bryan

17. Oktober 2012

Seit zwei Jahren, jeden Abend kurz nach sechs Uhr parkt ein alter Opel vor dem Haus und aus dem Seitenfenster schluchzt Bryan Ferry sehr laut „More Than This“. Nie ist es ein anderer Titel. Das geht jetzt seit 2010 so. Ich liebe Rituale, aber ich hinterfrage sie auch.

Wie gelingt es dem Fahrer, seine Ankunft so genau zu planen, dass dieser Song seine Einfahrhymne ist? Kommt er nie in einen Stau? Hat er eine Endlosschleife im CD-Player, ist es geheimes Signal an seine Frau, nur mit einer Kittelschürze bekleidet an die Tür zu kommen oder gedenkt er einer Jugendliebe aus dem Jahr 1982? Ich würde ihn gerne ansprechen, habe aber Angst, er könnte mich tief ansehen und einfach nur sagen: „More than this you know there’s nothing!“

28. September 2014

Vor circa anderhalb Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass seit 2010 jeden Tag um kurz nach sechs Uhr ein Mann mit Opel vor meinem Haus parkt, aus dessen geöffneter Seitenscheibe Bryan Ferry „More than this“ singt. Nicht nur immer dieses Lied, sondern tatsächlich auch immer die gleiche Stelle aus dem Refrain. Genau die Sekunden, in denen die Worte „…more than this…“ vorkommen.

Es klingt reichlich verstiegen, denn die Verkehrssituation in Hamburg ist schwierig und er muss das ja auch zeitlich sehr genau abpassen, um wirklich exakt mit dieser Stelle im Lied zum Stehen zu kommen. Tatsächlich ist es ein wahrhaftiges Wunder und keine urbane Legende, ich würde das unter Eid aussagen. Was ich nur sagen wollte: Er macht das nun schon vier Jahre lang und seit ein paar Wochen kommt er etwas früher nach Hause. Und noch immer stimmt das Timing.

29. September 2015

Vor anderthalb Jahren und auch vor drei Jahren schon schrieb ich in mein Tagebuch über den Mann, der jeden Tag um kurz nach sechs Uhr seinen Opel mit leicht heruntergelassener Seitenscheibe und lauter Musik vor meinem Fenster einparkt und zwar immer exakt bei der Liedzeile „More than this, tell me one thing“ des Roxy Music-Stücks „More than this“. In diesen mehr als 1.000 Tagen hat sich das Szenario nie geändert und ich wollte das nicht ständig wiederholen, um nicht zu langweilen. Nun allerdings ist etwas grundsätzlich Neues passiert und deshalb schreibe ich es auf: Heute ist er erstmals 75 Minuten früher eingetroffen. Ansonsten alles wie immer. More than this, nothing.

8. September 2016

Eines der großen Rätsel meines Lebens ist geklärt, weil ich meinen inneren Schweinehund überwunden habe und einen wildfremden Mann auf der Straße einfach gefragt habe, warum ein mysteriöser Sachverhalt so ist, wie er mir erscheint. Und wie so oft ist mit den richtigen Informationen alles viel simpler. Bereits am 29. September 2015, am 28. September 2014 und am 17. Oktober 2012 schrieb ich über den geheimnisvollen Mann, der jeden Abend mit heruntergelassener Seitenscheibe in meine Straße einbiegt und dabei „More than this“ von Roxy Music hört. Wie durch ein Wunder kommt der Wagen stets während des Refrains zum Stehen. Heute war ich auf dem Balkon und hörte die Stimme von Bryan Ferry bereits, bevor er seinen Opel in meine Straße gelenkt hatte. Schnell habe ich mir den Haustürschlüssel in die Hosentasche gesteckt und bin auf die Straße gelaufen, um endlich herauszufinden, wie der Autofahrer aussieht, der zu diesem Lied gehört.

Er ist älter, als ich das von einem Roxy Music-Fan vermutet hätte, aber das ist natürlich dieses Gertrude Stein-Phänomen. „We are always the same age inside“ und in meiner Gedankenwelt ist der Anfang der 1980er Jahre etwa vorgestern. Der Mann ist Ende 50 und sieht aus wie der tschechische Schauspieler Vladimír Menšík, der unter anderem den Knecht in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielte – etwas behäbig, mit einem dichten Oberlippenbart.

Allerdings ist er Hamburger und wirkte zunächst unwirsch, als ich ihn einfach so ansprach. In Hamburg macht man so etwas nicht. Bei der Erwähnung des Liedes, dessen Text er natürlich auswendig kann, taute er dann auf. 1982, dem Jahr der Veröffentlichung des Albums „Avalon“, war er Mitte zwanzig und „More than this“ hat ihm damals viel bedeutet.

Der alte Opel Combo, in dem er zu seiner Arbeit fährt, ist sein erstes Auto mit CD-Player und er hat sich eine CD mit seinen wenigen Lieblingsliedern gebrannt. Wenn er bei seinem Arbeitgeber startet, beginnt er diese CD jeweils wieder mit dem ersten Titel und da auf der zwölf Kilometer langen Strecke so gut wie nie Staus vorkommen, erreicht er seine Wohnung während der 2 Minuten und 45 Sekunden seines Lieblingsliedes. Weil es ihm immer noch gut gefällt, bleibt er dann manchmal bis zum letzten Ton im Auto sitzen. Möglicherweise denkt er dann an die Freundin, die er damals bei diesem Lied geküsst hat, aber das hier ist Hamburg, wir sind diskret und deshalb habe ich das Thema ausgelassen.