weinprobe

 

Der junge österreichische Sommelier steht kurz vor der Prüfung an einer weltweit renommierten Wein-Akademie, die ihn zu einem für die Gastronomie unbezahlbaren Fachmann machen wird. Möglicherweise ist das hier eine der letzten Gelegenheiten, ihn in einem derart intimen Kreis von nur acht Personen zu erleben. Der Mann wird bald Stadien füllen. Es ist später Abend und der Kellerraum ist trotzdem verdunkelt, um nicht die Balance der lichtscheuen Weine in ungute Schwingungen zu versetzen. Fünf Weine stehen zur Verkostung an, aber bevor die erste Flasche entkorkt wird, erfahren wir buchstäblich alles über das unselige Kork-Monopol des portugiesischen Unternehmens Amorim.

Beste Qualitäten der Korkeiche würden nur nach Frankreich und Italien geliefert, während kleinere Weinnationen wie Island nur die zusammengefegten und gepressten Reste in Birkenstock-Qualität bekämen. Auch nach Österreich, im Mengenvergleich kein großer Player, würden daher nur mediokre Korken geliefert. Deshalb der Schraubverschluss auf vielen Flaschen. Nach einer Stunde ein erster Schluck Chardonnay in Reserve-Qualität, 60 Euro die Flasche. Der Sommelier schenkt großzügiger aus als bei Weinproben üblich und wir trinken hastig aus. Der Wein schmeckt nach Aprikose und Quitten. Das tut Fruchtsaft auch, aber das hier knallt besser. Über den Wein verliert der Fachmann nicht viele Worte, denn nun geht es eine Stunde lang um Fässer. Barrique ist sein Thema und er ist nun Küfer, Holzexperte und Betriebswirt.

Die 225 Liter Eichenfässer, in denen Weine mit Barrique-Aromen ausgebaut werden, kosteten nämlich 3.000 Euro. Weil sie für beste Qualitäten nur einmal benutzt werden könnten, gingen fast 10 Euro pro Flasche für das Fass drauf. Zusammen mit einem 1,40 Euro teuren Naturkork müsste selbst eine Flasche Barrique-Cola im Handel für über 20 Euro verkauft werden. Endlich wieder Wein. Ein sehr guter Maximum Veltliner mit intensiver Farbe und Backäpfelaroma, bla-bla, rein damit. Der Streber aus der Gruppe begeht den Fehler, die Aromatisierung von Wein mit Barrique-Chips anzusprechen.

Jetzt läuft der Abend völlig aus dem Ruder. Der Sommelier hasst die Barrique-Frevler, die sogar geschreddertes Klick-Parkett in ihre Tanks kippen würden, um den Geschmack ihrer Weine zu manipulieren. Er hasst Stahltanks, hasst Massenproduktion und überhaupt hasst er sich in Rage. Ein auf Barrique ausgebauter Wein, den er ganz und gar nicht mag, kommt aus seinem Heimatland und steht als Cuvée Reserve in jedem Supermarkt. Es ist der „Big John“, ein Mix aus Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Zweigelt. Irritierenderweise betont er trotz seines glühenden Hasses immer wieder: „Den Big John mag jeder“.

Die Österreicher in der Gruppe kennen den Wein und loben ihn murmelnd. Der Sommelier merkt, dass die Stimmung gegen ihn kippt und lenkt etwas ein: „Mit dem Big John kann man einfach nichts falsch machen. Trotzdem mag ich ihn nicht.“ Es folgen noch drei weitere Weine, aber alle müssen sich nun am Big John messen. Auch die Weißweine. Der Sommelier verkauft an diesem Abend keine einzige Flasche. Was kein Wunder ist, denn alle fünf verkosteten Weine kosten jeweils mindestens so viel wie vier Flaschen Big John. Und den mag einfach jeder.