freiheit

Für fünf leere Flaschen Sprudelwasser und acht leere Mezzo-Mix-Flaschen hatten sie eine Akte für Mario angelegt. Das war jetzt vier Jahre her und aus dem ersten Protokoll war inzwischen ein ganzer Ordner geworden, der über Marios weiteres Leben entscheiden würde. Aber das war ihm inzwischen egal, wie ihm überhaupt alles ziemlich egal war.

Eine Akte der Staatssicherheit über ihn hatte es nie gegeben. Er war einfach zu unwichtig. Als die DDR vorbei war, war er zwar erst 25, aber er hatte in dem System längst seinen Platz gefunden und keine Ambitionen, diesen Platz zu verlassen. Sie hielten ihn für beschränkt, aber ungefährlich. Mario selbst fand sich nur zufrieden. Und egal gewesen war es ihm auch, aber damals noch auf eine andere Art.

Auf einer LPG hatte er gearbeitet. Weil er kräftig war und keinen Führerschein hatte, machte er dort all das, was man tat, wenn man nicht Traktor fahren konnte. Im Herbst lief er hinter dem Rübenroder her und warf die nicht von den Metallzinken erfassten Rüben auf den Ladewagen, im Sommer stapelte er die Heuballen in der Scheune und im Winter aß er Möhrensuppe mit den anderen.

Das war kein schlechtes Leben, aber mit der Wende war es vorbei. Die jungen Leute aus dem Westen, die nach zweieinhalb Jahren den Betrieb übernahmen, stellten auf Weizen um und der moderne Mähdrescher brauchte niemanden, der mit einem Grashalm im Mund hinter ihm herlief.

Kurz bevor er seine Stelle verlor, lernte er seine erste Freundin kennen. Er mochte es, sie im Arm zu haben und ihr gefiel das auch. Sie wollten zusammen ein billiges Haus kaufen, es gab da in der Nähe eins und es schien für einen ganz kurzen Moment sogar möglich. Aber dann gab es plötzlich einen anderen, der einen Führerschein hatte und er war wieder allein.

Dass sie ausgerechnet diese kurze schöne Zeit in seine Akte aufgenommen hatten und der Meinung waren, er sei „unfähig, dauerhafte soziale Bindungen aufzubauen und zu halten“, das nahm er ihnen wirklich übel.

So traurig wie er damals war, hatte er sich eine Stelle im Westen gesucht. Eine Fabrik in einer kleinen Stadt suchte einen, der fast fertige Eisenstücke noch einmal in eine Maschine legte. Damit sie passend waren. Er war stark genug, um die schweren Gitterkörbe zu tragen und er war fleißig. Die Kollegen im Westen lachten über seinen Dialekt, aber sie mochten es nicht, dass er immer schneller als der vorgegebene Akkord war. Eines Tages gaben sie ihm einen Korb mit falschen Werkstücken. Das Eisen ruinierte seine Maschine, nichts war mehr passend. Seine Stanze nicht mehr, die Werkstücke nicht und der Vorarbeiter fand, dass Mario jetzt auch nicht mehr passte. Auch das stand nun auf dem gelblichen Papier in seiner Akte: „Es stellte sich heraus, dass der Mario S. selbst mit leichten Maschinentätigkeiten intellektuell überfordert ist.“

Einige Seiten vorher notierten sie, was Mario ihnen über seinen Vater erzählte. Dass er ihn geschlagen hat, dass er seine Mutter geschlagen hat und dass Mario ihn auf dem Dachboden fand, als er 14 Jahre alt war. Aufgeknüpft an einem Balken in der Mitte des Raums. Er hat ihn damals von der Decke geschnitten und ins Wohnzimmer getragen. Das erschien ihm richtig, trotz allem, was vorher war. Auf einem Blatt Papier las es sich, als hätte er einen Fehler gemacht und tote Väter müssten an Ort und Stelle hängenbleiben, bis die zuständige Stelle sie abschneidet. Sie hatten festgehalten, dass das einzige, was er zum Tod seines Vaters zu sagen hatte: „Das war nicht schön“ war. Er war nicht so der Mann der großen Worte und er fand das auch in dieser Kürze passend.

In dem Jahr, in dem das passierte, war Mario gerade in der achten Klasse. Der letzten Schulklasse, die er besuchte und nach dem Selbstmord war er sowieso erwachsen geworden und fing in der LPG an, wo er auch blieb, bis die Treuhand den Betrieb abwickelte. Dass er bei seinem ersten Verhör „Treuhandgewerkschaft“ sagte, hatten sie mit einem Buntstift unterstrichen. Das fanden sie wichtig, an so etwas konnten sie sich festbeißen.

Sie hatten ihn betrunken auf einem Fahrrad erwischt. Mit 1,53 Promille. Er trank gerne Alkohol, aber zum Trinker reichte es nicht, weil er nie genug Geld hatte, um sich täglich zu betrinken. Einmal hatte ihn einer aus einem Fenster beobachtet, wie er Pfandflaschen auf dem Hof des Supermarkts in eine Reisetasche umpackte. Ein anderes Mal hatte Mario Altpapier aus einem Container mit dem Fahrrad zum Wertstoffhof gefahren. Dafür hatten sie ihn zu 15 Tagessätzen zu 10 Euro verurteilt und weil er das Geld nicht hatte, musste er für einige Tage ins Gefängnis. Aber das war ihm egal und so schlecht war das Essen dort auch nicht.

Danach führten sie genau Buch über Mario. Er treffe sich ab und an mit der Tochter einer ehemaligen Bekannten seiner Mutter und habe „mit ihr Verkehr“. Seine Sozialprognose sei düster, weil er einem Verkehrspolizisten nach einer weiteren schwankenden Fahrt mit dem Rad sagte, er habe „eine Flasche Kräuter“ getrunken. Selbst die Zigaretten, die er rauchte, benutzen sie für eine F-Nummer, die seine Labilität beweisen sollte.

Jetzt lag die Akte beim Amt. Sie würden etwas für ihn entscheiden, aber Mario war das egal. Irgendwo im Mittelteil hatten sie festgehalten, er sei „ein jovialer und freundlicher Mann“. Das stimmte. Er war ein freundlicher Mann und er hätte nur einmal in seinem Leben jemanden gerne geschlagen, aber dann hängte der sich auf und da war auch schon alles vorbei.