Olympia 2026

rodeln

Lieber Sigmund Freud, ich hatte diese Nacht folgenden Traum, könnten Sie sich bitte der Sache annehmen?

Das Internationale Olympische Kommittee hatte mich geladen, um ein Corporate Design für die XXV. Olympischen Winterspiele 2026 in Äquatorialguinea präsentieren. Die ersten Winterspiele auf dem afrikanischen Kontinent, aber der Ölreichtum hatte die Sportfunktionäre letztlich überzeugt. Außerdem gab es in Malabo sogar einen Geldautomaten. In der Endrunde war außer mir nur noch ein Bewerber – verrückterweise war der andere Kandidat ein Designer, der bisher nur durch hässlich gestaltete Wochenangebote einer Metzgerei aus Osnabrück aufgefallen war.

Meine Präsentation war sensationell vorbereitet. Die kulturelle Identität des Äquatorstaates war in die Piktogramme der Sportarten eingeflossen, im übergeordneten Signet fanden sich Elemente aller Volksgruppen, sogar traditionelle Bildzeichen des Bantuvolks der Bubi und auch die heikle Menschenrechtslage wurde sensibel angesprochen. Mit einem Wort: Es war perfekt. Mein Konkurrent aus Osnabrück und ich saßen am langen Konferenztisch des IOC-Palastes in Lausanne und schwiegen uns an, als der rumänische Hauptjuror den Raum betrat.

Der 79-jährige Vlad Dumitrescu kam allein und ohne Dolmetscher. Er sagte „Buna dimineata“ und es folgte ein langer Schwall auf Rumänisch, den ich nicht verstand. Der Metzgerei-Designer aus Osnabrück nickte während des Monologes immer wieder, lächelte Dumitrescu zwischendurch verschwörerisch an und an einer Stelle lachte er sogar schallend. Schließlich sagte Vlad Dumitrescu zu meinem Kontrahenten: „You start. Poftim!“

Der Gegenspieler aus Osnabrück hatte alle Drucksachen in der Größe klassischer Metzgerei-Wochenangebote angelegt. Sein Maskottchen für die Winterspiele war – wenig überraschend – ein ungelenk gezeichnetes Schwein, das mal auf einem Rodel saß, mal auf Skiern stand. Interessanter war allerdings, dass er sehr viel sprach und zwar nicht auf Rumänisch. Er sagte ausschließlich sinnfreie Sätze, die mir aus meinem Schreibmaschinenunterricht bekannt vorkamen: „Zur Zeit ist die Garage leer. Dort wird Zellulose gelagert. Das Quellwasser wurde klarer. Der Fahrer lud die Pappe auf.“

Vlad Dumitrescu war begeistert und stellte sogar eine Zwischenfrage auf Rumänisch, die mit „So war der Preis des Papiers, Oswald fuhr wieder erfolglos“ beantwortet wurde. Der Juror nickte wissend und strich mit den Händen versonnen über ein Schwein, das Pirouetten auf einer Eisfläche drehte. Schließlich sagte er zu mir: „You not show. He win. Pa.“ Untergehakt verließen der Rumäne und der Designer den Raum. Die Winterspiele in Äquatorialguinea würden furchtbar werden. Als ich den IOC-Palast verließ, standen Vlad und mein Konkurrent mit dicken Zigarren vor einem Standaschenbecher neben der Glasschiebetür. Der Osnabrücker flüsterte mir zum Abschied ins Ohr: „Kleiner Tipp von meiner Seite: Du nimmst immer alles viel zu ernst.“

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