Durch und durch verkommen

supertitel

Kurz vor Feierabend sieht man dem Supermarkt an, mit welcher subversiven Kraft die Kunden die Ordnung der Waren stören, deren warholartig gestapelte Feilbietung sie angeblich anzieht. Da wird – die Kasse schon im Blick – noch schnell der aufgrund seines wohlklingenden Namens gekaufte Früchtetee verstohlen hinter den Broten geparkt. Das Vollwaschmittel muss zur Tarnung der Weingummis herhalten, an deren Kalorien man sich beim Anblick von Fettlöse-Produkten erinnerte und die Wirksamkeit einer Antirutschmatte, die eben noch als Glückskauf erschien, wird schon 30 Meter später beim Schüttelbrotstand angezweifelt.

Die Auswahl der versteckten Produkte beweist: Es sind keine verlotterten Punks, die sich hier ausleben, denn die reichen der Kassiererin sogar brav ihre schon im Laden angetrunkene Bierkanne zum Einscannen herüber. Die wahren Chaoten sind gutbürgerliche Senioren und ihre Tarnung ist ihre Biederkeit. Ich übertreibe? Das ist alles gar nicht so schlimm? Man beachte nur den Alibi-Porree, der zwischen die Einmachgläser gesteckt ist. Nur wer noch nie in einer Jugendfreizeit mit einem Teenager in einem Zimmer schlief, der drei Wochen lang im Hochsommer eine geschnittene Kohlrabi in einer Sporttasche aufbewahrte, kann von einer überzogenen Dramatisierung sprechen.

 

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