Unknown

 

Es gibt dieses soziale Netzwerk, das Twitter heißt. Das war ein schöner Ort, bis die Prominenten und US-Präsidenten kamen. Inzwischen ist es eine Selbsterregungshölle, ein Meinungs-Eldorado, eine Schmunzeltweet-Halde. Was auch immer. Ich mag es immer noch, weil es so einfach ist, etwas hineinzuschreiben. Und sei es beim Bügeln.

Weil ich nur Hemden trage und entsprechend viel bügle, schrieb ich 2013: „Brettspiel für eine Person? Bügeln.“ Während ich meine Hemden bügelte.

Vor vier Tagen rief mich ein Kunde an, für den ich seit Jahren HR-Kommunikation schreibe. Seine Agentur hätte einen Termin bei einem deutschlandweiten Anbieter sehr preiswerter Ware – ich solle mir doch mal auf Facebook deren „pfiffige“ Werbung ansehen. Der aktuelle Preishit sei ein Dampfbügeleisen, das mit dem Slogan: „Brettspiel für eine Person? Bügeln.“ beworben würde. Das müsste mir doch gefallen.

Ich musste grinsen und gab den Text in die Google-Bildersuche ein. Einer der prominentesten Treffer war der Hamburger Postkartenverlag „Rannenberg und Friends“, die sich mit diesem Satz sehr unansehnliche Postkarten hatten drucken lassen. Also schrieb ich an Verena Rannenberg:

„Ich habe diesen Satz vor sechs Jahren getwittert und er ist seitdem sehr oft plagiiert worden. Auch Sie haben ihn vermutlich nicht bei mir, sondern auf irgendeiner Sprücheseite aufgesammelt. Das ändert nichts daran, dass er nicht von Ihnen stammt und ich mit Texten mein Geld verdiene. Ich würde Ihnen deshalb gerne eine Rechnung über 400 Euro zzgl. MwSt. zusenden.“

Natürlich weiß ich, dass das deutsche Urheberrecht den Begriff der Schöpfungshöhe kennt. Schöpfungshöhe bedeutet: Wenn Dir nicht ein böser Mensch gleich einen kompletten Roman abschreibt, darf er mit Deinen Ideen machen, was er möchte. Das Urheberrecht schützt nur das, was Pixel für Pixel gleich ist – also Fotos. Selbst komplett übernommene Vektorzeichnungen sind Freiwild. Für diese traurige Erkenntnis hatte ich schon viel Geld beim Anwalt gelassen.

Aber Verena Rannenberg antwortete: Nicht mit ihrem eigenen Namen, sondern unter zesia@web.de: „Herr Schmukalla ist der „Klauer“ ihres Textspruches: Brettspiel für eine Person: Bügelbrett“. Oliver Schmukalla ist der Betreiber von Licensegateway.com und tatsächlich schien er ihr den Text, den ich während des Bügelns in das Twitter-Textfeld eingegeben hatte, verkauft zu haben. Wer auch immer dieser Typ war, interessierte mich nicht. Sie hatte schließlich diesen unansehnlichen Dreck in China drucken lassen. Sie sollte sich dazu äußern.

Wenig später tat sie das auch: „Diese Karte ist eine Autorenkarte, und Sie müssten dann bitte dem Künstler nachweisen dass er den Text und die Idee bei Ihnen geklaut hat. Das ist mit Zitaten und einfachen Sätzen recht schwierig. Wie können Sie rechtlich einwandfrei nachweisen dass Sie urheberrechtliche Ansprüche an diesem Text geltend machen können. Das Thema mit dem Twittern kennen wir auch schon, auch da müssen Sie nachweisen dass dieser Text vorher noch nie öffentlich gemacht wurde, dass auch Sie den nicht an anderer Stelle gelesen oder aufgeschnappt haben.“ (Diesen Text habe ich so aus ihrer Mail kopiert. Kommata bitte hinzudenken.)

Okay. Ich hatte Ihr schon den Originaltext von vor sechs Jahren geschickt, der einen unveränderlichen Zeitstempel hatte. Was denn noch?

„Das genügt mir nicht. Wie können Sie nachweisen dass der Text Ihre Urheber geschützte Marke ist? Den hätten Sie sich schützen lassen müssen, und ob Ihnen das gelungen wäre ist auch sehr zweifelhaft. (Auch diesen Text habe ich so aus ihrer Mail kopiert. Kommata bitte hinzudenken.)

„Und wie schon gesagt. Wenden Sie sich an den Künstler.“

Klar. Ich renne mit jedem Tweet zum Patentamt und zahle für seine Eintragung. Das ist der normale Weg. Und warum soll ich mich an den „Künstler“ wenden? Einen „Künstler“, der alles aufliest, was er im Web findet und an Ars-Edition, bb Klostermann, Bertels Textilhandels GmbH, Frech Verlag, Goebel, Editor Gifts &Cards, Hallmark, Herding, Accentra, KCG, Nico, Noris, Pattloch, Perleberg, Ravensburger, Rössler-Papier, Schmidt, teNeues, Werkhaus und eben Rannenberg vertickt? Der Typ interessiert mich nicht. Sie ist doch die, die sich von dem Mist die Frühstücksbrettchen druckt.

Ich schreibe ihr also: „Indem Sie mich herabwürdigen, beleidigen Sie doch Ihr eigenes Geschäftsmodell“. Und: „Ihr Einverständnis vorausgesetzt, behalte ich mir vor, in einem Medienbeitrag aus unserer Korrespondenz zu zitieren.“

Sehr zeitnah kommt die Antwort: „Nein, Sie haben mein Einverständnis nicht. Gerne können Sie , da Sie ja Hamburger sind, zu uns kommen um das diffizile Thema Urheberschutz für nicht nachweisbare Zitate und Sätze persönlich zu diskutieren. Ich würde mir dafür Zeit nehmen.“

Inzwischen habe ich nach Verena Rannenberg gegoogelt. Das Abendblatt schreibt 2010, dass sie auf 3.000 Quadratmetern 4.5 Millionen Umsatz mit ihrem in China gefertigten Krempel umgesetzt hat. Mit damals 40 Mitarbeitern und natürlich sehr ethisch: „Jedes Glied in der Kette soll angemessen entlohnt werden, die Arbeiter, der Zwischenhandel wie wir und der Einzelhandel“. Verstehe. Inzwischen ist es mir vor allem nur noch peinlich, dass sie überhaupt mit einem „Spruch“ von mir Geld verdient. Eine klassische Form von Schuldumkehr. Ich sollte mal mit meinem Psychotherapeuten sprechen.

Ich ekle mich vor dieser Frau, aber selbst das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels gibt ihr die Gelegenheit, sich mit ihrem zauberhaften „Non-Book-Sortiment“ als Rettung des stationären Buchhandels zu gerieren: (Börsenblatt). Dabei sind ihr Autoren scheißegal, solange die Kohle stimmt. Nebenbei: Es lohnt sich, ihre Kununu-Bewertungen zu lesen. Wirklich glücklich ist in diesem Unternehmen noch niemand geworden. Die Bewertungen ihres Unternehmens ähneln verdächtig denen von Kim Jon Un, könnte einer seiner Angestellten nach seiner beruflichen Tätigkeit noch eine Bewertung schreiben. Was für eine zauberhafte Person.