Hühner anfassen

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Lange Zeit habe ich ungern Vögel angefasst, beziehungsweise habe mir eingeredet, dass das so sei. Tatsächlich hatte ich nur selten die Gelegenheit, einen Vogel anzufassen, was unter anderem daran liegt, dass sie scheu sind und ich nicht fliegen kann. Die Berührung tiefgefrorener Masttiere in Plastikfolie vermittelt aufgrund der Temperatur ohnehin ein völlig falsches Bild von der Geflügel-Haptik.

Dann habe ich vor ein paar Jahren einem Huhn aus einer misslichen Situation in einem Stacheldrahtzaun geholfen und war überrascht, wie angenehm weich und warm sich so ein Huhn anfühlt. Es ist fast so schön wie ein Hund, nur die Bewegungen sind etwas ruckartiger. Ein kleines Meerschweinchen hingegen wirkt auf viele Menschen spontan anziehend, allein weil es so ein flauschiges Fell hat. Hätte es Federn, wäre es sicher nur halb so beliebt und zugleich als Haustier für Kinder ungeeignet, weil es möglicherweise bei fehlerhaft geschlossenem Stall um die Zimmerlampe kreisen würde.

Zugleich vermittelt das Berühren einzelner Federn ein ganz falsches Bild vom tatsächlichen Gefühl des Anfassens eines Vogels bzw. eines gefiederten Meerschweinchens. Das Federkleid hat schließlich als Ganzes eine einheitliche Richtung und seine Bestandteile sind sauber übereinander gelegt. Eine solitäre Feder ist wie ein Haar in der Suppe – interessant anzusehen, aber man möchte es nicht im Mund haben.

In der WELT schrieb der Zoologe Josef H. Reichholf vor einem Jahr einen abschätzigen Text über die geplante Novelle des Naturschutzgesetzes, die unter anderem das Aufheben von Federn im Wald verbieten wollte. Für ihn eine Albernheit, die Kindern das Naturerleben erschwere. Der Mann ist nicht unumstritten und als Klimaskeptiker ohnehin davon überzeugt, dass die Natur wandlungsfähiger ist als der Mensch.

Ob man die Federn im Wald aufhebt oder nicht, halte ich für völlig uninteressant. Die Leute sollten stattdessen viel mehr lebendige Hühner anfassen. Oder halt auch mal einen Papagei. Das Gesamtpaket aus Federn und Körper ist einfach überraschend gut und möglicherweise entscheidet man sich dann auch für den Verzehr nicht mehr für ein Huhn, das schon nach 30 Tagen in eine Plastikfolie geschweißt wird. Macht man ja bei Meerschweinchen auch nicht.

Brie-Logistik

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Als kritischer Verbrauchter reicht es heute längst nicht mehr, allein auf das Biosiegel zu achten. „Bio“ sind nämlich oft nur einzelne Zutaten oder bestenfalls auch die Zubereitung eines Produkts. Wer bewusst einkauft, muss zwingend die gesamte Lieferkette im Auge behalten.

Über 36 Millionen Kilogramm Camembert wurden 2015 in Deutschland produziert. Gar nicht eingerechnet der „echte“ Camembert, der aus der Normandie importiert wird. Der ökologische Fußabdruck eines importierten Brie-Käses aus dem Département Seine-et-Marne ist aufgrund der geringeren Entfernung zu allen deutschen Städten geringer, aber Brie hat noch einen weiteren und wichtigeren Vorteil.

Camembert wird in der Regel in ovalen oder runden Verpackungen mit einem Durchmesser von rund 11 Zentimetern ausgeliefert, Brie in fast dreieckigen Kreisabschnitten von 20 Zentimetern Länge. Während sich ein Brie-LKW durch ein zickzackartiges Packmuster praktisch ohne Raumverlust laden lässt, fahren bei einem Camembert-Transport durch die abgerundeten Ecken neben dem eigentlichen Camembert gut fünf Prozent Luft über unsere Autobahnen. Allein auf die in Deutschland produzierte Camembert-Menge bezogen, sind das 72 LKW mehr. Ein starkes Argument für Brie.

 

Die Weinprobe

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Der junge österreichische Sommelier steht kurz vor der Prüfung an einer weltweit renommierten Wein-Akademie, die ihn zu einem für die Gastronomie unbezahlbaren Fachmann machen wird. Möglicherweise ist das hier eine der letzten Gelegenheiten, ihn in einem derart intimen Kreis von nur acht Personen zu erleben. Der Mann wird bald Stadien füllen. Es ist später Abend und der Kellerraum ist trotzdem verdunkelt, um nicht die Balance der lichtscheuen Weine in ungute Schwingungen zu versetzen. Fünf Weine stehen zur Verkostung an, aber bevor die erste Flasche entkorkt wird, erfahren wir buchstäblich alles über das unselige Kork-Monopol des portugiesischen Unternehmens Amorim.

Beste Qualitäten der Korkeiche würden nur nach Frankreich und Italien geliefert, während kleinere Weinnationen wie Island nur die zusammengefegten und gepressten Reste in Birkenstock-Qualität bekämen. Auch nach Österreich, im Mengenvergleich kein großer Player, würden daher nur mediokre Korken geliefert. Deshalb der Schraubverschluss auf vielen Flaschen. Nach einer Stunde ein erster Schluck Chardonnay in Reserve-Qualität, 60 Euro die Flasche. Der Sommelier schenkt großzügiger aus als bei Weinproben üblich und wir trinken hastig aus. Der Wein schmeckt nach Aprikose und Quitten. Das tut Fruchtsaft auch, aber das hier knallt besser. Über den Wein verliert der Fachmann nicht viele Worte, denn nun geht es eine Stunde lang um Fässer. Barrique ist sein Thema und er ist nun Küfer, Holzexperte und Betriebswirt.

Die 225 Liter Eichenfässer, in denen Weine mit Barrique-Aromen ausgebaut werden, kosteten nämlich 3.000 Euro. Weil sie für beste Qualitäten nur einmal benutzt werden könnten, gingen fast 10 Euro pro Flasche für das Fass drauf. Zusammen mit einem 1,40 Euro teuren Naturkork müsste selbst eine Flasche Barrique-Cola im Handel für über 20 Euro verkauft werden. Endlich wieder Wein. Ein sehr guter Maximum Veltliner mit intensiver Farbe und Backäpfelaroma, bla-bla, rein damit. Der Streber aus der Gruppe begeht den Fehler, die Aromatisierung von Wein mit Barrique-Chips anzusprechen.

Jetzt läuft der Abend völlig aus dem Ruder. Der Sommelier hasst die Barrique-Frevler, die sogar geschreddertes Klick-Parkett in ihre Tanks kippen würden, um den Geschmack ihrer Weine zu manipulieren. Er hasst Stahltanks, hasst Massenproduktion und überhaupt hasst er sich in Rage. Ein auf Barrique ausgebauter Wein, den er ganz und gar nicht mag, kommt aus seinem Heimatland und steht als Cuvée Reserve in jedem Supermarkt. Es ist der „Big John“, ein Mix aus Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Zweigelt. Irritierenderweise betont er trotz seines glühenden Hasses immer wieder: „Den Big John mag jeder“.

Die Österreicher in der Gruppe kennen den Wein und loben ihn murmelnd. Der Sommelier merkt, dass die Stimmung gegen ihn kippt und lenkt etwas ein: „Mit dem Big John kann man einfach nichts falsch machen. Trotzdem mag ich ihn nicht.“ Es folgen noch drei weitere Weine, aber alle müssen sich nun am Big John messen. Auch die Weißweine. Der Sommelier verkauft an diesem Abend keine einzige Flasche. Was kein Wunder ist, denn alle fünf verkosteten Weine kosten jeweils mindestens so viel wie vier Flaschen Big John. Und den mag einfach jeder.

 

Urinaltrends

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Auf der „Urinaltrends 2018“ dominierten wie schon in den Vorjahren die spielerischen Momente rund um den Vorgang des Wasserlassens. Die gigantischen H20-Vorhänge unter der Brooklyn Bridge des Künstlers Ólafur Elíasson (realisiert im Jahr 2008) werden zur Zeit von zahlreichen Sanitär-Herstellern in poetische Kleinformate übersetzt, die eine erfrischende Luftzirkulation, aber auch zugleich atmosphärische Schall- und Lichteffekte in den Toilettentrakt öffentlicher Gebäude tragen.

Der inzwischen hinlänglich bekannte Trick, das vornehmlich männliche Publikum von Pissoirs durch einzelne, im Mittelpunkt der Keramik montierte Porzellanfliegen zu einem konzentrierteren Zielen zu bewegen, erlebt eine Renaissance durch das Angebot kleiner dressierter Fliegenschwärme, die – so drückte es einer der Hersteller aus – „den Gang zum WC incentivieren“.

Die Umblättererin

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Irene hatte schon für die ganz Großen geblättert. Trotzdem flog sie stets unerkannt in der ersten Klasse zu Konzerten rund um den Globus und ihre Kunden – Pianistinnen und Pianisten der Spitzenklasse – lobten sie für die seltene Gabe, ihr Klavierspiel mit der lautlosen Unsichtbarkeit ihres Blätterns auf ein noch höheres Niveau zu heben.

Ihre besondere Fähigkeit war es, die Notensätze nicht nur zu lesen, sondern eine innere Symbiose aus Pianist und Komponist herzustellen, die dem jeweiligen Stück zwei Takte voraus war. Noch nie war es vorgekommen, dass sie auf ein Kopfnicken hätte reagieren müssen und Daniel Barenboim hatte angeblich über sie gesagt, sie sei „eine Atomuhr mit der Seele eines Künstlers“.

Worüber Irene niemals sprach, war die Akribie, mit der sie sich für ihre bescheidene Rolle geschult hatte. Nach einem Klavierstudium am Konservatorium suchte sie sämtliche Papiermühlen Europas auf, von denen die renommierten Notenverlage ihre Bedruckstoffe bezogen. Sie studierte im schwäbischen Lenningen bei der Papierfabrik Scheufelen die Rascheleigenschaften von matten Sorten und unterzog nördlich von Göteborg die Laufrichtungen und Fasereigenschaften der ungestrichenen Papiere von Munken intensiven Tests.

Mit einer Schneiderin erarbeitete sie das optimale Konzertkleid für Umblättererinnen – ein knöchellanges Samtgewand mit locker geschnittener Armkugel, das sie im Bühnenlicht mit dem dunklen Hintergrund verschmelzen ließ. Selbst das leicht getönte matte Make-up-Puder war kein Zufall: Bei rechtshändigen Pianisten saß sie links neben dem Flügel und meist fiel sie dem Publikum nicht weiter auf. Das sollte sich beim Lugano Festival im Sommer 2009 schlagartig ändern.

Martha Argerich, die große Rachmaninow-Interpretin, bat sie nach einem donnernden Schlussapplaus überraschend nach vorn und Irene wurde als erste Umblättererin vom Publikum frenetisch gefeiert. Nachdem Irene ähnliche Beifallsstürme nach Konzerten von Arcadi Volodos und Boris Wadimowitsch Beresowski erlebte, traten erste Konzertveranstalter an sie heran und boten ihr Soloabende an: Sehr leise Pianoabende ohne Klavier, bei der die ungehörte Musik nicht im Mittelohr, sondern allein in der Vorstellungskraft des Publikums explodierte.

Lediglich Irenes geschmeidiges Wenden der Notenblätter zeigte dem Publikum den Fortschritt innerhalb der Partitur an; ihr Blättern beschleunigte zu langsame Teilnehmer ihrer imaginären Konzerte und bremste zu forsche Hörer auf das richtige Tempo ein. Ein ganz neues Konzertformat war geboren, obwohl Irene an ihrer bisherigen Arbeit nur Details änderte. Sie blieb trotz ihrer großen Erfolge bescheiden, trug aber nun ein geblümtes Abendkleid, mit dem man sie auf der Bühne besser sehen konnte.

 

 

 

 

 

 

BILD KLAVIER SCHAROUN

 

 

 

 

 

 

 

 

Pessimismus

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Auf dem Warenautomaten die „6“ und die „5“ drücken. Auf dem Display die Aufforderung lesen, nun einen Euro in den Münzschlitz zu werfen. Zusehen, wie die Salzstangenpackung durch die verchromten Spiralstäbe bis vor den Abgrund geschraubt wird, dort das Übergewicht bekommt und fast einen Meter entlang der Glasscheibe in die Tiefe taumelt. Hören, dass der Inhalt des Kunststoffbeutels hart auf dem Grund des Warenautomaten aufschlägt. Sich vorstellen, dass unmöglich mehr als zwei Salzstangen diesen Sturz unbeschadet überlebt haben können. Die Ausgabeklappe öffnen und eine Tüte zerborstenen Laugenstaub mit Salzkristallen entnehmen. Wider Erwarten doch etwa fünf unzerbrochene Salzstangen vorfinden. Sich ermahnen, nicht immer alles so schwarz zu sehen.

Das Autotransporter-Mysterium

autotransporter

Eine Stunde im Stau neben einem Autotransporter mit acht äußerlich identischen Kleinwagen herrollend, drängen sich unwillkürlich Fragen über den Berufsalltag eines Autotransporter-Fahrers auf. Bei den acht nagelneuen Kleinwagen kann unmöglich der Autoschlüssel stecken. So ein Fahrer muss schließlich auch mal unterwegs seine Notdurft verrichten oder er möchte sich an einer Tankstelle eine BiFi kaufen. Wie leicht wäre es dann für acht Diebe, sich zwei Fahrer zu besorgen, die den Transporter bis zu einer einsamen Toilette verfolgen, dort die Tür zuparken und erst wieder freigeben, wenn die Komplizen über alle Berge sind?

Klar also: Die acht Schlüssel werden nicht in den Zündschlössern stecken. Aber wie bewahrt sie der Autotransporterfahrer auf, um seine Fracht vor dem Autohaus zu entladen, das die Wagen bestellt hat? Einfach lässig als Knäuel in die Jackentasche gesteckt? Wohl kaum.

Die Chance allerdings, die acht Schlüssel zufällig genau in der einzigen Reihenfolge aus der Jacke zu ziehen, in der die Autos entladen werden können, liegt bei 1:40.320. Das ergibt eine einfache Permutation. Probiert der Autotransporterfahrer hingegen die acht Schlüssel am ersten Wagen aus, die verbleibenden sieben am nächsten Auto, sechs am dritten Fahrzeug und so weiter – er müsste die Schlüssel immer noch im schlimmsten Fall 35 mal ausprobieren. Das ist zwar schon deutlich praktikabler, klingt aber auch nicht optimal.

Hat er vielleicht auf dem Beifahrersitz acht Briefumschläge, die er mit einem Kugelschreiber beschriftet hat? „Anhänger, oben, hinten“, „Anhänger, oben, vorne“, „Anhänger, unten, hinten“, „Anhänger, unten, vorne“, ich kürze das mal ab, weil ich das Prinzip für hinreichend erklärt halte.

Oder ist im Führerhaus des LKW ein Holzbrettchen mit einer stilisierten Silhouette des Sattelzugs und kleinen Haken der jeweiligen Ladepositionen, an denen die Schlüssel der Kleinwagen hängen? Das klingt schon besser.

Persönlich würde ich eine Variante vorziehen, bei der die Fahrzeugschlüssel und die dazu passenden Autos kleine temporäre Aufkleber bekommen. Am Zielort könnte man dann das Fliegenpilz-Auto mit dem Fliegenpilz-Schlüssel öffnen und den Igel-Wagen mit dem Igel-Schlüssel. Irgendetwas sagt mir, dass das nicht zum Image von Fernfahrern passen könnte, aber ich kann mich ja auch täuschen.

Bei nächster Gelegenheit werde ich mich mit einem Autotransporterfahrer über dieses Problem unterhalten. Ich kann es kaum erwarten.

 

 

 

Hygiene-Beutel

hygienebeutel

Der deutsche Gegenwartsroman ist geprägt durch Autoren, die in großbürgerlichen oder akademischen Nachkriegselternhäusern aufwuchsen. Wenn die Elterngeneration überhaupt noch ein Thema ist, dann nicht mehr deren Erinnerungen oder Schuld, sondern höchstens ihr Verfall. Häufiger noch wird der persönliche Mikroverfall beschrieben oder die erschreckende Geschwindigkeit des eigenen Lebens, festgemacht an historischen Fixpunkten wie der Frisur von Kim Wilde.

Was schmerzhaft fehlt, ist das gepflegte Sozialdrama, der Blick auf den hart arbeitenden Teil der Gesellschaft. Als ich vor einigen Wochen in Berlin beim Friseur war, lernte ich einen Haarhandwerker kennen, der in Schöneberg aufgewachsen war und sich zur Wendezeit in eine neue Klassenkameradin aus dem Ostteil der Stadt verliebte. Ihre Eltern zog es aus Friedrichshain in den Westen und Francesco war mit damals 12 Jahren der Meinung, dass DDR-Mädchen wilder und freier waren. Endgültig um ihn geschehen war es, als sie in sein Poesiealbum schrieb: „Wennste erst mal keene feste Zahnspange mehr hast, dann küss ick dir“.

Für einen Roman ist das zu wenig, aber der Tonfall wäre schon mal ganz okay. Für den Plot stelle ich mir etwas Tragisches vor. Zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter, die ihre drei Kinder durch eine Aushilfsstelle in der Toilette eines Kaufhauses durchbringt. Jeden Morgen schmiert sie ihren Kindern liebevoll belegte Pausenbrote, die sie aus Kostengründen in gestohlenen Damenbinden-Beuteln aus dem Kaufhaus verpackt. Sie denkt pragmatisch und die Papiertüten sind selbstverständlich hygienisch einwandfrei, aber natürlich werden ihre Kinder in der Schule ausgegrenzt und verspottet. Bitte schreiben Sie auf dieser Grundlage einen Roman und posten ihn in die Kommentare. Vielen Dank!

Mario

freiheit

Für fünf leere Flaschen Sprudelwasser und acht leere Mezzo-Mix-Flaschen hatten sie eine Akte für Mario angelegt. Das war jetzt vier Jahre her und aus dem ersten Protokoll war inzwischen ein ganzer Ordner geworden, der über Marios weiteres Leben entscheiden würde. Aber das war ihm inzwischen egal, wie ihm überhaupt alles ziemlich egal war.

Eine Akte der Staatssicherheit über ihn hatte es nie gegeben. Er war einfach zu unwichtig. Als die DDR vorbei war, war er zwar erst 25, aber er hatte in dem System längst seinen Platz gefunden und keine Ambitionen, diesen Platz zu verlassen. Sie hielten ihn für beschränkt, aber ungefährlich. Mario selbst fand sich nur zufrieden. Und egal gewesen war es ihm auch, aber damals noch auf eine andere Art.

Auf einer LPG hatte er gearbeitet. Weil er kräftig war und keinen Führerschein hatte, machte er dort all das, was man tat, wenn man nicht Traktor fahren konnte. Im Herbst lief er hinter dem Rübenroder her und warf die nicht von den Metallzinken erfassten Rüben auf den Ladewagen, im Sommer stapelte er die Heuballen in der Scheune und im Winter aß er Möhrensuppe mit den anderen.

Das war kein schlechtes Leben, aber mit der Wende war es vorbei. Die jungen Leute aus dem Westen, die nach zweieinhalb Jahren den Betrieb übernahmen, stellten auf Weizen um und der moderne Mähdrescher brauchte niemanden, der mit einem Grashalm im Mund hinter ihm herlief.

Kurz bevor er seine Stelle verlor, lernte er seine erste Freundin kennen. Er mochte es, sie im Arm zu haben und ihr gefiel das auch. Sie wollten zusammen ein billiges Haus kaufen, es gab da in der Nähe eins und es schien für einen ganz kurzen Moment sogar möglich. Aber dann gab es plötzlich einen anderen, der einen Führerschein hatte und er war wieder allein.

Dass sie ausgerechnet diese kurze schöne Zeit in seine Akte aufgenommen hatten und der Meinung waren, er sei „unfähig, dauerhafte soziale Bindungen aufzubauen und zu halten“, das nahm er ihnen wirklich übel.

So traurig wie er damals war, hatte er sich eine Stelle im Westen gesucht. Eine Fabrik in einer kleinen Stadt suchte einen, der fast fertige Eisenstücke noch einmal in eine Maschine legte. Damit sie passend waren. Er war stark genug, um die schweren Gitterkörbe zu tragen und er war fleißig. Die Kollegen im Westen lachten über seinen Dialekt, aber sie mochten es nicht, dass er immer schneller als der vorgegebene Akkord war. Eines Tages gaben sie ihm einen Korb mit falschen Werkstücken. Das Eisen ruinierte seine Maschine, nichts war mehr passend. Seine Stanze nicht mehr, die Werkstücke nicht und der Vorarbeiter fand, dass Mario jetzt auch nicht mehr passte. Auch das stand nun auf dem gelblichen Papier in seiner Akte: „Es stellte sich heraus, dass der Mario S. selbst mit leichten Maschinentätigkeiten intellektuell überfordert ist.“

Einige Seiten vorher notierten sie, was Mario ihnen über seinen Vater erzählte. Dass er ihn geschlagen hat, dass er seine Mutter geschlagen hat und dass Mario ihn auf dem Dachboden fand, als er 14 Jahre alt war. Aufgeknüpft an einem Balken in der Mitte des Raums. Er hat ihn damals von der Decke geschnitten und ins Wohnzimmer getragen. Das erschien ihm richtig, trotz allem, was vorher war. Auf einem Blatt Papier las es sich, als hätte er einen Fehler gemacht und tote Väter müssten an Ort und Stelle hängenbleiben, bis die zuständige Stelle sie abschneidet. Sie hatten festgehalten, dass das einzige, was er zum Tod seines Vaters zu sagen hatte: „Das war nicht schön“ war. Er war nicht so der Mann der großen Worte und er fand das auch in dieser Kürze passend.

In dem Jahr, in dem das passierte, war Mario gerade in der achten Klasse. Der letzten Schulklasse, die er besuchte und nach dem Selbstmord war er sowieso erwachsen geworden und fing in der LPG an, wo er auch blieb, bis die Treuhand den Betrieb abwickelte. Dass er bei seinem ersten Verhör „Treuhandgewerkschaft“ sagte, hatten sie mit einem Buntstift unterstrichen. Das fanden sie wichtig, an so etwas konnten sie sich festbeißen.

Sie hatten ihn betrunken auf einem Fahrrad erwischt. Mit 1,53 Promille. Er trank gerne Alkohol, aber zum Trinker reichte es nicht, weil er nie genug Geld hatte, um sich täglich zu betrinken. Einmal hatte ihn einer aus einem Fenster beobachtet, wie er Pfandflaschen auf dem Hof des Supermarkts in eine Reisetasche umpackte. Ein anderes Mal hatte Mario Altpapier aus einem Container mit dem Fahrrad zum Wertstoffhof gefahren. Dafür hatten sie ihn zu 15 Tagessätzen zu 10 Euro verurteilt und weil er das Geld nicht hatte, musste er für einige Tage ins Gefängnis. Aber das war ihm egal und so schlecht war das Essen dort auch nicht.

Danach führten sie genau Buch über Mario. Er treffe sich ab und an mit der Tochter einer ehemaligen Bekannten seiner Mutter und habe „mit ihr Verkehr“. Seine Sozialprognose sei düster, weil er einem Verkehrspolizisten nach einer weiteren schwankenden Fahrt mit dem Rad sagte, er habe „eine Flasche Kräuter“ getrunken. Selbst die Zigaretten, die er rauchte, benutzen sie für eine F-Nummer, die seine Labilität beweisen sollte.

Jetzt lag die Akte beim Amt. Sie würden etwas für ihn entscheiden, aber Mario war das egal. Irgendwo im Mittelteil hatten sie festgehalten, er sei „ein jovialer und freundlicher Mann“. Das stimmte. Er war ein freundlicher Mann und er hätte nur einmal in seinem Leben jemanden gerne geschlagen, aber dann hängte der sich auf und da war auch schon alles vorbei.