Ungonel rimbi

dschungel
Das Kanu der beiden Anthropologen schob sich durch den Morast des Amazonas-Arms. Es war dunstig, die Dämmerung würde in einer Stunde hereinbrechen und sie würden sich rasch einen Schlafplatz suchen müssen. Ihre Suche nach einem der letzten unentdeckten Naturvölker war ein Wagnis. Aus Rücksicht auf ihren Forschungsgegenstand hatten sie die Reise nicht bei ihrer Universität angemeldet und die Expedition auf eigene Faust geplant. Sollte es ihnen tatsächlich gelingen, eine abgeschnittene Kolonie zu entdecken, die auf Satellitenfotos bisher übersehen worden war, würden sie schweigen. Das hatten sie sich geschworen und „Scientia vera cum fide pura“ auf den Rumpf ihres Bootes gemalt.

Das Letzte, woran sich Thomas und Karen erinnerten, war der Moment, als sich ihr Zelt entfaltete. Danach waren sie in einen tiefen Schlaf gefallen und bis auf einen leichten Schmerz im Hintern fühlten sie sich nach diesem geradezu narkotischen Zustand sehr wohl. Allerdings saßen sie nicht in ihrem High-Tech-Tipi, sondern in einer Art Blockhütte aus geschälten Lorbeerstämmen. Ihnen gegenüber hockten fünf freundliche, rot geschminkte Nackte, die auf Blättern kauten und ihr Aufwachen mit einem Lächeln beobachteten.

Karen fasste sich ein Herz. „Chamo-me Karen“, sagte sie, ahnte aber schon, dass sie auf Portugiesisch möglicherweise nicht viel weiter kam. Die Fünf lachten. So eine Art fröhliches Dalai-Lama-Lachen, nur ohne Brillen und nackt waren sie ja auch. Statt einer Antwort reichten sie Thomas und Karen eine Handvoll der Blätter, die sie kauten. Beide griffen zu, was sollte schon passieren? Drogenerfahrung hatten sie und eigentlich sah die grüne Biomasse aus wie Maulbeerblätter. Sollten sie zu überdimensionalen Seidenraupen dressiert werden? Wohl kaum. Dieser Amazonas-Stamm liebte es textilfrei.

Im Laufe der kommenden Monate erfuhren sie viel über die Menschen, die noch nie mit den anderen 7,2 Milliarden auf der Erde in Kontakt getreten waren. Es waren keine „Wilden“, sie hatten sich lediglich in einer Parallel-Evolution blendend eingerichtet. Sie verbrauchten nicht mehr als die Natur ihnen gab und nannten das „Idaku“, ihr Gesundheitswesen war vorbildlich und setzte stark auf Prophylaxe und profitierte davon, dass ihre Art zu leben Zivilisationskrankheiten ausschloss. Die Nacktheit war lediglich praktischen Erwägungen geschuldet, es war warm und regnete oft. Das kurze „Ungonel rimbi“ des Stammes hieß übersetzt so etwas wie „Nackt, keine Scham und im Abendregen prima waschen“.

Auffällig war die friedliche Atmosphäre in der kleinen Stadt, in der rund achthundert Menschen lebten. Kein profitorientierter Handel, sondern ein emsiges füreinander Sorgen. Karen und Thomas wunderten sich, dass in der hochentwickelten und sehr effizienten Sprache der Nigiianegs, wie sie sich selbst nannten, kein einziges Schimpfwort existierte und selten mal ein lautes Wort fiel.

Nach einem der vielen gemeinsamen Abendessen wandte sich einer der Dorfältesten zu den beiden Anthropologen: „Hört mal zu, es ist Zeit, von Euch Abschied zu nehmen“. Natürlich auf nigiianisch, doch Karen und Thomas hatten sich längst mit ihren geschulten Ohren in die Sprache eingehört. Auch sie hatten bereits beschlossen, abzureisen – aus Angst, dass ihr Institut längst auf der Suche nach ihnen war und man über kurz oder lang diesen friedlichen Stamm finden würde. Sie nickten freundlich und dankten für die Gastfreundschaft. Die Betäubungspfeile kamen genauso überraschend wie bei ihrer Anreise. Ihr Kanu mit der Aufschrift „Scientia vera cum fide pura“ brannte nur ein paar Minuten auf dem Fluss. Dann ging es unter. Gefunden wurde es zum Glück nie.

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