziges Mal etwas ganz normal sein?

„Wäscht man einmal pro Woche, sind es etwa sieben Minuten, die man braucht, um die Socken zu ordnungsgemäßen Paaren zusammenzufügen. Rechnet man das auf 60 Jahre hoch, sind es bereits 22260 Minuten oder 371 Stunden oder 15,5 Tage, die man komplett mit dem Sortieren von Socken verschwendet. Deshalb: Nur schwarze Socken desselben Fabrikats.“

Es ist wie immer. Franks Gedanken sind leider auch von einer bestechenden Logik. Ich hasse das Sortieren von Socken und habe kaum noch die Kraft, seiner Argumentation etwas entgegenzusetzen. „Was“, wende ich müde ein, „was aber, wenn sich die Socken im Laufe der Zeit unterschiedlich entfärben? Musst du dann nicht zwangsläufig viel akribischer sortieren? Ein helles Anthrazit am linken Fuß passt doch nicht zu einem tiefen Schwarz am rechten.“ „Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht“. Wie schön wäre es, er hätte nicht, aber jetzt bin ich neugierig. „Dein Einwand ist berechtigt, aber ich habe dem vorgebeugt: In einer ersten Versuchsreihe habe ich deshalb bei Null begonnen. Das heißt, ich habe 30 nagelneue Paare gekauft und die Socken gleichmäßig über zwei Jahre getragen. Es gab nie ungleiche Paare und zum Schluss hatten alle dasselbe verwaschene Anthrazit. Der Nachteil: In einem Zeitraum von einem Monat gingen auch alle Socken auf einmal kaputt.“

Er hat mir dann kurz dargelegt, wie es richtig funktioniert und heute arbeite auch ich nach Franks ausgereifter Methode: Man muss – ausgehend von einem Grundkontingent – die schwarzen Socken zeitversetzt nachkaufen. Immer im Abstand von einem Monat. Beim Waschen wirft man alle Socken gleichzeitig in die Trommel. So geben die frischen Socken Farbe ab und färben damit die älteren Socken nach. Es ist ein wunderbares Prinzip und ich habe damit schon heute viel Zeit gespart. Zeit, die ich in das Knüpfen einer Schwimmweste investiere, aber das ist eine andere Geschichte.

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Ein Gedanke zu “Das Lied der Strümpfe

  1. Danke. Ein schöner Einstieg in die Woche, die hier in Tübingen hamburgisch-nasskalt, beginnt. Wollsocken scheinen mir da ein probates Mittel gegen die äußere und innere Kälte. Dein Freund Frank sollte sich bei Burlington oder Falke bewerben als ACM, Absurd Communication Officer. Unsere Branche braucht echte Querdenker im Beckettschen Sinne.

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