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Das Hotel, das sich meine Großeltern für die Feier ihrer Goldhochzeit 1983 aussuchten, war kein „großes“ Hotel. Aber das passte, weil meine Großeltern auch kleine Leute waren. Groß war das Hotel in Bad Neuenahr trotzdem. Es war eine Art „Bierkönig“, nur ohne Mittelmeer. Eine rustikal furnierte Weinschwemme mit der damals so beliebten indirekten Beleuchtung, die mit der Farbstimmung von Kühlschrank-Gemüsefächern jedem Gast im Raum einen fahlen selleriefarbenen Teint verlieh.

Auf den Fliesen des riesigen Schankraum verloren sich die kleinen Körper meiner Oma und meines Opas. Ihre beiden Söhne mit Ehefrauen und zwei Enkel – das war schon die gesamte Gesellschaft. Meinem Opa gefiel es, die Koteletts waren „groß wie Abtrittsdeckel“, meine Oma mochte den lieblichen Wein und irgendwie hatten die beiden sich im Laufe ihres Lebens so oft mit den Verhältnissen arrangiert, da kam es auf diesen Abend auch schon nicht mehr an.

Eine Sache war allerdings komisch: Es gab keine anderen Gäste im Restaurant. Nur vor den geöffneten Schiebetüren zum Treppenhaus sah man junge Männer vorbeiziehen. In dunklen Polizeiuniformen, mit ledernen Dienstmützen. Sie kamen oft paarweise, hielten sich an den Händen oder umfassten mit ihren Armen den Rücken ihres Kollegen. Manchmal küssten sie sich auch auf dem Treppenabsatz zum Untergeschoss. Meine Oma war interessiert, so etwas hatte sie noch nicht gesehen. Sie wunderte sich allerdings, dass so viele Polizisten an einem Wochenende und nach Dienstschluss Uniform trugen.

Später – es müssen schon drei- oder vierhundert junge Männer im Untergeschoss versammelt gewesen sein – hörte man durch die Decke Klangfetzen der „Village People“, zu denen immerhin auch ein Polizist gehörte. Das wusste meine Großmutter nicht und dass Gloria Gaynor sich vornahm, nach einer Trennung zu überleben, konnte sie aufgrund der Sprache nicht verstehen. Was meine Großeltern allerdings rührte, war der Part mit der Live-Musik. „Und jetzt“, schallte es durch das Treppenhaus, „die neue Zarah Leander!“ Eine sehr tiefe Männerstimmte stimmte unter Applaus „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ an.

Den Film, aus dem das Lied stammte, hatten sie gemeinsam 1942 gesehen. Kurz bevor mein Großvater in den Krieg zog, aus dem er erst 1949 mit einem Pappkoffer zurückkehrte. Liebe ist ein Wunder, das Überleben ist ein Wunder und vieles andere auch.