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Rote Ziegelhäuser ducken sich unter einem Horizont, der dem Himmel mehr Platz einräumt als dem Land. Was daran liegt, dass man beim Gehen nicht auf seine Füße schauen muss, denn hier ist alles flach und nichts liegt im Weg. Selbst das Maß der Architektur orientiert sich in der Ostheide mehr an menschlicher Größe als an an Kreditwürdigkeit und Status. Gefragt ist die minimale Angriffsfläche für den Wind und die Dächer tragen wetterfeste blonde Bürstenhaarschnitte aus Reet.

G. ist knapp über siebzig Jahre alt, hat ein fröhliches Gesicht und eine Gestalt wie eine Nordmanntanne, die ab der Mitte etwas rund wird. Seine Telefonnummer ist leicht zu merken. Sie hat nur drei Zahlen. In den 1950er Jahren war sie die erste Telefonnummer des Dorfs, weil G.’s Mutter die Betreiberin der Poststelle war. Für die öffentliche Nutzung des Telefonanschlusses wurde ihr die Grundgebühr erlassen. Der Ort hatte kurz nach dem Krieg 120 Einwohner, ein paar mehr als üblich. Aus dem Osten kamen zwei Dutzend neue Dorfbewohner und bezogen hastig errichtete Häuser. Natürlich auch aus rotem Ziegel, aber etwas weiter am Ortsrand. Die meisten blieben nicht, nur zwei oder drei junge Männer fanden ihr Glück und ersetzten den Bauern, der im Krieg geblieben war. Erst auf dem Acker und später sogar in einem Ehebett.

Die Poststelle von G.’s Mutter ist heute ein Wintergarten und vor dem Grundstück steht ein niedriger, weißlackierter Zaun. Vor 25 Jahren gab es weder einen Zaun noch eine Klingel. Wer einen Brief abzugeben hatte, öffnete die Verandatür, ging an dem kleinen Tresen vorbei, den die Bundespost auf dem Anhänger eines Lieferwagens geschickt hatte und ließ sich auf einen der Polstersessel im Raum fallen. Wohnzimmer und Poststelle waren derselbe Raum und wer hier wartete, duzte die Postbeamtin ohnehin.

Das förmliche „Sie“ gibt es hier bis heute nicht. In die karge Ostheide zieht man nicht, hier ist man geboren, kennt jeden und hier stirbt man auch. Es gibt ein reges Vereinsleben, weil jeder in jedem Verein ist. Es gab einmal die Frau eines eingeladenen Jägers aus Hamburg, der die Getränke beim Kesseltreiben einer Treibjagd die Zunge lockerten. Angeheitert bemerkte sie, hier „nicht tot über dem Lattenzaun“ hängen zu wollen. Worauf eine Einheimische trocken konterte: „Wer sagt Ihnen denn, dass wir Sie hier überhaupt tot über dem Zaun hängen haben wollen?“ Danach sah man sie nie wieder im Revier.

Vor zwei Jahren stirbt G.’s Frau. Eines Abends kommt sie nicht nach Hause und als G. sich Sorgen macht, klingelt das Telefon und die Polizei ist am Apparat. Ein Autounfall in einem Waldstück. Nach 36 Jahren glücklicher Ehe. Gesund und zu früh sterben ist überall tragisch. Hier ist es eine Katastrophe und das Loch, das eine fehlende Person in diese Gemeinschaft reißt, ist ein gutes Stück größer.

Aus dem Frühaufsteher G. wird ein Schlafloser. Er besucht ein Trauerseminar. Auf Sylt, mit einem Therapeuten. Ausgerechnet er, ein Kerl wie ein Baum, mit Händen wie Klappspaten. „Wir haben nie Krach gehabt. Und wenn, dann war es nach zwei Minuten erledigt.“ Aber es hilft ihm und er bleibt pragmatisch. Frauen, das lernt er in dem Seminar, haben nach dem Verlust ihres Partners viel mehr zu verkraften. Für die meisten bedeutet das auch ein wirtschaftliches Fiasko.

Zwei Witwen aus den Nachbardörfern hilft er nach seinem Seminar. Mit Immobilien kennt er sich aus, er kennt Handwerker und Architekten. Warum nicht ein zu groß gewordenes Haus einfach in drei Teile zerschneiden? Ein Drittel zum Wohnen, ein vermietetes Drittel, das die Hypothek finanziert und eines, mit dem die Rente aufgebessert wird. G. ist praktisch veranlagt und er weiß sich auch selbst zu helfen. Wenn er über seine Frau spricht, knickt seine norddeutsche Stimme für einen Moment ein, aber dann fängt er sich wieder. „Das wünsche ich keinem.“

Dreieinhalb Jahrzehnte lang hing ihm seine Frau jeden Morgen die Kleidung für den Tag über eine Stuhllehne im Schlafzimmer. Nun steht er Morgens vor dem breiten Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer und weiß nicht, was er anziehen soll. G. legt sich ein Fotoalbum auf das Fußende des Betts. Eines aus den glücklichen Tagen. Darin blättert er und sieht sich selbst in der Kleidung, die seine Frau ihm zurechtgelegt hat. Die Pullover, Hemden und Hosen gibt es noch und er kombiniert sie so, wie sie es getan hat. So kann er nichts falsch machen.

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Das Dorf ist kreisrund und in der Mitte sind die Felder für die Rinder. Quer durch die Felder verläuft der „Schulstieg“ – ein verkrauteter Pfad zwischen Schulhaus und Dorfstraße, der der Gemeinde gehört. Bis zur achten Klasse war das G.’s Weg zur Volksschule am anderen Ende des kleinen Fleckens. Und die Abkürzung seines Lehrers zu seinen Eltern, die als erste im Ort einen Fernseher hatten. Kurz vor der Tagesschau klappt die Tür zur Poststelle auf und sein Lehrer Otto lässt sich in einen der Sessel fallen, in denen tagsüber Postkunden sitzen.

Um sich nicht unangenehmen Fragen über seine Hausaufgaben auszusetzen, sieht G. die Tagesschau durch das Schlüsselloch des Wohnzimmers und lässt sich erst wieder blicken, wenn die Wettervorhersage gelaufen und der Lehrer verschwunden ist.

Einige Jahre später wird G. selbst Postjungbote. Natürlich im eigenen Dorf. Er freut sich über Briefe ins Nachbardorf, die er mit seinem Käfer zustellt und die aufgrund der Entfernung besser bezahlt sind. G. liebt seinen Job, aber früh ahnt er, dass die Post eines Tages privatisiert wird und Schalterräume mit Polstersesseln und Fernseher dann ein Auslaufmodell sein werden.

Vor seiner Entlassung kauft G. Land, und es ist billig, weil Land in der Ostheide jeder hat und keiner mehr braucht. Die Bahnlinie am Horizont führt ins Wendland und außer einem Regionalzug im Nichts hält hier kein Zug mehr. An manchen Höfen hängen gelbe Kreuze, die den Widerstand gegen die vorbeifahrenden Castoren anzeigen. Auf anderen werden die Eier für 18 Cent an die Einheimischen verkauft. Weil die Großhändler nur noch 8 Cent pro Ei bezahlen, was die Haltungskosten der Hennen kaum noch deckt. Zieht man den Preis für die Pappkartons ab, bleibt es ein Nullsummenspiel. Ein großer Wirsing 80 Cent, das Kilo Grünkohl ein Euro, im Herbst Äpfel und im Winter Steckrüben, die „polnische Ananas“.

G. stammt aus einer Zeit, als mit fünf Kühen und einer eigenen Wiese ein Milchgeld von 900 Mark zu machen war. Ein gutes Gehalt für wenig Arbeit und nicht zu vergleichen mit den 100 Hochleistungsrindern, deren Milch heute kaum mehr die Kreditraten für den modernen Offenstall einspielt. Das Leben von G. war bis auf den Tod seiner Frau ein ruhiger Fluss. „Wir haben viel geschafft in unseren Jahren.“ Hat sich etwas verändert für ihn in den letzten 50 Jahren, mal abgesehen vom Milchpreis, hat der Fortschritt das Ortsschild passiert? Er denkt lange nach und kommt zu keinem Ergebnis.

Sicher, der Dorfkrug ist nun weg. Gekauft von einem Lottogewinner von außerhalb, dem das Fachwerk mit den geschnitzten Balken gefiel. Die Renovierung blieb Fragment, weil die Baukosten unterschätzt wurden. Früher florierte die Kneipe, für den Grundumsatz sorgten vier Junggesellen, die ihr gesamtes Einkommen Abend für Abend in Bier umsetzten. Am deutlichsten ist der Fortschritt vielleicht bei der Feuerwehr. Als G. frisch dabei war, gab es noch keine Sirene und der Brandmeister stand mit der Trompete auf der Dorfstraße. Heute hat jeder einen Pieper am Hosenbund.

Inzwischen hat G. viele Äcker mit Nordmanntannen. Manche brauchen noch zwei, drei Jahre, andere sind schon so groß, dass sie die Decken der Altbauerker in Hamburg, Lüneburg und Lübeck streifen. G. fährt mit seinem Traktor durch die Wasserlachen auf dem Feldweg, in dem sich die Windkrafträder spiegeln. Die umliegenden Felder sind abgeerntet, nur ab und zu ist ein noch ein einzelner zerfetzter Maiskolben in den Spuren des mächtigen Erntegeräts zu sehen. Im Norden liegt als dünner Strich der Bahndamm, im Süden die roten Ziegel der vertrauten Häuser. „Dein Glück, das ist Dein Dorf“, das ist der Satz, den er seiner handgeschriebenen Chronik seines Orts vorangestellt hat. Das Zitat trägt seinen Namen.