kochen

Mit dem Backpinsel „Becky“ beginnt mein Unbehagen im Küchenfachgeschäft. Ein Griff aus mattschwarzem Kunststoff und knallrote Borsten in einer gebürsteten Edelstahlfassung. Plötzlich sehe ich vor dem inneren Auge meinen eigenen überraschenden Tod. In meiner Vorstellung betreten wildfremde Menschen eines karitativen Dienstes meine Küche und durchsuchen mit einer Mischung aus Ekel und professionellem Eifer die Küchenschubladen nach Verwertbarem und Entsorgungspflichtigem.

Mein eigener Backpinsel hat einen Holzstiel und eine zerbeulte Blechmanschette mit krausen, buttergelben Borsten. Kann ich diese Hinterlassenschaft einem Entrümpelungsteam überhaupt zumuten? Entsprechen meine übrigen Messer, Kochlöffel und Pfannenwender noch dem Standard, den eine Küche im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aufweisen sollte? Das ansprechend dargebotene Handwerkszeug des Fachgeschäfts stößt mich noch tiefer in die Depression.

Viele Gegenstände kenne ich sogar noch gar nicht. Wie zum Beispiel konnte ich so lange ohne einen „YolkFish“ leben – einen leuchtend orangen Fisch aus Silikon, auf den man drückt, um ein Vakuum zu erzeugen. Aufgesetzt auf den Dotter eines aufgeschlagenen Eis, verschluckt der Fisch das Eigelb und lässt das Eiweiß in der Schale zurück. Genial.

Ich arbeitete bisher mit zwei Tassen. Am Rand der einen zerschlage ich das Ei so gut es geht in der Mitte. Der größte Teil des Eiweißes rutscht gleich in diese Tasse und die Schalenhälfte mit dem Dotter jongliere ich so lange darüber, bis ich einen sauberen Dotter für die andere Tasse habe. Vermutlich ist das steinzeitlich, aber andererseits muss ich danach auch keinen „YolkFish“ unter 40 Liter fließendem Wasser säubern.

Auch besitze ich keinen „Spice Infuser“ (Größenverstellbar in vier Stufen!) aus Metall, der als Gewürz-Teeei in die Suppe geworfen wird und nach der Kochzeit an einem Silikongurt (ja, wieder Silikon) herausgezogen wird. Stattdessen fische ich das Bouquet garni ganz unelegant mit einem Löffel aus dem Topf und werfe es in den Kompost. Spätestens an dieser Stelle fällt mir auf, dass die meisten der aktuell erhältlichen Küchenutensilien bei den Entrümplern vom Sozialdienst dereinst für noch mehr Trostlosigkeit als mein aktueller Besitz sorgen werden.

Da ist zum Beispiel der Grissini-Roller, der aus einem ausgewalzten Teig mit seinen Silikonrollen drei perfekte Gebäckstangen schneidet. Er wird – je nach Restlebenszeit des Käufers – zwischen ein und drei Mal zum Einsatz kommen. Danach und vermutlich noch viel früher, wird er zum giftigen Sondermüll. Ein Schicksal, das vermutlich auch der Mini-PopOver-Form droht, einer Art metallenem Adventskranz, mit dem man sechs dieser modernen Eierkuchen auf einmal in den Backofen heben kann.

Am furchtbarsten ist der Merch, der rund um kulinarische Influencer auf den Markt geworfen wird: Sehr bekannt scheint momentan der BBC-Showbäcker „Paul Hollywood“ zu sein, für dessen Backformen in chinesischen Walzwerken Sonderschichten geschoben werden. Sein Baguette bekommt die unvergleichliche Knusperkruste nämlich nur im gelochten „Bread Crisping Tray“ und seine Brote lassen sich nicht mit dem Brotmesser, sondern nur mit der „Bread Saw“ portionieren – einem riesigen Fuchsschwanz, der verdächtig nach Baumarkt aussieht.

Ich will das jetzt alles nicht mehr sehen. Die Gedanken über meinen eigenen Tod sind inzwischen verflogen. Stattdessen denke ich über den Tod all der Menschen nach, die noch viel mehr Müll hinterlassen als einen zerzausten Backpinsel. Die zwischen all diesen Gerätschaften kaum zu Lebzeiten die Symbiose von Kochen und Genießen erleben werden. Und ihre unendliche Traurigkeit über den nutzlosen Besitz nicht mal mit einem ordentlichen Schluck herunterspülen können. Weil auf der Flasche der patentierte „Shot Measure“-Stöpsel von „Bar Craft“ steckt, der nur exakt 25 Milliliter freigibt.