Frauentausch international

 

kenia

Filmscript
Eine bürgerliche Familie im Schwalm-Eder-Kreis, die Söhne sind beide erwachsen und lediglich der jüngere der beiden lebt noch in der Einliegerwohnung des Schwörer-Fertighauses und macht eine Lehre zum Zerspanungsmechaniker. Gila ist 53 Jahre alt und arbeitet als Vollzeitkraft bei einem Landmaschinenhändler, ihr zwei Jahre älterer Mann Stefan war Raumausstatter und ist seit einem Stromschlag, den er sich bei der Anbringung von Ausbrenner-Gardinen zuzog, frühverrentet.

Gila ist seit einiger Zeit frustriert von ihrem eintönigen Leben in der dünnbesiedelten Provinz. Bei einem Wochenendeinkauf im nahen Melsungen entdeckt sie an der Pinnwand des Supermarktes ein Verkaufsangebot für ein Glasbodenboot (5.500 EUR). Sie reißt die „Ich biete…“-Postkarte verstohlen ab und steckt sie in ihre Handtasche. Daheim zieht sie den Diercke-Weltatlas ihres Sohnes Ben aus dem Regal und fährt mit dem Finger über die Ostküste Afrikas. Ihr entferntestes Urlaubsziel war bisher Zandvoort, wo sie mit Stefan und den Jungs einige Sommerferien verbrachte.

Jetzt soll sich ihr Leben ändern! Bei Watamu in Kenia bleibt ihr Finger stehen. „Watamu“, das klingt so lautmalerisch und die Farbe von Watamu ist ein helles Beige, das weiter ins Landesinnere reicht als der Strand von Zandvoort. Am nächsten Morgen steht das Telefon im Landmaschinenvertrieb nur selten still.

Erst in der Mittagspause gelingt es ihr, die Nummer auf der Postkarte zu wählen. Fragen zum Zustand des Bootes stellt sie kaum, sie klärt unmittelbar die wesentlichen Dinge. „Der Preis geht in Ordnung. Was kostet die Überführung im Huckepack eines Frachtschiffes nach Watamu?“ Gila ist es gewohnt, riesige Mähdrescher zu expedieren – was ist da schon ein Glasbodenboot?

Gila weiß, dass die kenianischen Bestimmungen für ein Arbeitsvisum streng sind, aber sie ist entschlossen, schon bald auf eigenen Beinen zu stehen und das begehrteste Glasbodenboot von Watamu zu steuern. Unbemerkt hebt sie ihr Erspartes bei der Raiffeisenbank ab und tauscht es in Dollarnoten, die sie in den Saum ihrer Sommerröcke näht. Während Stefan im Wohnzimmer „Frauentausch“ sieht, lernt sie Swahili und Kikuyu.

Manchmal sitzt sie sogar in der Dreier-Hochlehner-Couch neben ihm und blättert beiläufig in einem Naturführer und prägt sich die Gestalt der Gelbflossen-Thunfische und Wahoos ein. Stefan wundert sich nicht, sie sprechen schon länger kaum noch miteinander.

Er stutzt erst, als sie eines Nachmittags nicht von der Arbeit kommt. Zunächst denkt er an einen Betriebsausflug, den er vergessen hat, aber am nächsten Morgen steht kein Kaffee auf dem Frühstückstisch. Warum fehlen ihre Sommerkleider und ihre Sandalen? Seltsam.

In Watamu übernimmt zur gleichen Zeit Gila bereits die Schiffspapiere. Das Glasbodenboot ist in einem tadellosen Zustand und bei der Jungfernfahrt vernachlässigt Gila vor lauter Begeisterung über die schillernden Marlins unter ihren Füßen fast das Steuerruder. Sie ist ein nautisches Naturtalent und die Einheimischen sind begeistert von der zupackenden Art der aufblühenden Rose des Schwalm-Eder-Kreises. Schon bald ist ihr Glasbodenboot ein Geheimtipp unter Kenia-Touristen.

Daheim verwahrlosen Stefan und Ben im Zeitraffertempo. Sie haben Gilas Abschiedsbrief gefunden, der zwar in dürren Worten das Ziel „Afrika“ enthielt, aber ein ganzer Kontinent erscheint ihnen für eine Suche zu groß. Fortan ernähren sie sich von billigen Fischkonserven und freunden sich mit dem bofrost-Mann an, der ihnen erzählt, dass er in Gilas Augen schon länger das Wort „Fernweh“ las.

Stefan nimmt das Verlassenwerden weniger persönlich als die Einsamkeit. In der Dorfkneipe lernt er die Ghanaerin Nyala kennen, die bald bei ihm und Ben einzieht und den Haushalt wieder auf Vordermann bringt. Zunächst eine Zweckverbindung, aber Nyala, Stefan und Ben verstehen sich und fühlen sich wohl.

Auch Gila fühlt sich zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder jung und voller Spannkraft. Sie erweitert ihr Unternehmen um eine Strandbar und zwei weitere Glasbodenboote. Kooperationen mit mehreren europäischen Reiseveranstaltern sind ein solides Fundament und ihr Status als Arbeitgeberin sichert ihr Bleiberecht an der afrikanischen Ostküste.

Schließlich tritt auch noch Okwundu in ihr Leben – ein 44-jähriger Witwer, der seine beiden Töchter allein versorgt. Die emotional ausgehungerte Gila ist von ihm fasziniert und seine Töchter sind zauberhaft – sie lädt die drei ein, in ihrem Strandhaus zu wohnen.

Zwei Jahre später. RTL II plant eine erste Sonderfolge von „Frauentausch international“ und die Scouts des Senders sind durch einen Tourismusprospekt auf Gila aufmerksam geworden. Wie wäre es, diese ungewöhnliche und welterfahrene Frau aus Kenia in den verschlafenen Schwalm-Eder-Kreis zu verfrachten? Und zwar ausgerechnet zu einem Frührentner, der verrückterweise mit einer Afrikanerin und seinem erwachsenen Sohn zusammenlebt? Werden Gila und Stefan durch die perfide Kraft des Zufalls wieder zueinander finden?

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