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Im Wald war heute alles wie immer. Der Boden war gefroren und knirschte unter den Schuhen, irgendwann kreuzte eine ältere Frau mit einem Jagdhund den Weg, ansonsten niemand. Auf dem Weg in die Stadt ebenfalls eine ruhige, heitere Lage. Die Autos fuhren vorsichtig an die Zebrastreifen heran, hielten vorschriftsmäßig an, wenn sich Personen näherten und fuhren erst weiter, als die Fahrt frei war. Aus den Feinkostgeschäften kamen Menschen, schlossen ihre Mäntel wegen der Kälte und grüßten vorbeihastende Bekannte. An den Straßenrändern sorgfältig eingeschnürte Weihnachtsbäume, die für die Müllabfuhr bereitgelegt waren. Deutschland ist im Krieg.

Es ist ein Medienkrieg und seit die Veröffentlichungsgeschwindigkeit die journalistische Sorgfalt schlägt, seit per Facebook, Kommentarspalte und Twitter jeder Empfänger auch zum Sender werden kann, ist es ein Guerillakrieg, in dem aus einem Querschuss eine neue Front werden kann. Im Straßenbild ist das bisher noch nicht zu spüren, aber die veröffentlichte Meinung von Tageszeitungen und großen Fernsehanstalten ist längst von dem Druck getrieben, die Wirklichkeit schneller, lauter, zugespitzter abzubilden.

Der Frontverlauf ist unübersichtlich geworden, seit in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof und in anderen Großstädten Gruppen von vermutlich muslimischen Männern Frauen sexuell gewalttätig bedrängten. Bereits bei dünnster Faktenlage zermörserten die Überschriften der reichweitenstärksten Medien im Netz die Taktik der Kombattanten: Rassisten klappten rasch ihre von Pornobildchen verzierten Spindtüren zu und hakten sich vor (vermutlich deutschen) Frauen unter, jeder Versuch der Versachlichung stand unter Verharmlosungsverdacht und Alice Schwarzer arbeitete weiter an ihrem kruden Alterswerk. Wie bereits gesagt: Draußen merkt man das noch nicht. Die Leute sind weiter freundlich, der Briefträger kommt pünktlich und alle 45 Sorten probiotischen Joghurts stehen im Regal. Die Meldung über 40.000 syrische Menschen, die eingekeilt zwischen Hisbollah und Assads Truppen in Madaja beginnen, aus Not ihre Haustiere zu kochen, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, lässt sich nicht als Verharmlosung verbuchen. Es ist ein weiteres Verbrechen mit anderen Tätern und wenig Aufmerksamkeit.

2016 ist noch sehr jung und wir werden in diesem Jahr noch mehr furchtbare Bilder sehen. Wir werden noch mehr Fotos von Toten an den Stränden des Mittelmeers sehen, wir werden erleben, wie weitere Flüchtlingsheime brennen und irgendwann wird ein Brand nicht rechtzeitig bemerkt werden. Das wird schrecklich und die Nachbarn werden sagen, dass die Täter doch eigentlich liebe Jungs waren, die auch mal einer Oma die Tasche getragen haben. Und es wird wieder sinnlose islamistische Gewalt geben. Wieder werden sich die, die vor diesem Irrsinn geflohen sind, für Taten entschuldigen, die sie nicht begangen haben und sich als Unschuldige noch verhöhnen lassen.

Was wir in dieser Zeit brauchen, ist ein anderes Denken als die Muster, die wir uns antrainiert haben. Reflexion ohne Reflexe, ein Verzicht auf den Narzissmus, sich den Beifall aus dem einen oder anderen eigenen Lager abzuholen. Ein Dialog findet nur im Gespräch statt – zwei konträre populistische Meinungen, die im Internet betonhart gegeneinander stehen, sind keine „Debatte“, sondern eine digitale Skulptur. Vielleicht. Wenn sie formalästhetisch gut sind. Aber es ist keine Zeit für derartige Turnübungen.

Ein Beispiel: Vor drei Monaten gab es einen Text von Jan Fleischhauer in seiner SPIEGEL-Kolumnenreihe „Der schwarze Kanal“. Er schildert darin seine Besorgnis vor einem „Eckensteher-Milieu“, das sich durch die männlichen Flüchtlinge ausbilden könnte. Spontan ließe sich eine Stilkritik über die spät-weimarer Wortwahl verfassen und dass sie kein Zufall war. War sie eben sicher nicht, der Mann kann ja sein Handwerk. Es ließe sich argumentieren, dass es häufiger junge Männer als ganze Familien sind, weil die viele tausend Kilometer lange Flucht von einem 30-jährigen Mann besser bewältigt werden kann. Nur – darüber sprach er ja gar nicht. Man könnte auch entrüstet sagen: „Hast Du dir schon einmal überlegt, was ein erwachsener Mann mit 4,60 Euro Taschengeld am Tag anfangen soll? Damit kann man nicht den ganzen Tag im Café sitzen, du Snob.“ Aber auch darüber hat er nicht gesprochen. Natürlich hat alles mit allem zu tun, aber der Mann ist zuspitzender Kolumnist und kein Religionsstifter.

In dem Moment, in dem man merkt, dass eine wie auch immer geartete Replik nur die eigene Eitelkeit bestärken würde, stellt man fest, dass nicht Jan Fleischhauer die Antwort nötig hätte, sondern die Männergruppen, die sich an den Ecken der Großstadt tatsächlich sichtbar sammeln. Sie haben verordnete Zwangsfreizeit, Langeweile, keine adäquate Ansprache und zu wenig Geld. Wenn sich ihre Situation noch lange zieht, ergeben diese Faktoren ein gefährliches Gemisch. Der Überbringer der schlechten Nachrichten ist nicht das Problem, egal, wie zugespitzt er formuliert, sondern die Situation.

Alle bekannten Muster, mit denen wir reagieren und die Lager, in die wir uns selbst sortieren, stehen uns plötzlich in dieser ungewohnten Situation im Weg. Natürlich gibt es auch Aussagen, die untolerierbar sind, aber jede Reaktion darauf, die nicht zu einer Anzeige und stattdessen zu mehr Aufmerksamkeit führt, ist dumm. Nebenbei sind alle guten Witze über Erika Steinbach längst gemacht. Sie ist halt wie ein Auto, das nach einem Unfall aus der Kurve geflogen ist, die Insassen sind längst geborgen und nur das Radio läuft noch.

Die Integrationsarbeit, die Deutsche und Flüchtlinge jetzt gleichermaßen zu Recht erwarten, erfordert einen Neustart, der nicht durch ein Lagerdenken verhindert werden darf. Nicht durch Patrioten, die in ihrem verbohrten Nationalstolz alles über Bord werfen wollen, was die Freiheit und Anziehungskraft dieses Landes ausmacht. Und nicht durch Linke, die nach den Ereignissen von Köln die Jacke über dem „All Cops are Bastards“-Shirt zuknöpfen und plötzlich nach der Polizei rufen. Wir müssen uns mehr zuhören, nicht alles sofort alles als „Bullshit“ abtun und die Schützengräben damit noch tiefer ausheben. Henriette Rekers #einearmlaenge wird in der Rückschau nicht einmal eine Fußnote der Geschichte sein, aber mit Glück und Geschick wird man sich daran erinnern, dass Angela Merkels „Wir schaffen das“ keine Aussage, sondern eine Aufforderung war.