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Irene hatte schon für die ganz Großen geblättert. Trotzdem flog sie stets unerkannt in der ersten Klasse zu Konzerten rund um den Globus und ihre Kunden – Pianistinnen und Pianisten der Spitzenklasse – lobten sie für die seltene Gabe, ihr Klavierspiel mit der lautlosen Unsichtbarkeit ihres Blätterns auf ein noch höheres Niveau zu heben.

Ihre besondere Fähigkeit war es, die Notensätze nicht nur zu lesen, sondern eine innere Symbiose aus Pianist und Komponist herzustellen, die dem jeweiligen Stück zwei Takte voraus war. Noch nie war es vorgekommen, dass sie auf ein Kopfnicken hätte reagieren müssen und Daniel Barenboim hatte angeblich über sie gesagt, sie sei „eine Atomuhr mit der Seele eines Künstlers“.

Worüber Irene niemals sprach, war die Akribie, mit der sie sich für ihre bescheidene Rolle geschult hatte. Nach einem Klavierstudium am Konservatorium suchte sie sämtliche Papiermühlen Europas auf, von denen die renommierten Notenverlage ihre Bedruckstoffe bezogen. Sie studierte im schwäbischen Lenningen bei der Papierfabrik Scheufelen die Rascheleigenschaften von matten Sorten und unterzog nördlich von Göteborg die Laufrichtungen und Fasereigenschaften der ungestrichenen Papiere von Munken intensiven Tests.

Mit einer Schneiderin erarbeitete sie das optimale Konzertkleid für Umblättererinnen – ein knöchellanges Samtgewand mit locker geschnittener Armkugel, das sie im Bühnenlicht mit dem dunklen Hintergrund verschmelzen ließ. Selbst das leicht getönte matte Make-up-Puder war kein Zufall: Bei rechtshändigen Pianisten saß sie links neben dem Flügel und meist fiel sie dem Publikum nicht weiter auf. Das sollte sich beim Lugano Festival im Sommer 2009 schlagartig ändern.

Martha Argerich, die große Rachmaninow-Interpretin, bat sie nach einem donnernden Schlussapplaus überraschend nach vorn und Irene wurde als erste Umblättererin vom Publikum frenetisch gefeiert. Nachdem Irene ähnliche Beifallsstürme nach Konzerten von Arcadi Volodos und Boris Wadimowitsch Beresowski erlebte, traten erste Konzertveranstalter an sie heran und boten ihr Soloabende an: Sehr leise Pianoabende ohne Klavier, bei der die ungehörte Musik nicht im Mittelohr, sondern allein in der Vorstellungskraft des Publikums explodierte.

Lediglich Irenes geschmeidiges Wenden der Notenblätter zeigte dem Publikum den Fortschritt innerhalb der Partitur an; ihr Blättern beschleunigte zu langsame Teilnehmer ihrer imaginären Konzerte und bremste zu forsche Hörer auf das richtige Tempo ein. Ein ganz neues Konzertformat war geboren, obwohl Irene an ihrer bisherigen Arbeit nur Details änderte. Sie blieb trotz ihrer großen Erfolge bescheiden, trug aber nun ein geblümtes Abendkleid, mit dem man sie auf der Bühne besser sehen konnte.

 

 

 

 

 

 

BILD KLAVIER SCHAROUN