waitermaleHeute hat es nichts gebracht, mit dem Einkaufswagen scheinbar interessiert vor den Zeitschriften auf und ab zu schlendern, auch der angetäuschte Blick auf die gefrorenen Mastgänse in der Kühltheke – immer ein Auge auffällig auf die Kassenschlange gerichtet – war zwecklos. Die zweite Kasse bleibt geschlossen und die lange Schlange vor der ersten ist inzwischen sogar noch ein bisschen länger geworden. Was soll ich mich anstellen, es bringt ja nichts. Wo soll ich mich anstellen? Hinten natürlich.

Den Wagen vor mir lenkt ein Paar, das schon viel herumgekommen ist. „In den Staaten“, schnappe ich von den beiden auf, gäbe es diese Schlangen nicht, dort wäre längst die zweite, dritte oder fünfte Kasse besetzt – mit Mitarbeitern, die rund um die Uhr „Service leben“. Plus freundlichem Extrapersonal, das hinter der Kasse die Taschen behutsam füllt und bei Bedarf noch die Ausgangstür öffnet. Okay, denke ich, wir haben hier automatische Türen mit Bewegungssensor, das ist eventuell noch eine Spur moderner, aber vielleicht haben die das in den USA mittlerweile auch eingeführt.

Die Kassiererin sieht nach ihrem langen Arbeitstag müde aus und die Öffnung einer zweiten Kasse würde ihr vermutlich noch mehr gefallen als den Kunden. Allerdings sind ihre beiden einzigen Kollegen im Supermarkt damit beschäftigt, Regale aufzufüllen und den bockigen Leergutautomaten dazu zu bringen, eingeworfene PET-Flaschen nicht zurück in den Verkaufsraum zu katapultieren. Die Kassiererin ist müde, aber sie „lebt Service“ und kann davon trotzdem kaum ihre Miete in Pinneberg bezahlen. Der Hamburger Elbvorort, in dem sie arbeitet, ist für sie unerschwinglich und mit dem Bus ist es ja auch nur eine knappe Stunde.

Das gepflegte Gejammer über die „Servicewüste Deutschland“ ist ein guter Gesprächseinstieg. Als wäre der Großteil dieses Landes mit Butlern und Hausdamen aufgewachsen, soll gefälligst bedient und umcharmt werden. Nicht aufdringlich und plump, denn das sind wir ja selbst, sondern freundlich, selbstverständlich und dabei auch dezent. Die Erwartungshaltung ist dabei inzwischen so hoch, dass sie sich längst nicht mehr mit Petitessen wie dem entsprechenden Umfeld oder gar dem eigenen Kostenbeitrag für diesen Service aufhält.

Wer Hotelbewertungen im Internet liest, findet einen reichen Fundus an gehässigen Ein- und Zwei-Sterne-Bewertungen für preiswerte und saubere Unterkünfte, die ihrerseits in ihrer Selbsteinordnung deutlich bescheidener sind als ihre Kunden. Eine Großstadtunterkunft für 70 Euro zu Messezeiten ist zwar ein fairer Kurs, aber dass der Schuhputzautomat im zweiten Stock nur schwarze Schuhcreme ausspuckt und das Rührei schon um 10.30 Uhr fehlt – bei solchen unverzeihlichen Katastrophen entschädigen den verwöhnten Frequent Traveller auch die 16 verschiedenen Cerealien auf dem Büffet nicht. 16 frische Getreidesorten gehören für den normalen Mitteleuropäer längst zum Mindeststandard, darüber muss man doch nun wirklich nicht mehr reden.

Einen Stammplatz in der ewigen Hitliste der beliebtesten Service-Aufreger haben sich Paketdienste gesichert. Ständig – so behaupten Nörgler gern – werfen die Paketboten aus Faulheit nur eine Abholkarte in den Briefkasten, liefern an den falschen Wunschnachbarn aus oder kommen am äußersten Rand des angekündigten Zeitfensters. Wenn überhaupt. Besonders gern sind die Service-Opfer von Paketdiensten GENAU in der Minute der Zustellung rasch unter die Dusche gesprungen. Wobei 15 Uhr bekanntlich die gesamtdeutsche Hauptduschzeit ist, das sollten sich Logistikunternehmen mal hinter die Ohren schreiben.

Es gab einmal einen Bekannten, der seitdem keiner mehr ist, dem es als Partytalk gefiel, den Schweißgeruch eines gestressten Paketboten im Hochsommer zu thematisieren. Er, der noch nie körperlich gearbeitet hatte, konnte sich nur schwer vorstellen, wie es ist, in der Gluthitze einer Großstadt einen unklimatisierten Kastenwagen von Parkverbot zu Parkverbot zu lenken. Nur unterbrochen von erfrischenden Zwischenspurts in den vierten Stock von Altbauten. Natürlich nicht in atmungsaktiver Freizeitkleidung, sondern in der Synthetik-Uniform des Arbeitgebers.

Der Service von Amazon, dem volumenstärksten Auftraggeber der ungeliebten Paketdienste, wird indes einhellig gelobt. Vorbildlich, wie kulant dort die eigenen absehbaren Fehlkäufe umgetauscht werden, geduldig bei Hotline-Anfragen und unkompliziert im Support – wie „in den Staaten“ eben. Mit großvolumigen Datenbanken und einem formelhaften Mailverkehr kommen wir möglicherweise einfach besser klar als mit echten Menschen.

Diesen schrecklich unorganisierten, ganz normalen Leuten, die frühmorgens im Sauerland in einen Regionalzug steigen, im Ruhrgebiet ihren Dienst in einem ICE antreten und nachmittags irgendwo am Oberrhein doch tatsächlich nicht auf Anhieb wissen, wann der Südwestbus von Offenburg nach Oberschopfheim fährt. Während gleichzeitig der aggressiv wirkende Hund im Großraumabteil keinen Maulkorb trägt, die Geschäftsreisende am Laptoptisch ewig nach ihrer Bahncard kramt und die Keglerrunde die vierte Prosecco-Runde einläutet. „Guter Service sieht anders aus, da sollte man, nein, man müsste sogar und es gibt doch Computer für so etwas, naja das mit dem Internet im Zug hat die Bahn ja auch immer noch nicht hingekriegt, deshalb nichts für ungut, aber ist doch wahr Mensch!“

Oder Stewardess oder Steward, das waren mal angesagte Traumberufe im Servicebereich. Flugbegleiter brauchen sichere Fremdsprachenkenntnisse und ihr äußeres Erscheinungsbild wünschen sich die Fluggesellschaften möglichst „gepflegt“. Was im Sinne des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes das so gerade eben noch erlaubte Wort für „Modelmaße“ ist.

Belastbar, flexibel und „serviceorientiert“ sollen sie nach Möglichkeit auch sein und das bedeutet nichts Gutes. Ihre Aufstiegschancen sind gering und ihr Gehalt steht in einem krassen Missverhältnis zum vermeintlichen Jetset-Status von Menschen, die die Metropolen der Welt bereisen. Als Frau entfachen Stewardessen – wie Krankenschwestern und Polizistinnen – traditionell Männerphantasien.

Allerdings nicht wegen ihrer Uniform, sondern eher durch die unausgesprochene Unterstellung, dass ihnen nichts Weltliches fremd ist. Oder ganz prosaisch ausgedrückt: Sie haben eine berufsbedingte Erfahrung mit unappetitlichen Kerlen, denen sie nicht die Meinung geigen dürfen. Und erst recht nicht Familien, die bereits ihren Kindern beibringen, dass das Standardessen nur etwas für Anfänger ist und „koscher“, „leichte Schonkost“ oder „halal“ für etwas Extra-Serviceaufwand sorgen. Natürlich mit zwei Getränken, am besten aus den Thermosbehältern, das macht mehr Arbeit.

Sie lächeln auch für die, die sie abschätzig „Saftschubsen“ nennen und glauben, ihr schlechtes Benehmen stehe ihnen gerade wegen des niedrigen Flugpreises zu. Im Flugzeug schließen die Flugbegleiter mit der Gelassenheit einer Mutter von fünf schwer erziehbaren Kindern die Handgepäckfächer, die achtloser befüllt werden als ein privater Wäschepuff. Schließlich loten in Zeiten aufpreispflichtiger Koffer immer mehr Passagiere die erlaubten Grenzen des Handgepäcks aus und zerren auf Kurzstrecken schwere Trolleys durch den Mittelgang, mit denen vor zwei Jahrzehnten dreiwöchige Urlaube bestritten worden wären.

Ihren gesetzlich vorgeschriebenen Vortrag der Sicherheitshinweise müssen sie vor einem gelangweilten Publikum abspulen, das sich krampfhaft bemüht, möglichst unbeteiligt zu tun, um sich nicht versehentlich als Seltenflieger zu outen. Zuvor stellen sich Stewardessen namentlich vor und bitten darum, die elektronischen Geräte in den Flugmodus zu versetzen und dennoch haben sie nach dem Einschalten ihres Smartphones am Zielort zwischen vier und sieben Freundschaftsanfragen von älteren Herrschaften mit Facebook-Account.

Sie sind der Kommunikations-Prellbock für die Politik ihrer Fluggesellschaften, die die Maximalauslastung von teuren Maschinen mit eingeplanten Überbuchungen sichert. Wer bei dieser Reise nach Jerusalem ohne Sitzplatz bleibt, fragt sich naturgemäß nicht, warum ein Flugticket inzwischen billiger ist als ein Abend im Musical oder ein Essen im Restaurant – sondern will Service: Einen neuen Flug und nach Möglichkeit eine Entschädigung, die den gezahlten Preis übersteigt. Selbst wenn der Härtefall nur in einer Stunde Wartezeit auf die nächste Maschine besteht.

Während ihrer eigenen knappen Pausen haben sie selbst oft keinen bequemen Sitzplatz, sondern nur einen Hocker hinter einem muffigen Vorhang in Toilettennähe und müssen sich im Licht einer 15-Watt-Funzel die Zeit mit Illustrierten vertreiben, die zur künstlichen Auflagensteigerung in Flugzeuge geworfen werden. Im Halbdunkel der Kabine behalten sie hinter dem sperrigen Servicecontainer die Ruhe, während ihr sitzendes Gegenüber die Auswahl des Gratisdrinks fünfmal ändert.

Bis es am Ende der zähen Entscheidungsfindung in fast allen Fällen doch ein ekliger Gemüsesaft ist, den am Boden kein Mensch mit spitzen Fingern anfassen würde. Ihr Service ist meist höflich, freundlich, hilfsbereit und ihr Lächeln keine falsche Turniertänzer-Fratze, sondern fast immer die gelassene Erfahrung, dass Menschen sehr verschieden sein können und man besser mit ihnen zurechtkommt, wenn man sie einfach lässt, wie sie sind. Stewardessen sind ein bisschen wie Buddha, aber sie kommen mehr rum und sie haben die besseren Kaltgetränke.

Aber zurück in den Supermarkt. Die Kassiererin ist jetzt aufgestanden, um einer Seniorin zu helfen, ihren Einkauf aus einer Börse voller Kleingeld zu bezahlen. Geduldig sucht sie mit ihrem Zeigefinger nach den passenden Geldstücken und überhört das Gemurmel aus der ungeduldigen Schlange. Schließlich verlässt sie sogar ihren Tresen, um die Suppendosen und einen kleinen Blumenstrauß im Einkaufsbeutel des Rollators zu verstauen. Der Unmut in der Schlange wächst – dabei ist es genau das, was Service ausmacht. Nur eben nicht für jeden und gleichzeitig und in derselben Menge. Aber vielleicht lernen wir das noch bis wir auch einmal alt sind. Und dann sagen wir einfach mal Danke.