„Wo sind denn die Kinder hin? Hier waren doch Kinder?“, fragte meine Mutter im Esszimmer und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, weil in diesem Raum seit Jahren keine Kinder waren. Alzheimer fängt langsam an. Manchmal auch ein wenig schneller. Oder von einem Moment auf den anderen. Aber das wusste ich an diesem Abend noch nicht. Nicht in dieser Sekunde, in der die Knie weich wurden und der Kopf rotierte, allein das Wort „Alzheimer“ war bis jetzt nicht einmal dabei.

Es war das Ende eines langen Tages, so versuchte ich mir am zweiten Februar 2016, ihre Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit zu erklären. Früh am Morgen hatte sie versucht, mich am Handy wortreich davon abzuhalten, sie überhaupt zu besuchen. Mein Vater habe Fieber, ich solle mich nur nicht anstecken. Allerdings war ich da längst auf der Autobahn und einige Stunden später saß ich mit zwei verängstigten Senioren in einem Kleinstadt-Krankenhaus, wartete stundenlang auf eine Diagnose und ein freies Bett für einen Patienten, der schweigend vor sich hin fror.

Gegen halb neun am Abend wurden wir vom Krankenhauspersonal heimgeschickt. Mit der Empfehlung an meinen Vater, wegen seiner diagnostizierten Lungenentzündung einige Tage Bettruhe zu wahren und dem Rezept für ein Antibiotikum. Ob es der Stress dieses Nachmittags war, der bei meiner Mutter den Schalter umlegte und sie Kinder vermissen ließ, die nie da waren? Erst Monate später fielen mir frühere Alarmsignale auf, die ich bis dahin als wunderliche Schrullen abgetan hatte. Erinnerungslücken waren normal in dem Alter. Oder etwa nicht? Gelegentliche depressive Verstimmungen, auch nichts Ungewöhnliches.

Ich wartete, bis die Lungenentzündung abklang. Die imaginären Besucher meiner Mutter blieben nicht nur, sie wurden zahlreicher. Mal waren es Kinder, die verschwunden waren, dann ihre eigenen, vor fast vierzig Jahren verstorbenen Eltern, und mein Vater wurde zur völlig unbekannten Person. Minutenweise nicht ständig, das machte alles nur noch verworrener. Mein Blick auf meine Mutter war wie der Blick auf eine Zaubertafel, die sich vor meinen Augen mit seltsamen Zeichen beschrieb, dann wieder löschte und alles war wie zuvor.

In einer guten Phase fuhr ich heim. Mein Vater war an diesem Morgen mein Vater, ich war der Sohn meiner Eltern und meine Mutter schien beim Abschied wieder sie selbst zu sein. Zu Hause googelte ich nach Ihren Symptomen, sie hatte viel verlegt in letzter Zeit, wiederholte oft gebetsmühlenartig bekannte Sachverhalte. Weit oben in der Trefferliste das Wort „Alzheimer“.

Es folgte ein halbes Jahr emotionaler Achterbahnfahrt. Die Zuhause-Telefonnummer auf dem Display, die ich seit 1972 auswendig kannte, wurde zum Trauma. „Hier ist ein Mann, den ich nicht kenne, hol mich hier raus“, so begannen die meisten Telefonate. „Das ist kein fremder Mann, das ist dein Mann“, – dieses Mantra zog nicht. Vor dem Unbekannten im Ehebett wurde alles versteckt. Haustürschlüssel, Kellerschlüssel, Autoschlüssel. Viel später fielen die Schlüssel aus den Buchrücken des Konversationslexikons, klingelten in Vasen oder lagen unter Teppichen. Ihre Fluchten aus dem Haus wurden häufiger. In voller Bekleidung aus der Haustür, manchmal im Nachthemd aus dem Schlafzimmerfenster oder im Jogginganzug über den Gartenzaun. Beim fünften Aufgreifen durch die Polizei führte eine der Fluchten direkt in den geschlossenen Bereich einer psychiatrischen Anstalt.

Meine Mutter war hinter der Schleuse der Psychiatrie immer noch meine Mutter und sie erkannte meinen Vater als ihren Mann und mich als ihren Sohn. Sie war nicht nur original meine Mutter, sie war wie in ihren besten Zeiten und leitete längst die gesamte Station. Sie versprach der Frau, die sich so dringend dicke kubanische Zigarren wünschte, sie mit den gewünschten Rauchwaren zu versorgen und sie war voller Verständnis für die alte Dame im Dress der deutschen Nationalmannschaft, der das Leben übel mitgespielt hatte.

In ihrem Entlassungsbrief stand „…unbekanntes Fremdwort, Hirninfarkt, unbekanntes Fremdwort, evtl. Alzheimer“ und die dringende Empfehlung, eine Neurologin oder einen Neurologin aufzusuchen. So einfach war das nicht, denn außerhalb der Mauern der Psychiatrie waren sofort die verschwundenen Kinder, ihre Eltern und dieser unbekannte Mann in ihrem Haus wieder ein Thema. Irgendwann gelang dennoch mit viel Diplomatie der Besuch bei einer Neurologin. Im Wartezimmer eine Patientin, die zusammen mit ihrer Mutter den Anamnesebogen ausfüllte. „Können Sie sich schlecht entscheiden? Das ist eine richtig doofe Frage. Ich würde sagen: Mal so, mal so. Sag Mama, bin ich entscheidungsschwach?“ Die Mutter war auch nicht ganz sicher.

Meiner Mutter wurde ein leichter Gemütsaufheller verschrieben, der als Pflaster auf dem Oberkörper geklebt wurde. Die Kinder verschwanden zeitweise, mein Vater war in guten Phasen ihr Mann, manchmal nicht und mich mochte sie, aber zugleich begann sie in dieser Zeit, mich zu siezen. Nach einem durch und durch wirren Tag setzte sie sich nachts auf mein Bett und sagte: „Was immer auch passiert, wir sind immer für Sie da.“ Das wusste ich während meines ganzen Lebens und das machte auch jetzt alles erträglicher.

Es folgte eine psychische Abwärtsspirale und sehr viele Anrufe bei Hilfsorganisationen, immer in der Hoffnung, diesen einen Tipp zu bekommen, der etwas erklärt, aufhellt, besser macht. Heute, vier Jahre später, weiß ich, wie schwierig für Beratungsstellen diese Telefonate sein müssen. Das Krankheitsbild „Alzheimer“ hat mehr verborgene Federn als ein komplizierter Schließzylinder und es gibt keinen ultimativen Dietrich, der dieses Dilemma mit einem Dreh öffnen könnte.

Die fremd-vertraute Mutter, die ihre Tage inzwischen nur noch im Morgenmantel verbrachte, ließ sich nicht von einer wildfremden Person einer Hilfsorganisation berühren oder gar waschen. Es galt zu experimentieren, den Pflegedienst zu wechseln und dabei auch Misserfolge in Kauf nehmen. Würde man sich selbst von einem wildfremden Menschen, der plötzlich ins Haus kommt, berühren lassen? Vermutlich nicht und das Schamgefühl ist ein Affekt, der die Logik überdauert. Das Scheitern war zäh, aber mein Vater zum Glück ein Stoiker und zugleich ein Optimist, der Fehlversuche nicht als Katastrophe verbuchte.

Der kleine Aktenordner, in dem die Besuche des Teams der Diakonie protokolliert waren, zeigte: Der liebevollen Resolutheit der Pflegekräfte war es gelungen, meine Mutter zu überzeugen. Einigermaßen jedenfalls. An manchen Tagen klappte es, an anderen nicht und der eigene Teil am Wohlergehen mit der erkrankten Mutter und dem über jede Leistungsgrenze geforderten Vater war nur noch die Aufrechterhaltung eines veränderten Alltags. Die Rolle im Hintergrund, in der Dinge diskret geregelt wurden. So undankbar ist die nicht, denn irgendwann schrieb mir mein Vater: „Du warst immer mein Sohn, heute bist Du mein bester Freund“ und das war vermutlich das schönste Kompliment, das ich je bekam.

Dreieinhalb Jahre lang habe ich in der Sorge um meine Mutter und die Unterstützung meines Vaters in die Aufrechterhaltung eines fragilen Status Quo investiert und vermutlich war es tatsächlich das einzig Richtige, was ich geben konnte: Die stabile häusliche Umgebung mit möglichst wenigen Ablenkungen hat meiner Mutter Halt gegeben, für meinen Vater war es die ideale Umgebung, um sich von seiner Frau zu verabschieden, die zu großen Teilen in einer Fantasiesprache kommunizierte. Für mich selbst war es die Simulation meines Elternhauses, in dem zwar inzwischen alles auf dem Kopf stand, aber immerhin noch an der gewohnten Stelle.

Leider gibt es und dabei kann einem bei der Diagnose „Alzheimer“ niemand – kein Arzt und auch keine Hilfsorganisation – helfen, keinen optimalen, richtigen oder falschen Zeitpunkt für die Notwendigkeit, eine geeignete Pflegeeinrichtung für die eigenen Eltern zu suchen. Der Moment kommt und unseligerweise ist es häufig der Augenblick, in dem alle Beteiligten von selbst die Überforderung spüren. Oder von außen dezent darauf hingewiesen werden. „Dekompensierung“, einen Zusammenbruch von ausgleichenden Funktionen, so nannte der diakonische Dienst den Zustand, in dem mein Vater den täglichen Mehrkampf von Kochen, Waschen und Pflege meiner Mutter nicht mehr bewältigte. 

Längst wusste ich, dass die Wartelisten in Pflegeeinrichtungen zwar lang, aber nicht unüberwindbar waren, weil naturgemäß niemand nur auf einer einzigen Liste angemeldet ist, möglicherweise auch schon ein Domizil gefunden hat oder verstorben ist. Urplötzlich gab es sogar einen Platz und er schien ideal. Fußläufig für meinen Vater zu erreichen; eine freundliche Heimleiterin, moderne Räume. Aber, wie sich schon nach Tagen zeigte, spezialisiert auf heitere, unkomplizierte Senior*innen ohne plötzliche Angstattacken und unvermittelte Reaktionen.

Das neue Altenheim, für dessen Auswahl nur wenige Stunden blieben – eine Rückkehr nach Hause war keine Option – war ein Glücksfall. Spezialisiert auf die vielen Facetten von Demenz und Alzheimer hat meine Mutter hier ein liebevolles Umfeld gefunden und mein Vater nimmt an ihrem Bett jeden Tag Abschied von der Frau, an die er sich erinnert. Hand in Hand erzählt er ihr von früher, ohne auf ein Lächeln oder eine Reaktion hoffen zu können. Sie dabei zu beobachten, mich auf eine seltsame Art in der Elternrolle für die zu fühlen, die das viel besser konnten als ich, das ist eine Art Selbsttherapie. Natürlich gab es in viereinhalb Jahren oft das Gefühl, auf Sand zu laufen, aber wenn die Situation zum Weiterlaufen zwingt, sinkt man auch nicht ein.