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Drei Meter neben meinem Schreibtisch steht ein nur selten benutzter Tisch, der über einen kleinen Auszug verfügt. Ein Fremder, der diese Schublade öffnete, würde auf ein Konvolut wunderlicher Gegenstände blicken – ein Sammelsurium mehr oder weniger wertlosen Plunders. Dennoch birgt jedes einzelne Teil in diesem bunten Haufen für mich eine Geschichte. Den kleinen hellblauen Opel Rekord mit den roten Skiern auf dem Dach muss ich nur anfassen, um wieder das Kind zu sein, dessen Vater sich nach einem feuchtfröhlichen Betriebsausflug auf die Bettkante setzt und einen Pappkarton mit dem Spielzeugauto neben dem Kopfkissen parkt. Nicht der Gegenstand, sondern dass er an mich gedacht hat, war die Botschaft und das warme Gefühl kann ich mit dem Erinnerungsstück bis heute wachrufen.

Dann ist da ein zuletzt im Karneval 1973 getragener Sheriffstern, auf dem „Wyatt Earp“ steht, ein winziges blaues Plastik-Roulettespiel von irgendeiner Kirmes und ein seltsam geformter Schlüssel mit der Aufschrift „Sesam“, zu dem es nie ein Schloss gab, aber wer braucht bei diesem mystischen Namen noch eine Funktion? Zwischen all diesen Schätzen gibt es natürlich auch Schrauben, Sprungfedern und undefinierbare Kunststoffstöpsel, die einfach nur Ballast sind.

Die Schublade ist für mich die analoge Version des Ordners „Verschiedenes“, „Diverses“ oder „Mischmasch“, der verschämt auf fast jedem Rechner angelegt wird. Als Zentrallager für alles, was wichtig ist, sich aber nicht eindeutig zuordnen lässt. Oder als Zwischenlager für das, was den Desktop zumüllen würde; natürlich mit der vor sich hergeschobenen Absicht, an freien Tagen die Dateien endlich zu sichten und schließlich – als Zeichen der endgültigen Kapitulation – in verzweigte Unterordner zu sortieren, die ein imaginäres System im Chaos simulieren.

Den Ordner gab es auch auf meinem Rechner. Fünfzehn Jahre lang. Als ich beschließe, die digitalen Fundstücke und Gedankenfetzen in eine benutzbare Ordnung zu bringen, habe ich Glück: Fast die Hälfte lässt sich nicht mehr öffnen, weil die passenden Programme für diese Dateitypen längst nicht mehr existieren. Ein befreiendes Gefühl, gerade so, als fänden sich beim Aufräumen des Küchenschranks fünf Kilogramm abgelaufene Haferflocken, die sich auf einen Hieb entsorgen lassen.

Während des Sortierens von losen Dateien, bei denen ich mitunter kaum noch ahne, warum ich sie je speicherte, ändert sich meine Vorstellung des Sammelns. Der Begriff changierte für mich bislang zwischen den Messies, die sich einen Weg durch die Altpapierberge in ihrer Wohnung bahnen müssen und zwanghaft ordentlichen Kaffeerahmdeckel-Einklebern. Gesellschaftlich akzeptiert am ehesten als Kunstsammler, denen Schöngeist und Expertise unterstellt wird, obwohl sie vielleicht nur ein zweites Standbein zum Aktienportfolio aufbauen.

Beim Blick auf meinen nun thematisch geordneten „Vermischtes“-Ordner ergeben sich erkennbare Strukturen und Stränge, an die sich anknüpfen lässt. Was so leicht zugreifbar ist, ist kein Ballast mehr, sondern ein Fundus, aus dem sich schöpfen lässt. Sammeln ist auch das Erkennen von Mustern und Regelmäßigkeiten: In der Vertiefung in eine Materie und der Kontemplation entwickeln sich Fachkenntnisse und Kompetenzen. Deshalb ist es nicht allein das Kuratieren von Sachen, sondern vor allem ein Ordnen der Gedanken. Wenn sich der Sammlungsgegenstand vom bloßen Gegenstandsbesitz löst und die Abstraktion einsetzt, kann Sammeln sogar etwas Neues befördern.

Der Industriedesigner Franco Clivio trägt seit Jahrzehnten Alltagsgegenstände, technische Geräte und Werkzeuge zusammen, deren Gemeinsamkeit nicht ihr Gestaltungswille, sondern ihr kluger Umgang mit dem Material ist: Etwa ein unscheinbarer Schraubzwingensatz zum Beispiel, bei dem die jeweils nächstkleinere Schraubzwinge aus der Öffnung ihres größeren Pendants herausgestanzt ist. Die aus einem einzigen Stück Federmetall geschmiedete Rosenschere oder ein Kinderflugzeug, dessen Flügel gefundene Vogelfedern sind.

Fast jeder hatte schon einmal ein von Franco Clivio entworfenes Produkt in der Hand und in den Details der Gegenstände findet sich die Weiterentwicklung der gesammelten Objekte wieder. So wie ein manischer Sammler von Patentkorkenziehern aus aller Welt unbewusst in die Technikgeschichte der Hebelwirkung eintaucht: Die Beschäftigung mit Doppelflügel-, Federzungen- und Scherenhebel-Varianten könnte zu der Initialzündung führen, die die Önologie für immer auf den Kopf stellt.

Zugleich wirft die Kumulation von gleichen Gegenständen Fragen auf, die sich im Kopf fortspinnen: Auf einem Trödelmarkt im wohlhabenden Hamburger Rotherbaum verkauft eine alte Dame den Nachlass einer noch älteren Freundin. In einem Karton liegen Dutzende verschiedene leere Kaviar-Dosen aus einem vergangenen Jahrzehnt, nur beste Ware, kaum eine Packung unter 125 Gramm.

Die Dosen als Frischware zu kaufen, würde ein Vermögen kosten, aber das ist nicht der Grund, sich über diese Sammlung zu freuen – es ist die Geschichte dahinter. Schon die Verpackungsgrößen deuten an, dass hier keine einsame Person ihr Schildpattlöffelchen in den Kavier stach. Es müssen rauschende Soireen unter Lüstern gewesen sein. Wer waren die Gäste, was der Anlass? Gab es unter den Stuckdecken einer Pöseldorfer Villa einst einen Treff sowjetischer Agenten, die für Informationen mit Beluga-Kaviar zahlten?

Die Wirklichkeit war sicher profaner und die Dosen-Sammlerin führte nur ein grundsolides Fischgeschäft. Was ich gerade für einen mondänen Fund halte, lag schlicht als Dekoration auf matten Kunsteis-Brocken in ihrem Schaufenster. Sammlungen sind mehrdeutig und auch das macht ihren Reiz aus.

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Oder – kaum hundert Meter weiter auf demselben Trödelmarkt – der freundliche Privatgelehrte, der auf seinem Tapeziertisch zwischen alten Kunstbänden regelmäßig wunderliche Kuriositäten verkauft. In diesem Jahr ist sein Highlight eine große Sammlung von nahezu heruntergeschriebenen Bleistiftstummeln in einer Zigarrenkiste. Keiner davon ist abgebrochen, nur sind alle bis zum Ende benutzt und so kurz, wie man Bleistifte nur noch selten sieht. Auf Nachfrage behauptet er, diesen Schatz gefunden zu haben. Sein Mundwinkel zuckt allerdings dabei verdächtig und plötzlich sieht man vor seinem inneren Auge, wie er in seinem Studierzimmer eine markierenswerte Stelle in einem Buch findet, die er mit einer dieser Stiftruinen im silbernen Bleistiftverlängerer einkringelt.

Die wertlosen Bleistifte aufzuheben und zu sammeln, war für ihn möglicherweise weniger eine sparsame Marotte, als ein Festhalten der Lebenszeit, die still und konzentriert arbeitend verbracht wurde. Kurze Kilometersteine des eigenen Schreibens, orange lackiert und ganz nebenbei von beeindruckender Markentreue. Aber auch das ist nur meine Überinterpretation, die der Anblick dieses Konvoluts gleicher Gegenstände bei mir auslöst.

Der Reiz des Sammelns ist immer die Bewegung verwandter Dinge auf die Person des Zusammentragenden zu. Für den Sammler ist das eine Eigensensibilisierung: Wer ein rotlackiertes Auto besitzt, sieht ständig rotlackierte Autos und wer kein passionierter Briefmarken-Sammler ist, hält die blaue Mauritius für eine Rabattmarke. In der Ballung entfalten die Gegenstände dann den Zauber, der das Einzelstück überragt: Es entstehen Ordnungen, Gruppen und Systeme.

Seit Jahren entleere ich nach jedem Strandspaziergang meine Hosentaschen in ein großes Bonbonglas: Meine Fundstücke sind nicht Steine, sondern rundgewaschene Glasscherben. Kleine, von Sand und Dünung perfekt geschliffene Flaschenfragmente in Weiß, Grün und Braun.

Nach vier Kilo Fundglas beschließe ich, genug Material für eine Auswertung der Trinkgewohnheiten von Matrosen zu besitzen. Der Kassensturz zeigt: Die kleine Gruppe von Pils-Bieren in Grünglas dominiert auf hoher See, während die an Land wesentlich weiter verbreiteten braunen Flaschen nur eine unbedeutende Rolle spielen. Das Klarglas von Mineralwasser ist so selten, dass man sich fast Sorgen um die Dehydrierung der Beschäftigten im Bereich der Handelsmarine macht.

Natürlich wäre ein hübsches Mosaik aus den vielen Tausend Glasscherben möglich gewesen, aber das hätte die Sammlung wieder der Systematisierung entzogen und diese Aufhäufung unnützen Wissens, die mit jedem tiefen Bücken am Strand entstand, wäre entweiht gewesen. So ist Sammeln neben allem anderen auch eine Selbstvergewisserung, sich in geordneten Bahnen zu bewegen ohne verrückt zu werden.

Auf der materiellen Ebene ist das Sammeln eine Art stabiles Exoskelett, das Halt gibt – als Resultat der aus vielen Einzelbausteinen gewonnenen Erkenntnissen ein mehr oder weniger logisch verknüpftes Netz aus Wissen. „Ich liebe den Besitz nicht der besessenen Sache, sondern meiner Bildung wegen.“, sagte Johann Wolfgang von Goethe, dessen Haus am Weimarer Frauenplan seinen großzügigen Grundriss schon zur fachgerechten Unterbringung von 7.000 Büchern und 18.000 Mineralien benötigte.

Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit und das gute Gefühl, die Welt für eine Millisekunde anzuhalten, gehören zu den Triebfedern des Zusammentragens. Begreift man die Dinge, die sich thematisch oder inhaltlich fügen und in irgendeiner Form archiviert werden, als Geburtshilfe einer längst gärenden Idee oder als lose Enden eines noch zu webenden Gedankens – befreit sich das Sammeln vom musealen Staub. Der Vollständigkeitsanspruch ist bei den meisten Sammelgebieten ohnehin selten einzulösen und der Wert einer auf Pferdemotive spezialisierten Briefmarkensammlung weltweit nur geschätzt fünf Menschen vermittelbar.

Lebendige Sammlungen entstehen zufällig – so planlos wie die Flecken, die die Kaffeetasse ständig neben meiner Tastatur hinterlässt. Damit der weiße Schreibtisch nicht schmutzig wird, lege ich jeden Morgen einen Notizblock unter die Tasse. Das oberste Blatt reiße ich stets am Abend ab und irgendwann gewöhnte ich mir ohne darüber nachzudenken an, die entstandenen Koffein-Aquarelle auf Papier in einer Box aufzubewahren. Nach einem Jahr häuften sich zu Achten verschlungene O’s und florale S-Formen, aber auch erstaunlich viele andere Zeichen mit Buchstabenähnlichkeit. Bis zum kompletten Alphabet war es nur noch ein winziger Schritt.