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An einem Montag in der Rush-hour am Flughafen. Die Change-Management-Fachkraft einer großen Unternehmensberatung und ein Student im dunklen Kapuzenpulli legen in der Schlange nacheinander ihre Gürtel, die Geldbörsen und ihre Laptops in die Durchleuchtungs-Schalen auf das Band der Sicherheitskontrolle. Sie schauen sich kurz lächelnd an, weil beide dasselbe Laptop-Modell aus ihren Handgepäck-Reisetaschen nesteln.

Der Student in seinen Chucks wird von den Sicherheitsmitarbeitern anstandslos durch den Körperscanner gewunken, während die Nägel der rahmengenähten Unternehmensberaterschuhe für einen Alarmton sorgen. Wie immer. Er kennt das schon und fragt sich, warum er nicht endlich dazulernt und seine Schuhe gleich in eine der Röntgenwannen wirft.

Eine Stunde später klappen der Student und der Unternehmensberater fast zeitgleich ihre schwarzen Laptops auf. Beide sind inzwischen auf voller Flughöhe, nur in unterschiedlichen Maschinen. Der Unternehmensberater kann sich nicht erinnern, ein Dokument auf seinem Rechner gespeichert zu haben, das in kurzen und prägnanten Handlungsanweisungen erklärkt, wie eine Verkehrsmaschine entführt und noch in der Luft gesprengt wird. Trotzdem liest er den Text interessiert durch und die Mischung aus technischen Aspekten und religiösen Verheißungen elektrisiert ihn. Er dimmt die Helligkeit des Bildschirms leicht, um die Stewardessen nicht unnötig zu verschrecken. Schließlich hat er nicht vor, diese Maschine zum Absturz zu bringen – das würde seinen engen beruflichen Terminplan erheblich durcheinander bringen.

Natürlich durchschaut er, wem er dieses Dokument zu verdanken hat, aber er ahnt auch, dass seine Zufallsbekanntschaft auf ihrem Flug ohne den 32-stelligen Zahlencode zum Fernzünden seiner Gepäckbombe keinen Schaden anrichten kann. Vorerst dominiert sein Interesse an einer neuen, ihm unbekannten Art, ein „Unternehmen“ zu führen und Mitarbeiter zu motivieren, die eigenen Grenzen zu überwinden. Vielleicht lässt sich von diesem Konzept lernen, natürlich ohne es in allen Einzelheiten zu kopieren.

In einer anderen Maschine, die sich über dem Atlantik dem Festland nähert, hat sich ein junger Mann längst damit abgefunden, dass sein Märtyrertod jedenfalls für heute ausfallen wird. Vielleicht gar nicht so schlecht. Allerdings wartet am Flughafen eventuell schon die Polizei auf ihn. Außerdem sind seine Leute manchmal etwas impulsiv und unbeherrscht, was ebenfalls problematisch werden könnte. Beides gute Gründe, bei der Stewardess gegen seine sonstigen Gewohnheiten ein Glas Gin tonic zu bestellen und über ein paar Dinge in seinem bisherigen Leben nachzudenken.

Nach der Landung – er ist fast etwas enttäuscht, dass ihn niemand erwartet – schlendert er zur Gepäckausgabe, nimmt seinen dunkelgrauen Samsonite vom Band und wuchtet ihn auf einen Kofferkuli. Als wollte er nur seine Wäsche kontrollieren, öffnet er kurz den Deckel und entfernt den Mechanismus des Zünders. Dann schiebt er die nun ungefährliche Fracht vor die Tür des Fundbüros und springt vor dem Flughafen mit seiner kleinen Reisetasche aus dem Handgepäck in ein Taxi.

Als sein Telefon klingelt, hätte er mit jedem Anrufer gerechnet. Die Zufallsbekanntschaft, dessen Laptop nun in seiner Reisetasche ist, hatte er fast vergessen, weil seine Situation so seltsam ist und die ersten zwei Stunden des Leben, das er nun doch weiterführt, so überraschend glücklich. Er muss hilflos lachen und sagt: „Ich bin sicher, Sie haben den Change Prozess auch ohne Ihre Powerpoint-Präsentation gut vorstellen können. Haben Sie sich daran erinnert, dass eine Reduzierung der Touchpoints auf der Prozesslandkarte zu insgesamt schlankeren Strukturen führt?“. 

Dezentes Hüsteln auf der Gegenseite. „Zunächst einmal bin ich froh, dass Sie gut – oder sollte ich planmäßig sagen – gelandet sind. Ich habe mir außer dem geöffneten Dokument noch einige andere Dokumente Ihres Rechners durchgelesen. Sehr indiskret von mir. Im Gegenzug war ich darüber hinaus sehr schweigsam, wie sie vielleicht schon gemerkt haben. Ich würde mich gerne mit Ihnen treffen. Wir könnten unsere Laptops tauschen und ich bezahle Sie für einen kleinen Intensivkurs in den Skills, die mir dringend fehlen. Meine Mitarbeiterführung zum Beispiel könnte leidenschaftlicher sein und sprachlich bin ich oft zu kompliziert – Sie scheinen in diesen Punkten Expertise zu haben und wenn Sie auf den albernen Überbau mit der Religion verzichten, könnten wir vielleicht sogar ein Team werden.“