Unter Strom. Ein Filmskript.

Elektrizität

Der Film startet unschuldig und beschaulich. Wir lernen mit Philipp einen behütet aufwachsenden Dreizehnjährigen aus Höxter kennen, der sehr gerne elektronische Experimente durchführt. An einem Samstagnachmittag, seine Eltern sind auf einer ausgedehnten Einkaufstour in Bielefeld, arbeitet er im Hobbykeller an einem komplizierten Schaltkreis. Irgendetwas geht schief und die elterliche Kühltruhe fällt über viele Stunden aus.

Philipp erzählt seinen Eltern nichts von seinem Malheur und wenige Tage später bereitet seine Mutter eine provenzalische Fischpfanne zu. Nicht ahnend, dass die Kühlung in ihrer Truhe lange Zeit unterbrochen war. Da Philipp nicht gerne Fisch isst, sterben allein seine Eltern an einer qualvollen Fischvergiftung. Seine Taufpaten, ein wohlhabendes Unternehmerehepaar aus Paderborn, nehmen ihn auf. Sie haben Philipp aufwachsen sehen, es gibt ein starkes inneres Band zwischen ihnen und er lebt sich rasch bei ihnen ein.

Doch auch in seinem neuen Zuhause lassen ihn seine elektronischen Experimente nicht los. Eines Tages manipuliert er die heimische Alarmanlage, die daraufhin defekt ist. Wiederum erzählt er niemandem von seiner fehlgeschlagenen Bastelarbeit und die Alarmanlage schlägt daher auch nicht an, als das Haus seiner Zieheltern von einer Gangsterbande überfallen wird. Beide sterben im Kugelhagel der Verbrecher, die den verschüchterten Philipp in einem Kleiderschrank finden und zusammen mit ihrer Beute nach Südfrankreich entführen.

Die folgende Zeit wird psychologisch zu einer harten Prüfung für ihn: Er trauert zwar um seine Zieheltern, aber seine eigene Schuld an ihrem Tod lässt ihn zugleich auch eine perverse Verbundenheit mit den Gangstern entwickeln. Außerdem fasziniert den inzwischen Sechzehnjährigen die Coolness der Verbrecher und ihr sicherer Umgang mit halbautomatischen Waffen. Immer öfter ist er nachts als Helfer bei Überfällen und Einbruchdiebstählen beteiligt und genießt tagsüber die Leichtigkeit des Lebens in Südfrankreich. Er trägt Espandrilles, raucht Maiszigaretten und steigt rasch zum Gehirn der Gangsterbande auf, die sein technisches Geschick schätzt. Sogar für Fischgerichte kann er sich plötzlich begeistern.

Der Einbruch in eine Bank in Nizza ist zwei Jahre später sein Meisterstück: Er hat die Gangsterbande überredet, einen Teil der Beute aus dem Raub an seinen Zieheltern im Tresor der Bank zu lagern und besucht den Tresorraum regelmäßig, um diskrete Messungen vorzunehmen und funkferngesteuerte Sensoren an verschiedenen anderen Schließfächern anzubringen. Den kompletten Tresorraum hat er in einem 3D-Programm nachgebaut und irgendwann hat er heimlich alles verkabelt: Für den groben Teil – Erdbewegungen, leichte Sprengungen und Arbeiten mit der Eisensäge – sind die Gangster verantwortlich. Er sitzt außerhalb der Bank in einem Sportwagen und bedient die Fernsteuerung, die mit einer extremen Hochspannung auf die ausgewählten Schließfächer deren Sperrmechanismus außer Kraft setzen soll.

Leider zündet er die Fernbedienung wenige Sekunden zu früh und tötet seine fünf Komplizen mit Hochspannungen jenseits von 10.000 Volt. Er betritt den Tresorraum, räumt rund 16 Millionen Schwarzgeld aus den Schließfächern und fährt mit dem Sportwagen zurück nach Paderborn. Dort stellt er sich der Polizei, der er eine leicht geänderte Version seiner Geschichte erzählt. Endlich kann er das Erbe seiner Zieheltern antreten und leitet fortan deren Fabrik für elektronische Zeitschaltuhren, die von der „Stiftung Warentest“ regelmäßig mit der Note „Sehr gut“ bedacht werden. Das Wirtschaftsmagazin „Brandeins“ widmet ihm die Titelgeschichte mit der Headline: „Unter Strom, der blutjunge Tüftler aus Ostwestfalen“.

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