Der Karamellkern

marsFranklin Clarence Mars wird von seiner Mutter Alva gehätschelt. Die harten Winter in Minnesota, die Einsamkeit des 200-Seelen-Dorfs Hancock und seine leichte Kinderlähmung machen ihre Küche zu seinem Zufluchtsort. Von ihr lernt er die Kunst, handgetauchte Schokoladen herzustellen und bereits mit 19 verdient er sein erstes Geld mit selbstgemachten Molasse-Lutschern und -Chips.

Der ruhige blonde Mann mit dem ernsten Gesicht heiratet mit 20 die Lehrerin Ethel. Sie ist fast auf den Tag genau so alt wie Franklin, ebenfalls im Tierkreiszeichen der Waage geboren und – alle seriösen Horoskope zu dieser Konstellation sagen das voraus – nach einer Phase der Harmonie zerbricht ihr Eheglück. Ihr gemeinsamer Sohn Forrest ist zum Zeitpunkt der Trennung erst vier Jahre alt. Franklin lernt die aufregende Ethel Veronica kennen, deren Tierkreiszeichen aufgrund ihres unklaren Geburtstermins im Dunkeln liegt.

Möglicherweise ist das ein Glück, denn die beiden verstehen sich bestens und nehmen ein Jahr nach ihrer Hochzeit die Produktion von Schokoladenriegeln mit Karamellkern auf. Neun Jahre lang produzieren sie diese Riegel in ihrer Küche und räumen nur zwischendurch für die Mahlzeiten den Kram beiseite. Erst 1920 gründet Mars das Unternehmen Mar-O-Bar Co., das spätere Mars Incorporated.

Der erste Riesenerfolg des Unternehmens wird der Riegel „Milky Way“, den der inzwischen 19-jährige Forrest erfand – natürlich ebenfalls in einer Küche. Dieses neue Produkt teilt seine Kerneigenschaft mit Tankschiffen, Holz und Styropor: Es schwimmt auf Milch, ist aber leichter zu verpacken als Schiffe und etwas besser magenfreundlicher als Styropor. Das macht „Milky Way“ zum Verkaufsschlager.

Franklin Clarence Mars und seine Familie ziehen nach Chicago und leben den amerikanischen Traum: Sie lassen sich von 935 Arbeitern ein 2.300 Quadratmeter großes Clubhaus errichten, dazu 30 Scheunen und eine eigene Rennbahn für ihr Pferd Gallahadion. Doch das neue Glück sollte Frank Clarence Mars nicht lange genießen können. Zwar erfand er kurz nach dem Bezug des Anwesens in dessen Küche noch den sensationell erfolgreichen Schokoriegel „Snickers“, stirbt aber schon mit 50 an einem Herzanfall.

Sein Sohn Forrest und dessen zahlreiche Nachkommen besinnen sich gern an die Anfangsjahre des Gründers und noch heute beginnt jede Produktentwicklung in wohlig-warmen Wohnküchen. Mirácoli, Pedigree, Sheba, Amicelli, Catsan, Whiskas, Seramis, Frolic, Twix, Ebly, Cesar, Dove, M&Ms – all diese Innovationen entstanden auf geblümten Wachstuch-Tischdecken in den Wohnküchen der Familie Mars, bevor sie zu Welterfolgen wurde.
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