No beginning and no end

Prince

SX70 Polaroid vom Fernseher, 1987

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich. Man kann vieles irgendwie mögen, aber dieser Flash, schon nach drei Takten zu wissen, dass diese Geschichte jetzt etwas Ernstes wird, ist ein Moment, der mit den Jahren leider seltener wird. Ob die Musiker, die diese Takte spielen, mit 27 sterben oder mit 57, ist egal, sie werden ohnehin für immer 27 bleiben. Prince starb gestern mit 27 Jahren und über 30 Jahre nach dem ersten Kuss.

Bis ich ihn zum ersten Mal hörte, war Popmusik ein einfaches Spiel: Intro, Phase 1, Solo, Phase 2, Fading out. Plötzlich war da dieser komische Typ, der einen verrückten Teich aus gekräuselten Tönen anlegte, aus dem sich etwas entwickelte, Perlen (und Diamanten) an die Oberfläche stiegen und wahlweise von einem stampfenden Dampfer oder einem leichten Segelboot befahren wurden. Selbst bei seinen eingängigsten Liedern war seine Gitarre immer eine Viertelnote neben der Tonart gestimmt und kribbelte auf der Wirbelsäule wie fünf Fingernägel.

Prince war nicht „androgyn“. Er war schwarz und weiß, Mann und Frau, Gitarre und Klavier, völlig staatenlos und nur seinem eigenen Universum verpflichtet – er war genau das, was Popmusik ist: die völlig freie Welt. Dass er nicht zum Leibeigenen eines Konzerns werden wollte – egal, welche Summen sie ihm zahlten – konnte nur der Typ glaubwürdig verkörpern, der sich auch trotz eines breit ausgelegten roten Teppichs bei dem lächerlichen Song „We Are the World“ wortlos ausklinkte.

Wenn die Überlebensgröße Pop ausmacht, hätte Prince mit 1,58 Metern leichtes Spiel gehabt, sich selbst zu übertreffen, aber seine echte Größe war es, die Großen in sein Spiel einzubeziehen. Die Graham Central Station spielte mit Sly und the Family Stone und Prince sehr selbstbewusst mit ihnen. Für Candy Dulfer, Chaka Khan und Sheena Easton war er ein adäquater Gegenspieler und ohne ihn wäre Sinéad O’Connor völlig unbekannt. Was für sie möglicherweise besser wäre. Seine Konzerte waren pure Magie und als eine Freundin von mir den silbernen Mikrofon-Revolver fing, den er in die Menge warf, war sie einige Minuten in akuter Lebensgefahr.

Sein Song „Resolution“ ist mein Lebensretter in vielen Krisensituationen. Er singt: „The main problem with war is that nobody ever wins. The next generation grows up and learns how 2 do it all over again“. Jetzt ist Prince gestorben und von den gerade mal vier Helden meiner Jugend sind nur noch zwei übrig. Ich bin todtraurig.

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “No beginning and no end

  1. Wunderbare kleine Miniatur, Dein Text.

    Ich war, warum auch immer, nie ein Prince-Fan. Wahrscheinlich weil meine damalige Freundin, zu Zeiten der ersten Prince-Welle, fast krankhaft Prince-hörig war. So blöd kann man sein. Jetzt werde ich aber doch mal wieder reinhören.

    Ich würde die Helden auch nicht verraten, aber wäre es nicht schön, man könnte schwimmen wie Delphine, Delphine es tun.

    Grüße nach Hamburg

    Norbert

  2. Pingback: KW 16 | ansich

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