schloss

Heinz und Britta Abus standen wirtschaftlich am Abgrund und nur ihre Liebe ließ sie diese grauenhafte Zeit durchstehen. Ihre Fabrik hatte bereits mehrmals Kurzarbeit angemeldet, doch die Kosten ließen sich nicht weiter reduzieren und die trostlosen Mitarbeitergespräche mit den treuesten Handwerkern, deren Großväter schon für die Abus-Familie gearbeitet hatten, waren emotional belastend. Aber was sollten sie noch tun? Ihr Kernprodukt, das Vorhängeschloss, war mausetot. Kein modernes Kellerabteil ohne Zylinderschloss, kein Koffer mehr ohne eingebautes Zahlenschloss und Fahrräder wurden inzwischen mit komplizierten Patentsicherheitslösungen angekettet.

Eines Abends, sie hatten gerade die Zustellurkunden mit den Mahnbescheiden und Pfändungsandrohungen beiseite geräumt, um einige Scheiben trockenes Pumpernickel ohne jeden Belag zu essen, bat Britta ihren Heinz um einen Gefallen. „Lass uns dieses unwürdige Spiel beenden, mit uns stirbt das Vorhängeschloss, aber wir wollen nicht durch das Vorhängeschloss sterben.“ Heinz nickte stumm und nahm ihre Hand. Er wünschte sich einen letzten Spaziergang durch die leere Produktion, der Drei-Schicht-Betrieb war schon lange Geschichte. Gemeinsam schlenderten sie durch die Schmiede, die Verzinkerei und die Lackierwerkstatt. In der Qualitätskontrolle nahm er eines der hübschen Schlösser aus den Ölpapierkartons in die Hand und erinnerte sich, wie er als 11-jähriger hier gravieren gelernt hatte – den Code auf der Unterseite, den jedes Schloss trug, wenn es das Werk verließ.

Heinz schaltete die Gravierfräse ein und schrieb. Er gravierte nicht den versteckten Code der Schlossunterseite, er schrieb auf den Korpus des Schlosses „Britta und Heinz“. Dahinter setzte er ein Herz. Britta liefen Tränen der Rührung über das Gesicht und sie umarmte ihn. Als sie die schwere Eingangstür der Fabrik hinter sich zuzogen, überredete sie Heinz zu einem kleinen Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Kaum jemand war noch unterwegs und auf der Brücke über den Fluss küssten sie sich. Ihre Liebe würde diesen Konkurs überdauern. Britta zog das gravierte Vorhängeschloss aus ihrer Handtasche und klickte es ans Brückengeländer, den Schlüssel warf sie in den Fluss.  Was für ein starkes Symbol dachte Heinz, was für eine Frau, was für ein Glück.

Drei Tage später war ein zweites Schloss am Brückengeländer, nach fünf Tagen waren es acht, zehn Tage später rund 200 Stück. Ein neuer Trend sei das, hörte man aus Paris, Wien und Köln, wo Reporter auf Brücken vor Tausenden von Vorhängeschlössern gefilmt wurden. Nur kurz konnten Heinz und Britta Abus die Nachfrage aus Lagerbeständen decken und damit ihre Schulden abtragen, nach zwei Monaten produzierte ihre Fabrik höhere Stückzahlen als je zuvor. Brittas Geistesblitz und ihre starke Liebe hatten das Unternehmen gerettet und die Brücken der Welt für immer zerstört.