michel

Als Michelangelo im Alter von 26 Jahren von der florentinischen Wollweberzunft den Auftrag bekam, eine überlebensgroße Davidstatue zu schaffen, sah er in etwa aus wie ich. Etwas untersetzt, unterentwickelte Brustmuskulatur und ein von der Vorliebe für italienisches Essen deutlich vorgewölbter Bauch.

Da er keine geeigneten Handwerker fand, die die Statue des David nach seinen Vorstellungen aus dem Carrara-Marmor schlugen, musste er selbst Hand anlegen. Seine Idee war ein autobiographisch angelegter David, der wegen seiner so offensichtlich unsportlichen Erscheinung Goliath nur durch intellektuelle Fähigkeiten besiegen konnte.

Vier Jahre lang wieselte der dickliche Michelangelo um den 5,17 Meter großen Steinblock herum, sprengte unter großen Anstrengungen mal hier, mal dort einen winzigen Marmorspan aus der vollen Form. Zu Anfang musste er sich quälen und fiel abends in einen narkotischen Schlaf, doch mit zunehmender Dauer des Projekts wurde er fitter. Er genoss es, dass der Marmor ihn zwar zwang, stärker zuzuschlagen, aber zugleich seinen Meißel schärfte.

Mit jedem Hieb in den Stein und jeder Bewegung auf dem Gerüst, das er sich um den Marmorblock gebaut hatte, veränderte sich Michelangelos Körper. Die Pyramidenmuskeln seines Bauchs bildeten sich aus, der Musculus obliquus externus abdominis formte sich zu einer erregend harten Landschaft, Michelangelo disponierte um. Zum Glück musste er den Marmorblock, den er nach seiner ursprünglichen Körperform gestaltet hatte, nur verfeinern und weiteres Material abtragen. In vier langen Jahren trat sein verkopftes künstlerisches Konzept in einen fruchtbaren Dialog mit der harten körperlichen Beschäftigung und veränderte ihn selbst und zugleich sein Werk. Nach der Statue des David überlegte Michelangelo, die Bildhauerei aufzugeben und Sportlehrer zu werden, entschied sich aber wegen der guten Kantine des Vatikans für einen größeren Auftrag in der Sixtinischen Kapelle.