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Im Arbeitszimmer meines Großvaters stand nicht nur ein Bett, sondern auch seine Musiktruhe. Wenn er in seinem Geschäft war und ich allein in der Wohnung meiner Großeltern bleiben durfte, habe ich mich getraut, auf die elfenbeinfarbenen Knöpfe zu drücken und zu warten, bis das magische Auge des Radios aufglomm. Unten links war eine Klappe, hinter der seine Schallplatten standen. In einem Ständer, dessen Metallstangen mit feinem Stoff bezogen waren.

Damals wurden Singles oft noch ohne Cover verkauft, sie steckten lediglich in einer Papierhülle, die in der Mitte das runde Etikett freigaben. Er musste nicht weit laufen, um seine Schallplatten zu kaufen. Schräg gegenüber vom Eingang seines Geschäfts befand sich eine Musikalienhandlung, die einen abgerundeten Edward-Hopper-Nighthawks-Tresen hatte, in dem telefonartige Hörmuscheln stakten. Im Verkaufsgespräch benutzte der Besitzer die verschiedenen Plattenteller für die Präsentation seiner Empfehlungen und zeigte auf die entsprechenden Hörmuscheln.

Weil mein Großvater zwar sehr geizig war, aber als Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes auch gewisse Verpflichtungen hatte, besaß er relativ viele Schallplatten aus dem Fundus seines Nachbarn. Der überwiegende Teil war Marschmusik von blechlastigen Orchestern. Was ich nicht verstehen konnte, weil er in seinem Leben bereits in zwei Weltkriegen schlechte Erfahrung mit längeren Fußmärschen gemacht hatte.

Die beiden einzigen Singles, die meinen Geschmack auf Anhieb trafen, waren von Sandie Shaw. Vermutlich war mein Großvater auf sie aufmerksam geworden, weil sie 1967 mit „Puppet on a string“ den Eurovision Song Contest in Wien gewonnen hatte. Ironischerweise sah sie – aber das habe ich erst viel später bemerkt – drei Jahre zuvor bei „(There’s) Always Something There To Remind Me“, der zweiten Single aus der Musiktruhe, der jungen Version meiner Großmutter ungemein ähnlich. Zwar konnte mein Großvater kein Englisch, aber ich mag die Vorstellung, dass er bei der Zeile „I was born to love her, and I will never be free“ unwillkürlich mit dem Fuß mitwippte.