Oksana

oksana

Ihr Foto im Netz hatte ihn verrückt gemacht. Immer wieder rief er die Seite auf und löschte jedes Mal direkt danach den Browserverlauf. Die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme war eine Handynummer, ihre Adresse irgendwo am Rand der Großstadt. Sehr diskret. Zwischen einem billigen Möbelmarkt und einer Autolackiererei, das hatte er längst auf der Karte nachgesehen. Kurz vor Feierabend tippte er eine SMS und benutzte dafür sein Firmenhandy. „Donnerstag, 17 Uhr? Frank.“. Er hieß Stefan, aber ihr Name war sicher auch nicht „Oksana“.

Später am Abend, während er mit seiner Frau und den Kindern beim Abendessen saß, spürte er das Handy an seinem Oberschenkel brummen. Sie aßen zu Ende und er brachte die Kinder ins Bett. Erst als er die beiden auf die Stirn geküsst hatte und mehrmals versichert hatte, dass er am Samstag, allerspätestens am Sonntag mit ihnen in den Wildpark fahren würde, durfte er das Kinderzimmer verlassen. Auf der Toilette schaute er auf sein Telefon. „Okay. Oksana.“ Er ging ins Wohnzimmer zu Alexa, die eine Talkshow sah. „Und? Gute Gäste?“ Alexa nickte wortlos und er rutschte näher an sie heran. Ihr Körper war warm und sie roch ganz leicht nach Bratkartoffeln. Nach fünf Minuten war er eingeschlafen.

Am Donnerstag war er im Büro merkwürdig aufgekratzt. Er beteiligte sich an einem albernen Schreibtischstuhlrennen der Auszubildenden und gewann sogar, weil er jede Kurve kannte und die Teppichfalte vor dem Kopierer sauber nahm. „So habe ich sie noch nie erlebt“, sagte Hartmann, mit dem er seit Jahren zusammenarbeitete. „Es ist Mai“, sagte er, „da liegt etwas in der Luft. Ich weiß es auch nicht. Hormone vielleicht?“ Hartmann schob ihm einen Stapel Papiere zu. „Lesen Sie das mal, dann verschwinden die Hormone schon.“

Unterwegs zu Oksanas Adresse hielt er bei einem Drogeriemarkt und kaufte ein billiges Deo, das er sich unter das Hemd sprühte und gleich danach in eine Mülltonne warf. Er war aufgeregt, wollte umkehren, fühlte sich schuldig, obwohl doch noch gar nichts passiert war und konnte doch nur noch weiterfahren. Die Haustür des schäbigen Mehrfamilienhauses war so bieder, so kleinbürgerlich, dass er fast lachen musste. „Oksana Müller“ – wer dachte sich solche Namen aus? Er klingelte und die dreißig Sekunden, bis der Summer ertönte, erschienen ihm wie drei Minuten. Mit Herzklopfen öffnete er die Haustür und betrat ein hellgrün getünchtes Treppenhaus. Kochdunst, Zigarettenmief und im dritten Stockwerk das Türschild von Oksana Müller.

Die Türe war leicht angelehnt. Unschlüssig stupste er gegen den Rahmen. „Komm nur rein!“ hörte er und sah eine nackte Frau im Gegenlicht eines Türrahmens. Sie trug einen Morgenmantel, der vorn geöffnet war. Sie war schön und ihre unschuldige Nacktheit in diesem Frotteestoff erotisierte ihn mehr als jede Reizwäsche. Er kannte die Frau und sie ihn auch. „Stefan?“ Jetzt lachte sie. „Interessant. Ich dachte, Ihr seid so furchtbar glücklich? Das tut mir jetzt leid, Stefan. Sorry, Frank natürlich.“

Oksana hieß Jeanette und war seine Exfrau, die er vor neun Jahren verlassen hatte. Flucht war nicht mehr möglich. Stefan drehte sich linkisch um, schaute auf seine Schuhe, betrachtete die Garderobe im Flur, war erleichtert, dass sie leer war und hob den Blick. Jeanette hatte ihren Morgenmantel geschlossen und lachte auch nicht mehr. „Nun komm schon rein, ich bin hier nicht allein.“ Er zog die Tür zu und folgte ihr in einen Raum mit einem großen rosa Doppelbett. Neben dem Bett lagen auf einem Tablett Dildos, Handschellen und ein Hygienepapierspender. Auf einem kleinen Flachbildfernseher lief „Verbotene Liebe“. Eine Vorabendserie hätte sich Jeanette früher niemals angesehen, dachte Stefan. Als Germanistin empfand sie das unter ihrem Niveau. Von seinem heimlichen Wunsch nach Sex in Handschellen hätte er ihr damals mal erzählen sollen. Ihn beschlich der Verdacht, dass alles anders gekommen wäre, hätte er es getan. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für Diskussionen über Vorabendserien und Handschellen.

„Was willst Du? Bist Du einer von denen, die nur reden wollen? Oder habt Ihr einfach nur keinen Sex mehr? Das täte mir leid. Bei uns lief es immerhin viele Jahre gut, aber vielleicht war ich auch naiv und du hast mich schon lange vor Alexa beschissen.“ Er sagte nichts und glotzte stattdessen in den Fernseher, in dem gerade Clarissa von Anstetten und ihre Freundin Charlie Schneider hämisch lachten. Für einen ganz kurzen Moment hatte er an einen moralischen Gleichstand zwischen ihm und Jeanette geglaubt, aber das war das Denken eines Kindes. Oder eines Mannes.

„Warum?“, fragte er stattdessen. „Warum dieser Job, warum in dieser Bruchbude und weiß es unser Sohn?“ Das war natürlich nur der Versuch eines Zeitgewinns, um seine eigenen Gedanken zu ordnen, aber es war leider auch ein Fehlpass am Rand des eigenen 16-Meter-Raumes, den Jeanette perfekt aufnahm. Sie ließ sich rückwärts auf das Kopfkissen fallen, der Bademantel öffnete sich leicht, aber hier waren nur noch echte Körper und keine Projektionen im Raum. Die Dildos neben ihr hätten auch eine Kiste Legos sein können.

„Unser Sohn ist inzwischen fünfzehn Jahre alt und er ist nicht auf den Kopf gefallen. Er weiß inzwischen, was ich tue, braucht aber deshalb keine psychologische Betreuung. Ihm ist klar, dass es bei uns zuhause vor allem deshalb rund läuft, weil wir immer genug Geld auf dem Konto haben. Du hast immer den normalen Satz für ihn bezahlt und Du hast uns großzügigerweise ein Reihenhaus gelassen, dessen Kredit zu einem winzigen Teil abbezahlt war. Ich hätte es natürlich damals verkaufen können, dazu haben mir alle geraten, inklusive Deiner Mutter, die bekanntlich immer sehr praktisch dachte. Es wäre sogar genug Geld geblieben, um den Umzug in eine hässliche Mietwohnung zu bezahlen. Mehr nicht, aber das immerhin. Aber nachdem wir gemeinsam das Leben mit Kind und Garten und Kombi geplant haben,…“

Stefan schluckte, weil er wusste, dass es nun unangenehm werden würde. „…das Dir sehr bald zu langweilig wurde, wollte ich wenigstens diesen kleinen Teil retten. Ich habe damals für kurze Zeit einen ungesunden Hass auf Alexa entwickelt. Nicht, weil Du mit ihr fremdgegangen warst, sondern weil mir ausgerechnet Eure Leidenschaft unter die Nase gerieben wurde, die bei mir in einer roten Funktionsjacke mit blauen Abnähern erstickt sei. Noch drei Jahre später saß ich allein mit unserem Sohn in unserem alten Reihenhaus und habe hin und her überlegt, wann die Leidenschaft zwischen uns starb. Du hattest längst ein neues Reihenhaus, ein neues Kind und eine neue Frau in einer Funktionsjacke.“

„Die Funktionsjacken sind es nämlich gar nicht.“ Jetzt wurde sie lauter und Stefan erschrak. „Es sind auch die Männer, die beim Abendessen nur langweiliges Zeug aus ihrem Büro erzählen, weil dieser erste Teil ihrer Karriere noch aus vielen Demütigungen besteht. Die Anekdoten, die ich und meine Freundinnen vom Kinderspielplatz mitbrachten, waren natürlich auch keine brillanten Aperçus und den Teil, wenn die Kinder selbst spannende Impulse in ein Zuhause bringen, den erleben heutzutage nur noch die Härtesten.“ „Warum hast Du nie etwas gesagt?“, fragte Stefan, der sich erinnerte, wie begehrenswert sie ihm erschien, wenn sie so herrlich zynisch von ihrem Doktorvater und den Eitelkeiten des Wissenschaftsbetriebs erzählte.

„Und warum dieser Job, warum nichts in deinem Beruf als Germanistin?“ Zum ersten Mal schaute ihn Jeanette direkt an. Sie musterte jeden Muskel in seinem Gesicht, um festzustellen, ob er diesen Unsinn ernst meinte. Aber Stefans Gesicht hatte jede Spannung verloren. „Du erinnerst Dich schon, dass Germanistin eine akademische Ausbildung und kein Beruf ist. Natürlich hätte ich eine Bürotätigkeit antreten können. Irgendwo 45 Stunden Akten sortieren, meine Überqualifizierung als ständig spöttisches „Frau Doktor“ zu hören bekommen und trotzdem nur so gerade eben über die Runden kommen. Mit einem Sohn, der immer noch eine Bezugsperson braucht. Ohne die Chance auf Dinge, die mir wirklich gefallen und ohne Lust auf einen neuen Mann, der mich zum zweiten Mal in meinem Leben in eine Abhängigkeit zwingt, die mir wenig Stolz, aber eine große Chance auf eine zweite Abfuhr gibt. Versteh mich nicht falsch: Ich habe einen Freund. Aber wir wohnen nicht zusammen.“

Immer kürzer wurden Stefans Redebeiträge: „…und weiß er?“ „Ja. Er weiß und es gefällt ihm nicht. Eifersucht ist völlig normal und die Männer, die an ‘die naturgeile Nymphomanin‘ aus den Hurenanzeigen glauben, sind nicht die Klügsten. Aber Du bist ja zum Glück wegen meines Bildes gekommen. Vielleicht hätte ich damals auch mein Gesicht verpixeln sollen. Das scheint es irgendwie prickelnder zu machen, Entschuldigung.“ Inzwischen tat ihr Stefan fast leid und sie führte ihn zur Tür. Im Türrahmen steckte sie ihm 100 Euro zu. „Hier. Den Hurenlohn hast Du Dir verdient. Was ich Dir gesagt habe, habe ich so lange mit mir herumgetragen. Mir geht es jetzt besser. Und grüß bitte Alexa von mir. Oder gib ihr einfach nur einen Kuss auf den Mund. Du wirst ab sofort ohnehin bei jedem Kuss an mich denken.“

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