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Misanthropie ist aktuell. Noch nie war es so einfach und so beliebt, andere Menschen abzulehnen. Weil wir noch nie so allein waren. Mit einem elektronischen Endgerät ausgestattet, das uns suggeriert, wir seien trotz unseres Alleinseins ständig Teil irgendeiner Gruppe. Die Bestätigung für unsere Ablehnung kommt im Sekundentakt und je schärfer wir sie formulieren, desto stärker ist unsere Resonanz.

Wir haben uns dabei auf Codes geeinigt und wissen sehr genau, welche Beleidigung die meisten Punkte bringt und oft folgt nach der Ausgrenzung anderer ein Selfie, das uns selbst so zeigt, wie wir von unserem imaginären Rudel wahrgenommen werden wollen. Cool und wenn wir schlau sind, mindert ein Kommentar ironisch unsere eigene Unzulänglichkeit. Die Selbstdistanz ist dabei nicht mehr länger als ein ausgestreckter Arm. Dabei sitzen wir alle im selben Bus. Was leider nur eine Metapher ist. Denn würden wir tatsächlich in einem Bus sitzen, könnten wir den Kopf drehen und uns endlich wieder gegenseitig anschauen.

Wir könnten uns darüber freuen, dass wir eben nicht dieselben Kleider tragen. Wir würden die Grazie sehen, mit der sich eine abgekämpfte Beamtin nach einem Achtstundentag in ihrem Sommerkleid zu einem Haltegriff hochreckt. Wir würden den in sich zusammengesunkenen alten Mann sehen, der mit seinen wenigen Zähnen still in sich hineinlacht und uns fragen, was ihm gerade durch den Kopf schießt. Und wir könnten die Körperspannung des jungen Balzkönigs einfach für zwei Sekunden genießen, ohne ihn gleichzeitig abzuscannen und seine Pose negativ zu bewerten.

Dick, dünn, weiß, schwarz, schnell oder langsam: Wir müssten uns zwangsläufig mit dem zur Verfügung stehenden Platz arrangieren und hätten schlicht gar keine Zeit, uns ausgiebig zu beharken, weil das Stück bis zur nächsten Kurve, die uns von den Beinen holen könnte, so knapp ist. In großen Städten funktioniert das im öffentlichen Nahverkehr übrigens überraschend gut: Warum eigentlich nicht im Internet?