Geld

geld

Sein erster Ferienjob lag noch in der Schulzeit und war ein Schnellkurs in der akustischen Vielfalt der weiblichen Notdurft. Im Tresorraum einer Bank eingesperrt, war es seine Aufgabe, Hartgeld zu handlichen Papierrollen zu formen. Hinter der ersten schweren Stahltür im Keller einer Bank lag der Kundentresor. Gut ausgeleuchtet, mit glänzenden Edelstahlschließfächern. Eine zweite massive Tür, ebenfalls mit drei Rädern für Zahlenkombinationen ausgestattet, führte in das eigentliche Heiligtum: einen düsteren Kabuff mit einem Tresor, einer Geldzählmaschine und einem kaputten Schreibtischstuhl.

Das Geld roch nach Bahnschienen und die mahlende Bewegung der Geldzählmaschine setzte mikroskopische Metallpartikel frei, die auf der Zunge einen elektrischen Geschmack hinterließen. Immer wenn ein Sack Geld komplett durch die Maschine gerasselt war, war es so erschreckend leise, wie es das wahrscheinlich nur in einem fensterlosen Raum hinter zwei dreißig Zentimeter dicken Stahltüren sein kann.

Plötzlich war da doch ein Geräusch und es drang aus einem breiten Lüftungsschacht in Bodennähe. Er bückte sich und blinzelte durch die hellen Quadrate des Metallgitters. Wenn er das Licht im Tresorraum löschte, sah er angewinkelte Beine mit einem heruntergelassenen Rock. Und den weißen Rand eines Keramiksitzes. Im Laufe der Wochen erstellte er eine Typologie der Geräusche: Es gab das breite, gelöste Pladdern, den sirrenden Strahl, der hart auf der Keramik auftraf und das stoßweise Strullen, bei dem die Peristaltik von erleichtertem Ausatmen begleitet wurde.

Neben das Gehäuse der Geldzählmaschine legte er eine kleine gelbe Brunnen-Kladde, in der er die Uhrzeiten und die Besonderheiten der Toilettengänge notierte. Waren zwei Frauen gleichzeitig in der Toilette, kam es zwischen den Kabinen häufig zu Gesprächen. Kannte er die Stimmen, war es ihm endlich möglich, den vertrauten Geräuschen auch die passenden Namen zuzuordnen. Er war überrascht, wie freizügig und ordinär diese Unterhaltungen waren. Die Frauen sprachen detailliert über ihren letzten Geschlechtsverkehr und die Qualitäten ihrer Partner. Das kannte er von Herrentoiletten nicht, wo jeder stumm auf das Plastikgitter im Urinal starrte und allerhöchstens knapp seinen Nachbarn grüßte.

Seine Arbeit wurde ihm auf einem Rollwagen mit Hammerschlaglackierung in den Tresorraum geschoben. Verschlissene Rupfenbeutel, auf deren Etikett nicht nur das Gewicht der jeweils 1.000 Münzen notiert war, sondern auch der Name des Einlieferers. Der Stempel eines Automatenaufstellers bedeutete für ihn stets Mehrarbeit. Fünf englische 20 Cent-Stücke von kleinkriminellen Rauchern fanden sich mindestens in einem Beutel mit Markstücken. Der Fehlbetrag musste auf einem Formblatt notiert werden und in diesen Buchführungsphasen war es sehr still im Tresorraum und das Uringeplätscher aus der Damentoilette drang noch lauter zu ihm.

Manchmal musste er auch eingelieferte Geldscheine mit Banderolen versehen: Mit Metallfäden durchwirkte Plastiktaschen, in denen ein Einzahlungsbeleg lag und das Papiergeld – so wie es am Schalter abgegeben worden war. Die Beutel der Bauunternehmer erkannte man sofort an der braunen Farbe: Wellige 1000 Mark-Scheine, die vor kurzem noch in einer protzigen „Sylter Rolle“ steckten, dieser Schwarzgeldeinheit, mit der Baufortschritte bezahlt wurden, die in keiner Buchführung auftauchten.

An seinem letzten Tag im Tresorraum löste er die vier Schrauben des Abluftgitters zur Damentoilette. Nicht bis zur letzten Umdrehung, aber doch so, dass die gelochte Metallplatte mit einem Ruck von der Gegenseite in den Tresorraum fallen würde. Er hatte noch keinen konkreten Plan. Warum auch, das Leben schien schließlich noch endlos lang. Um genau zu sein: Einen Plan hatte er noch für nichts, aber er war entschlossen, sich auf seinem weiteren Weg möglichst viele Gelegenheiten zu schaffen, auf die er bei Bedarf würde zurückgreifen können und das hier war eine davon. Die Knetgummiabdrücke des Schlüssels zum eigentlichen Tresor hatte er längst in einer Zigarrenkiste verpackt.

Dreißig Jahre, eine Währungsumstellung und viele Umzüge später fiel ihm diese Holzschachtel in die Hände und er erinnerte sich. Frisches Geld wäre jetzt nicht verkehrt. Die Bank in seiner Heimatstadt war äußerlich unverändert, stellte er fest, als er seinen Kombi auf dem Kundenparkplatz abstellte. Er hatte immer noch ein Konto dort und einmal jährlich bekam er einen Kontoauszug, auf dem als einziger Posten die Kontoführungsgebühren ausgewiesen waren. Noch war genug Guthaben vorhanden, um dieses Konto für einige Jahre weiter zu führen.

Auf der Fahrt hatte er eine große Flasche Mineralwasser getrunken. Würde er schon die Toilette der Bank besuchen – zumal die Damentoilette – wäre es ihm seltsam vorgekommen, sie nicht auch zu benutzen. In der Schalterhalle erkannte er keinen der Angestellten. Selbst die Lehrlinge von damals waren jetzt in einem gesetzten Alter. Wie er selbst. Das Mobiliar hingegen kam ihm bekannt vor. Es war erstaunlich, wie wenig drei Jahrzehnte der Innenarchitektur des Bankgewerbes anhaben konnten. Die braunen Hydrokulturkübel vor den Kassen mit ihren ergonomisch abgerundeten Kanten sahen so hässlich aus wie am ersten Tag und selbst das Design der Objekte in der Sparschwein-Vitrine atmete den Muff der 1980er Jahre.

Am Schalter zahlte er 50 Euro auf sein Konto ein und als er den Empfangsbeleg in seine Brieftasche steckte, fragte er nach der Toilette. „Die Treppe hinunter und dann die zweite Tür auf der linken Seite“. Die dritte Tür, dachte er. Die zweite war schließlich die Herrentoilette.

Im Untergeschoss ging er zielstrebig auf die Damentoilette zu, sah sich kurz um, lauschte an der Tür und betrat den Raum, aus dem er so viele Geräusche gehört hatte, zum ersten Mal in seinem Leben. Das Abluftgitter musste in der rechten der beiden Kabinen sein und mittlerweile meldete sich tatsächlich seine Blase. Er schloss die Tür hinter sich und als er auf der Toilettenbrille saß, sah er vor seinen Schuhspitzen das lackierte Metallgitter, hinter dem der Tresorraum lag. Auch von dieser Seite gab es nur vier Schrauben. Was für ein sträflicher Leichtsinn und wie gut für ihn.

Zwei Wochen später betrat er die Bank wieder als Kunde. Es war später Nachmittag, er war einer der letzten Kunden in der Schalterhalle und dieses Mal hob er die kürzlich eingezahlten 50 Euro von seinem Konto ab. In einigen Stunden wäre das zwar eine lächerliche Summe für ihn, aber wirklich wohlhabende Menschen wertschätzten auch die kleinen Beträge. Die Kassiererin war heute eine andere und so fragte er erneut nach der Toilette, um sein Verschwinden im Keller plausibler zu machen. Auf der Treppe nach unten kam ihm der Putzdienst entgegen, der zehn Minuten vor Kassenschluss bereits mit der Reinigung des Untergeschosses fertig war. Auch das gehörte zu seinem Plan.

Er schloss die Tür hinter sich, schaltete das Handy in seiner Jacke in den Flugmodus, winkelte die Beine an, um sich nicht durch seine Herrenschuhe unter dem Türspalt zu verraten und zog ein Buch aus der Jackentasche. Bis 22 Uhr hatte er es zur Hälfte gelesen. Er legte den 50 Euro-Schein als Lesezeichen zwischen die Seiten. Den Rest würde er irgendwo an der Côte d’Azur lesen. Das nahm er sich vor, als er den Kreuzschlitz des Schraubendrehers an der ersten Ecke des Metallgitters ansetzte.

Fünf Minuten später stand er im Tresorraum. Dreißig Jahre lang hatte niemand die gelockerten Schrauben bemerkt und der Pohlschröder-Stahlschrank war ebenso lange nicht ersetzt worden. Sein selbstgemachter Nachschlüssel funktionierte besser als alle Mr. Minit-Schlüsselduplikate, die er je hatte anfertigen lassen. Ohne Hast stopfte er die Geldscheinbündel in einen Eastpak-Schulranzen und zählte grob mit. Bei 3,5 Millionen hatte er die Aufwärtsbewegung seiner Mundwinkel kaum noch unter Kontrolle.

Sorgfältig schloss er den Stahlschrank, sammelte die Schrauben unter dem Metallgitter ein und beseitigte mit einem mitgebrachten Handstaubsauger den Mörtelstaub unter den leeren Bohrlöchern. Auf die vier Ecken des inneren Gitters klebte er vorbereitete Zier-Schraubenköpfe und umrahmte das Loch in der Wand sauber mit Teppichklebeband. Aus der Damentoilette zurrte er das Gitter fest auf die Wand und schraubte das zweite Gitter auf der Seite der Toilette wieder auf die Fliesen.

Im Untergeschoss der Bank öffnete er ein Fenster, das ebenerdig zum Parkplatz führte und zog es von außen mit einem Saugnapf wieder in den Rahmen. Wie das Geld aus dem Tresor verschwand, würde sich nie klären lassen. Das Geheimnis des perfekten Verbrechens, das hatte ihm vor vielen Jahren ein Rechtsanwalt für Strafrecht erzählt, war Geduld. Fast alle Intensivtäter scheiterten seinem Meinung nach lediglich an ihrer Gier und ihrem überhasteten Vorgehen. Einer seiner Klienten etwa ging der Polizei ins Netz, als er – nur zwei Tage nach seiner Haftentlassung und wenige Stunden nach einem Banküberfall – mit einem nagelneuen Mercedes von Verkehrspolizisten wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt wurde. Wer hingegen dreißig Jahre konsequent auf eine ideale Gelegenheit wartet und sein Konsumverhalten in der Folge nicht zu auffällig ändert, sagte der Jurist, habe noch einige schöne Jahre vor sich. Das gilt übrigens auch für alle legalen Tätigkeiten.

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