Auf Sand laufen lernen

„Wo sind denn die Kinder hin? Hier waren doch Kinder?“, fragte meine Mutter im Esszimmer und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, weil in diesem Raum seit Jahren keine Kinder waren. Alzheimer fängt langsam an. Manchmal auch ein wenig schneller. Oder von einem Moment auf den anderen. Aber das wusste ich an diesem Abend noch nicht. Nicht in dieser Sekunde, in der die Knie weich wurden und der Kopf rotierte, allein das Wort „Alzheimer“ war bis jetzt nicht einmal dabei.

Es war das Ende eines langen Tages, so versuchte ich mir am zweiten Februar 2016, ihre Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit zu erklären. Früh am Morgen hatte sie versucht, mich am Handy wortreich davon abzuhalten, sie überhaupt zu besuchen. Mein Vater habe Fieber, ich solle mich nur nicht anstecken. Allerdings war ich da längst auf der Autobahn und einige Stunden später saß ich mit zwei verängstigten Senioren in einem Kleinstadt-Krankenhaus, wartete stundenlang auf eine Diagnose und ein freies Bett für einen Patienten, der schweigend vor sich hin fror.

Gegen halb neun am Abend wurden wir vom Krankenhauspersonal heimgeschickt. Mit der Empfehlung an meinen Vater, wegen seiner diagnostizierten Lungenentzündung einige Tage Bettruhe zu wahren und dem Rezept für ein Antibiotikum. Ob es der Stress dieses Nachmittags war, der bei meiner Mutter den Schalter umlegte und sie Kinder vermissen ließ, die nie da waren? Erst Monate später fielen mir frühere Alarmsignale auf, die ich bis dahin als wunderliche Schrullen abgetan hatte. Erinnerungslücken waren normal in dem Alter. Oder etwa nicht? Gelegentliche depressive Verstimmungen, auch nichts Ungewöhnliches.

Ich wartete, bis die Lungenentzündung abklang. Die imaginären Besucher meiner Mutter blieben nicht nur, sie wurden zahlreicher. Mal waren es Kinder, die verschwunden waren, dann ihre eigenen, vor fast vierzig Jahren verstorbenen Eltern, und mein Vater wurde zur völlig unbekannten Person. Minutenweise nicht ständig, das machte alles nur noch verworrener. Mein Blick auf meine Mutter war wie der Blick auf eine Zaubertafel, die sich vor meinen Augen mit seltsamen Zeichen beschrieb, dann wieder löschte und alles war wie zuvor.

In einer guten Phase fuhr ich heim. Mein Vater war an diesem Morgen mein Vater, ich war der Sohn meiner Eltern und meine Mutter schien beim Abschied wieder sie selbst zu sein. Zu Hause googelte ich nach Ihren Symptomen, sie hatte viel verlegt in letzter Zeit, wiederholte oft gebetsmühlenartig bekannte Sachverhalte. Weit oben in der Trefferliste das Wort „Alzheimer“.

Es folgte ein halbes Jahr emotionaler Achterbahnfahrt. Die Zuhause-Telefonnummer auf dem Display, die ich seit 1972 auswendig kannte, wurde zum Trauma. „Hier ist ein Mann, den ich nicht kenne, hol mich hier raus“, so begannen die meisten Telefonate. „Das ist kein fremder Mann, das ist dein Mann“, – dieses Mantra zog nicht. Vor dem Unbekannten im Ehebett wurde alles versteckt. Haustürschlüssel, Kellerschlüssel, Autoschlüssel. Viel später fielen die Schlüssel aus den Buchrücken des Konversationslexikons, klingelten in Vasen oder lagen unter Teppichen. Ihre Fluchten aus dem Haus wurden häufiger. In voller Bekleidung aus der Haustür, manchmal im Nachthemd aus dem Schlafzimmerfenster oder im Jogginganzug über den Gartenzaun. Beim fünften Aufgreifen durch die Polizei führte eine der Fluchten direkt in den geschlossenen Bereich einer psychiatrischen Anstalt.

Meine Mutter war hinter der Schleuse der Psychiatrie immer noch meine Mutter und sie erkannte meinen Vater als ihren Mann und mich als ihren Sohn. Sie war nicht nur original meine Mutter, sie war wie in ihren besten Zeiten und leitete längst die gesamte Station. Sie versprach der Frau, die sich so dringend dicke kubanische Zigarren wünschte, sie mit den gewünschten Rauchwaren zu versorgen und sie war voller Verständnis für die alte Dame im Dress der deutschen Nationalmannschaft, der das Leben übel mitgespielt hatte.

In ihrem Entlassungsbrief stand „…unbekanntes Fremdwort, Hirninfarkt, unbekanntes Fremdwort, evtl. Alzheimer“ und die dringende Empfehlung, eine Neurologin oder einen Neurologin aufzusuchen. So einfach war das nicht, denn außerhalb der Mauern der Psychiatrie waren sofort die verschwundenen Kinder, ihre Eltern und dieser unbekannte Mann in ihrem Haus wieder ein Thema. Irgendwann gelang dennoch mit viel Diplomatie der Besuch bei einer Neurologin. Im Wartezimmer eine Patientin, die zusammen mit ihrer Mutter den Anamnesebogen ausfüllte. „Können Sie sich schlecht entscheiden? Das ist eine richtig doofe Frage. Ich würde sagen: Mal so, mal so. Sag Mama, bin ich entscheidungsschwach?“ Die Mutter war auch nicht ganz sicher.

Meiner Mutter wurde ein leichter Gemütsaufheller verschrieben, der als Pflaster auf dem Oberkörper geklebt wurde. Die Kinder verschwanden zeitweise, mein Vater war in guten Phasen ihr Mann, manchmal nicht und mich mochte sie, aber zugleich begann sie in dieser Zeit, mich zu siezen. Nach einem durch und durch wirren Tag setzte sie sich nachts auf mein Bett und sagte: „Was immer auch passiert, wir sind immer für Sie da.“ Das wusste ich während meines ganzen Lebens und das machte auch jetzt alles erträglicher.

Es folgte eine psychische Abwärtsspirale und sehr viele Anrufe bei Hilfsorganisationen, immer in der Hoffnung, diesen einen Tipp zu bekommen, der etwas erklärt, aufhellt, besser macht. Heute, vier Jahre später, weiß ich, wie schwierig für Beratungsstellen diese Telefonate sein müssen. Das Krankheitsbild „Alzheimer“ hat mehr verborgene Federn als ein komplizierter Schließzylinder und es gibt keinen ultimativen Dietrich, der dieses Dilemma mit einem Dreh öffnen könnte.

Die fremd-vertraute Mutter, die ihre Tage inzwischen nur noch im Morgenmantel verbrachte, ließ sich nicht von einer wildfremden Person einer Hilfsorganisation berühren oder gar waschen. Es galt zu experimentieren, den Pflegedienst zu wechseln und dabei auch Misserfolge in Kauf nehmen. Würde man sich selbst von einem wildfremden Menschen, der plötzlich ins Haus kommt, berühren lassen? Vermutlich nicht und das Schamgefühl ist ein Affekt, der die Logik überdauert. Das Scheitern war zäh, aber mein Vater zum Glück ein Stoiker und zugleich ein Optimist, der Fehlversuche nicht als Katastrophe verbuchte.

Der kleine Aktenordner, in dem die Besuche des Teams der Diakonie protokolliert waren, zeigte: Der liebevollen Resolutheit der Pflegekräfte war es gelungen, meine Mutter zu überzeugen. Einigermaßen jedenfalls. An manchen Tagen klappte es, an anderen nicht und der eigene Teil am Wohlergehen mit der erkrankten Mutter und dem über jede Leistungsgrenze geforderten Vater war nur noch die Aufrechterhaltung eines veränderten Alltags. Die Rolle im Hintergrund, in der Dinge diskret geregelt wurden. So undankbar ist die nicht, denn irgendwann schrieb mir mein Vater: „Du warst immer mein Sohn, heute bist Du mein bester Freund“ und das war vermutlich das schönste Kompliment, das ich je bekam.

Dreieinhalb Jahre lang habe ich in der Sorge um meine Mutter und die Unterstützung meines Vaters in die Aufrechterhaltung eines fragilen Status Quo investiert und vermutlich war es tatsächlich das einzig Richtige, was ich geben konnte: Die stabile häusliche Umgebung mit möglichst wenigen Ablenkungen hat meiner Mutter Halt gegeben, für meinen Vater war es die ideale Umgebung, um sich von seiner Frau zu verabschieden, die zu großen Teilen in einer Fantasiesprache kommunizierte. Für mich selbst war es die Simulation meines Elternhauses, in dem zwar inzwischen alles auf dem Kopf stand, aber immerhin noch an der gewohnten Stelle.

Leider gibt es und dabei kann einem bei der Diagnose „Alzheimer“ niemand – kein Arzt und auch keine Hilfsorganisation – helfen, keinen optimalen, richtigen oder falschen Zeitpunkt für die Notwendigkeit, eine geeignete Pflegeeinrichtung für die eigenen Eltern zu suchen. Der Moment kommt und unseligerweise ist es häufig der Augenblick, in dem alle Beteiligten von selbst die Überforderung spüren. Oder von außen dezent darauf hingewiesen werden. „Dekompensierung“, einen Zusammenbruch von ausgleichenden Funktionen, so nannte der diakonische Dienst den Zustand, in dem mein Vater den täglichen Mehrkampf von Kochen, Waschen und Pflege meiner Mutter nicht mehr bewältigte. 

Längst wusste ich, dass die Wartelisten in Pflegeeinrichtungen zwar lang, aber nicht unüberwindbar waren, weil naturgemäß niemand nur auf einer einzigen Liste angemeldet ist, möglicherweise auch schon ein Domizil gefunden hat oder verstorben ist. Urplötzlich gab es sogar einen Platz und er schien ideal. Fußläufig für meinen Vater zu erreichen; eine freundliche Heimleiterin, moderne Räume. Aber, wie sich schon nach Tagen zeigte, spezialisiert auf heitere, unkomplizierte Senior*innen ohne plötzliche Angstattacken und unvermittelte Reaktionen.

Das neue Altenheim, für dessen Auswahl nur wenige Stunden blieben – eine Rückkehr nach Hause war keine Option – war ein Glücksfall. Spezialisiert auf die vielen Facetten von Demenz und Alzheimer hat meine Mutter hier ein liebevolles Umfeld gefunden und mein Vater nimmt an ihrem Bett jeden Tag Abschied von der Frau, an die er sich erinnert. Hand in Hand erzählt er ihr von früher, ohne auf ein Lächeln oder eine Reaktion hoffen zu können. Sie dabei zu beobachten, mich auf eine seltsame Art in der Elternrolle für die zu fühlen, die das viel besser konnten als ich, das ist eine Art Selbsttherapie. Natürlich gab es in viereinhalb Jahren oft das Gefühl, auf Sand zu laufen, aber wenn die Situation zum Weiterlaufen zwingt, sinkt man auch nicht ein.

Traumdeutung

Lieber Sigmund Freud,

ich hatte diese Nacht folgenden Traum, könnten Sie sich bitte der Sache annehmen? Die Geschichte war lang und verworren, aber ich fasse sie gerne für Sie zusammen: Das Internationale Olympische Kommittee hatte mich eingeladen, ein Corporate Design für die XXV. Olympischen Winterspiele 2026 in Äquatorialguinea präsentieren.

Die ersten Winterspiele auf dem afrikanischen Kontinent, ein ungewöhnlicher Ort natürlich, aber der Ölreichtum des Landes hatte die Sportfunktionäre letztlich überzeugt. Außerdem gab es in Malabo sogar einen Geldautomaten. In der Endrunde der Präsentation war neben mir nur noch ein Bewerber – verrückterweise war der andere Kandidat ein Designer, der bisher nur durch hässlich gestaltete Wochenangebote einer Metzgerei aus Osnabrück aufgefallen war.

Meine eigene Präsentation war sensationell vorbereitet. Die kulturelle Identität des Äquatorstaates war in die Piktogramme der Sportarten eingeflossen, im übergeordneten Signet fanden sich Elemente aller Volksgruppen, sogar traditionelle Bildzeichen des Bantuvolks der Bubi und auch die heikle Menschenrechtslage wurden sensibel angesprochen. Mit einem Wort: Es war perfekt.

Mein Konkurrent aus Osnabrück und ich saßen am langen Konferenztisch des IOC-Palastes in Lausanne und schwiegen uns an, als der rumänische Hauptjuror den Raum betrat. Der 79-jährige Vlad Dumitrescu kam allein und ohne Dolmetscher. Er sagte „Buna dimineata“ und es folgte ein langer Schwall auf Rumänisch, den ich nicht verstand.

Der Metzgerei-Designer aus Osnabrück nickte während des Monologes immer wieder, lächelte Dumitrescu zwischendurch verschwörerisch an und an einer Stelle lachte er sogar schallend. Schließlich sagte Vlad Dumitrescu zu meinem Kontrahenten: „You start. Poftim!“ Der Gegenspieler aus Osnabrück hatte alle Drucksachen in der Größe klassischer Metzgerei-Wochenangebote angelegt. Sein Maskottchen für die Winterspiele war – wenig überraschend – ein ungelenk gezeichnetes Schwein, das mal auf einem Rodel saß, mal auf Skiern stand. Interessanter war allerdings, dass er sehr viel sprach und zwar nicht auf Rumänisch. Er sagte ausschließlich sinnfreie Sätze, die mir aus meinem Schreibmaschinenunterricht bekannt vorkamen: „Zur Zeit ist die Garage leer. Dort wird Zellulose gelagert. Das Quellwasser wurde klarer. Der Fahrer lud die Pappe auf.“

Vlad Dumitrescu war begeistert und stellte sogar eine Zwischenfrage auf Rumänisch, die mit „So war der Preis des Papiers, Oswald fuhr wieder erfolglos“ beantwortet wurde. Der Juror nickte wissend und strich mit den Händen versonnen über ein Schwein, das Pirouetten auf einer Eisfläche drehte. Schließlich sagte er zu mir: „You not show. He win. Pa.“ Untergehakt verließen der Rumäne und der Designer den Raum. Die Winterspiele in Äquatorialguinea würden furchtbar werden. Als ich den IOC-Palast verließ, standen Vlad und mein Konkurrent mit dicken Zigarren vor einem Standaschenbecher neben der Glasschiebetür. Der Osnabrücker flüsterte mir zum Abschied ins Ohr: „Kleiner Tipp von meiner Seite: Du nimmst immer alles viel zu ernst.“

Sammlungsbewegungen

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Drei Meter neben meinem Schreibtisch steht ein nur selten benutzter Tisch, der über einen kleinen Auszug verfügt. Ein Fremder, der diese Schublade öffnete, würde auf ein Konvolut wunderlicher Gegenstände blicken – ein Sammelsurium mehr oder weniger wertlosen Plunders. Dennoch birgt jedes einzelne Teil in diesem bunten Haufen für mich eine Geschichte. Den kleinen hellblauen Opel Rekord mit den roten Skiern auf dem Dach muss ich nur anfassen, um wieder das Kind zu sein, dessen Vater sich nach einem feuchtfröhlichen Betriebsausflug auf die Bettkante setzt und einen Pappkarton mit dem Spielzeugauto neben dem Kopfkissen parkt. Nicht der Gegenstand, sondern dass er an mich gedacht hat, war die Botschaft und das warme Gefühl kann ich mit dem Erinnerungsstück bis heute wachrufen.

Dann ist da ein zuletzt im Karneval 1973 getragener Sheriffstern, auf dem „Wyatt Earp“ steht, ein winziges blaues Plastik-Roulettespiel von irgendeiner Kirmes und ein seltsam geformter Schlüssel mit der Aufschrift „Sesam“, zu dem es nie ein Schloss gab, aber wer braucht bei diesem mystischen Namen noch eine Funktion? Zwischen all diesen Schätzen gibt es natürlich auch Schrauben, Sprungfedern und undefinierbare Kunststoffstöpsel, die einfach nur Ballast sind.

Die Schublade ist für mich die analoge Version des Ordners „Verschiedenes“, „Diverses“ oder „Mischmasch“, der verschämt auf fast jedem Rechner angelegt wird. Als Zentrallager für alles, was wichtig ist, sich aber nicht eindeutig zuordnen lässt. Oder als Zwischenlager für das, was den Desktop zumüllen würde; natürlich mit der vor sich hergeschobenen Absicht, an freien Tagen die Dateien endlich zu sichten und schließlich – als Zeichen der endgültigen Kapitulation – in verzweigte Unterordner zu sortieren, die ein imaginäres System im Chaos simulieren.

Den Ordner gab es auch auf meinem Rechner. Fünfzehn Jahre lang. Als ich beschließe, die digitalen Fundstücke und Gedankenfetzen in eine benutzbare Ordnung zu bringen, habe ich Glück: Fast die Hälfte lässt sich nicht mehr öffnen, weil die passenden Programme für diese Dateitypen längst nicht mehr existieren. Ein befreiendes Gefühl, gerade so, als fänden sich beim Aufräumen des Küchenschranks fünf Kilogramm abgelaufene Haferflocken, die sich auf einen Hieb entsorgen lassen.

Während des Sortierens von losen Dateien, bei denen ich mitunter kaum noch ahne, warum ich sie je speicherte, ändert sich meine Vorstellung des Sammelns. Der Begriff changierte für mich bislang zwischen den Messies, die sich einen Weg durch die Altpapierberge in ihrer Wohnung bahnen müssen und zwanghaft ordentlichen Kaffeerahmdeckel-Einklebern. Gesellschaftlich akzeptiert am ehesten als Kunstsammler, denen Schöngeist und Expertise unterstellt wird, obwohl sie vielleicht nur ein zweites Standbein zum Aktienportfolio aufbauen.

Beim Blick auf meinen nun thematisch geordneten „Vermischtes“-Ordner ergeben sich erkennbare Strukturen und Stränge, an die sich anknüpfen lässt. Was so leicht zugreifbar ist, ist kein Ballast mehr, sondern ein Fundus, aus dem sich schöpfen lässt. Sammeln ist auch das Erkennen von Mustern und Regelmäßigkeiten: In der Vertiefung in eine Materie und der Kontemplation entwickeln sich Fachkenntnisse und Kompetenzen. Deshalb ist es nicht allein das Kuratieren von Sachen, sondern vor allem ein Ordnen der Gedanken. Wenn sich der Sammlungsgegenstand vom bloßen Gegenstandsbesitz löst und die Abstraktion einsetzt, kann Sammeln sogar etwas Neues befördern.

Der Industriedesigner Franco Clivio trägt seit Jahrzehnten Alltagsgegenstände, technische Geräte und Werkzeuge zusammen, deren Gemeinsamkeit nicht ihr Gestaltungswille, sondern ihr kluger Umgang mit dem Material ist: Etwa ein unscheinbarer Schraubzwingensatz zum Beispiel, bei dem die jeweils nächstkleinere Schraubzwinge aus der Öffnung ihres größeren Pendants herausgestanzt ist. Die aus einem einzigen Stück Federmetall geschmiedete Rosenschere oder ein Kinderflugzeug, dessen Flügel gefundene Vogelfedern sind.

Fast jeder hatte schon einmal ein von Franco Clivio entworfenes Produkt in der Hand und in den Details der Gegenstände findet sich die Weiterentwicklung der gesammelten Objekte wieder. So wie ein manischer Sammler von Patentkorkenziehern aus aller Welt unbewusst in die Technikgeschichte der Hebelwirkung eintaucht: Die Beschäftigung mit Doppelflügel-, Federzungen- und Scherenhebel-Varianten könnte zu der Initialzündung führen, die die Önologie für immer auf den Kopf stellt.

Zugleich wirft die Kumulation von gleichen Gegenständen Fragen auf, die sich im Kopf fortspinnen: Auf einem Trödelmarkt im wohlhabenden Hamburger Rotherbaum verkauft eine alte Dame den Nachlass einer noch älteren Freundin. In einem Karton liegen Dutzende verschiedene leere Kaviar-Dosen aus einem vergangenen Jahrzehnt, nur beste Ware, kaum eine Packung unter 125 Gramm.

Die Dosen als Frischware zu kaufen, würde ein Vermögen kosten, aber das ist nicht der Grund, sich über diese Sammlung zu freuen – es ist die Geschichte dahinter. Schon die Verpackungsgrößen deuten an, dass hier keine einsame Person ihr Schildpattlöffelchen in den Kavier stach. Es müssen rauschende Soireen unter Lüstern gewesen sein. Wer waren die Gäste, was der Anlass? Gab es unter den Stuckdecken einer Pöseldorfer Villa einst einen Treff sowjetischer Agenten, die für Informationen mit Beluga-Kaviar zahlten?

Die Wirklichkeit war sicher profaner und die Dosen-Sammlerin führte nur ein grundsolides Fischgeschäft. Was ich gerade für einen mondänen Fund halte, lag schlicht als Dekoration auf matten Kunsteis-Brocken in ihrem Schaufenster. Sammlungen sind mehrdeutig und auch das macht ihren Reiz aus.

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Oder – kaum hundert Meter weiter auf demselben Trödelmarkt – der freundliche Privatgelehrte, der auf seinem Tapeziertisch zwischen alten Kunstbänden regelmäßig wunderliche Kuriositäten verkauft. In diesem Jahr ist sein Highlight eine große Sammlung von nahezu heruntergeschriebenen Bleistiftstummeln in einer Zigarrenkiste. Keiner davon ist abgebrochen, nur sind alle bis zum Ende benutzt und so kurz, wie man Bleistifte nur noch selten sieht. Auf Nachfrage behauptet er, diesen Schatz gefunden zu haben. Sein Mundwinkel zuckt allerdings dabei verdächtig und plötzlich sieht man vor seinem inneren Auge, wie er in seinem Studierzimmer eine markierenswerte Stelle in einem Buch findet, die er mit einer dieser Stiftruinen im silbernen Bleistiftverlängerer einkringelt.

Die wertlosen Bleistifte aufzuheben und zu sammeln, war für ihn möglicherweise weniger eine sparsame Marotte, als ein Festhalten der Lebenszeit, die still und konzentriert arbeitend verbracht wurde. Kurze Kilometersteine des eigenen Schreibens, orange lackiert und ganz nebenbei von beeindruckender Markentreue. Aber auch das ist nur meine Überinterpretation, die der Anblick dieses Konvoluts gleicher Gegenstände bei mir auslöst.

Der Reiz des Sammelns ist immer die Bewegung verwandter Dinge auf die Person des Zusammentragenden zu. Für den Sammler ist das eine Eigensensibilisierung: Wer ein rotlackiertes Auto besitzt, sieht ständig rotlackierte Autos und wer kein passionierter Briefmarken-Sammler ist, hält die blaue Mauritius für eine Rabattmarke. In der Ballung entfalten die Gegenstände dann den Zauber, der das Einzelstück überragt: Es entstehen Ordnungen, Gruppen und Systeme.

Seit Jahren entleere ich nach jedem Strandspaziergang meine Hosentaschen in ein großes Bonbonglas: Meine Fundstücke sind nicht Steine, sondern rundgewaschene Glasscherben. Kleine, von Sand und Dünung perfekt geschliffene Flaschenfragmente in Weiß, Grün und Braun.

Nach vier Kilo Fundglas beschließe ich, genug Material für eine Auswertung der Trinkgewohnheiten von Matrosen zu besitzen. Der Kassensturz zeigt: Die kleine Gruppe von Pils-Bieren in Grünglas dominiert auf hoher See, während die an Land wesentlich weiter verbreiteten braunen Flaschen nur eine unbedeutende Rolle spielen. Das Klarglas von Mineralwasser ist so selten, dass man sich fast Sorgen um die Dehydrierung der Beschäftigten im Bereich der Handelsmarine macht.

Natürlich wäre ein hübsches Mosaik aus den vielen Tausend Glasscherben möglich gewesen, aber das hätte die Sammlung wieder der Systematisierung entzogen und diese Aufhäufung unnützen Wissens, die mit jedem tiefen Bücken am Strand entstand, wäre entweiht gewesen. So ist Sammeln neben allem anderen auch eine Selbstvergewisserung, sich in geordneten Bahnen zu bewegen ohne verrückt zu werden.

Auf der materiellen Ebene ist das Sammeln eine Art stabiles Exoskelett, das Halt gibt – als Resultat der aus vielen Einzelbausteinen gewonnenen Erkenntnissen ein mehr oder weniger logisch verknüpftes Netz aus Wissen. „Ich liebe den Besitz nicht der besessenen Sache, sondern meiner Bildung wegen.“, sagte Johann Wolfgang von Goethe, dessen Haus am Weimarer Frauenplan seinen großzügigen Grundriss schon zur fachgerechten Unterbringung von 7.000 Büchern und 18.000 Mineralien benötigte.

Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit und das gute Gefühl, die Welt für eine Millisekunde anzuhalten, gehören zu den Triebfedern des Zusammentragens. Begreift man die Dinge, die sich thematisch oder inhaltlich fügen und in irgendeiner Form archiviert werden, als Geburtshilfe einer längst gärenden Idee oder als lose Enden eines noch zu webenden Gedankens – befreit sich das Sammeln vom musealen Staub. Der Vollständigkeitsanspruch ist bei den meisten Sammelgebieten ohnehin selten einzulösen und der Wert einer auf Pferdemotive spezialisierten Briefmarkensammlung weltweit nur geschätzt fünf Menschen vermittelbar.

Lebendige Sammlungen entstehen zufällig – so planlos wie die Flecken, die die Kaffeetasse ständig neben meiner Tastatur hinterlässt. Damit der weiße Schreibtisch nicht schmutzig wird, lege ich jeden Morgen einen Notizblock unter die Tasse. Das oberste Blatt reiße ich stets am Abend ab und irgendwann gewöhnte ich mir ohne darüber nachzudenken an, die entstandenen Koffein-Aquarelle auf Papier in einer Box aufzubewahren. Nach einem Jahr häuften sich zu Achten verschlungene O’s und florale S-Formen, aber auch erstaunlich viele andere Zeichen mit Buchstabenähnlichkeit. Bis zum kompletten Alphabet war es nur noch ein winziger Schritt.

 

Rannenberg und Friends

Unknown

 

Es gibt dieses soziale Netzwerk, das Twitter heißt. Das war ein schöner Ort, bis die Prominenten und US-Präsidenten kamen. Inzwischen ist es eine Selbsterregungshölle, ein Meinungs-Eldorado, eine Schmunzeltweet-Halde. Was auch immer. Ich mag es immer noch, weil es so einfach ist, etwas hineinzuschreiben. Und sei es beim Bügeln.

Weil ich nur Hemden trage und entsprechend viel bügle, schrieb ich 2013: „Brettspiel für eine Person? Bügeln.“ Während ich meine Hemden bügelte.

Vor vier Tagen rief mich ein Kunde an, für den ich seit Jahren HR-Kommunikation schreibe. Seine Agentur hätte einen Termin bei einem deutschlandweiten Anbieter sehr preiswerter Ware – ich solle mir doch mal auf Facebook deren „pfiffige“ Werbung ansehen. Der aktuelle Preishit sei ein Dampfbügeleisen, das mit dem Slogan: „Brettspiel für eine Person? Bügeln.“ beworben würde. Das müsste mir doch gefallen.

Ich musste grinsen und gab den Text in die Google-Bildersuche ein. Einer der prominentesten Treffer war der Hamburger Postkartenverlag „Rannenberg und Friends“, die sich mit diesem Satz sehr unansehnliche Postkarten hatten drucken lassen. Also schrieb ich an Verena Rannenberg:

„Ich habe diesen Satz vor sechs Jahren getwittert und er ist seitdem sehr oft plagiiert worden. Auch Sie haben ihn vermutlich nicht bei mir, sondern auf irgendeiner Sprücheseite aufgesammelt. Das ändert nichts daran, dass er nicht von Ihnen stammt und ich mit Texten mein Geld verdiene. Ich würde Ihnen deshalb gerne eine Rechnung über 400 Euro zzgl. MwSt. zusenden.“

Natürlich weiß ich, dass das deutsche Urheberrecht den Begriff der Schöpfungshöhe kennt. Schöpfungshöhe bedeutet: Wenn Dir nicht ein böser Mensch gleich einen kompletten Roman abschreibt, darf er mit Deinen Ideen machen, was er möchte. Das Urheberrecht schützt nur das, was Pixel für Pixel gleich ist – also Fotos. Selbst komplett übernommene Vektorzeichnungen sind Freiwild. Für diese traurige Erkenntnis hatte ich schon viel Geld beim Anwalt gelassen.

Aber Verena Rannenberg antwortete: Nicht mit ihrem eigenen Namen, sondern unter zesia@web.de: „Herr Schmukalla ist der „Klauer“ ihres Textspruches: Brettspiel für eine Person: Bügelbrett“. Oliver Schmukalla ist der Betreiber von Licensegateway.com und tatsächlich schien er ihr den Text, den ich während des Bügelns in das Twitter-Textfeld eingegeben hatte, verkauft zu haben. Wer auch immer dieser Typ war, interessierte mich nicht. Sie hatte schließlich diesen unansehnlichen Dreck in China drucken lassen. Sie sollte sich dazu äußern.

Wenig später tat sie das auch: „Diese Karte ist eine Autorenkarte, und Sie müssten dann bitte dem Künstler nachweisen dass er den Text und die Idee bei Ihnen geklaut hat. Das ist mit Zitaten und einfachen Sätzen recht schwierig. Wie können Sie rechtlich einwandfrei nachweisen dass Sie urheberrechtliche Ansprüche an diesem Text geltend machen können. Das Thema mit dem Twittern kennen wir auch schon, auch da müssen Sie nachweisen dass dieser Text vorher noch nie öffentlich gemacht wurde, dass auch Sie den nicht an anderer Stelle gelesen oder aufgeschnappt haben.“ (Diesen Text habe ich so aus ihrer Mail kopiert. Kommata bitte hinzudenken.)

Okay. Ich hatte Ihr schon den Originaltext von vor sechs Jahren geschickt, der einen unveränderlichen Zeitstempel hatte. Was denn noch?

„Das genügt mir nicht. Wie können Sie nachweisen dass der Text Ihre Urheber geschützte Marke ist? Den hätten Sie sich schützen lassen müssen, und ob Ihnen das gelungen wäre ist auch sehr zweifelhaft. (Auch diesen Text habe ich so aus ihrer Mail kopiert. Kommata bitte hinzudenken.)

„Und wie schon gesagt. Wenden Sie sich an den Künstler.“

Klar. Ich renne mit jedem Tweet zum Patentamt und zahle für seine Eintragung. Das ist der normale Weg. Und warum soll ich mich an den „Künstler“ wenden? Einen „Künstler“, der alles aufliest, was er im Web findet und an Ars-Edition, bb Klostermann, Bertels Textilhandels GmbH, Frech Verlag, Goebel, Editor Gifts &Cards, Hallmark, Herding, Accentra, KCG, Nico, Noris, Pattloch, Perleberg, Ravensburger, Rössler-Papier, Schmidt, teNeues, Werkhaus und eben Rannenberg vertickt? Der Typ interessiert mich nicht. Sie ist doch die, die sich von dem Mist die Frühstücksbrettchen druckt.

Ich schreibe ihr also: „Indem Sie mich herabwürdigen, beleidigen Sie doch Ihr eigenes Geschäftsmodell“. Und: „Ihr Einverständnis vorausgesetzt, behalte ich mir vor, in einem Medienbeitrag aus unserer Korrespondenz zu zitieren.“

Sehr zeitnah kommt die Antwort: „Nein, Sie haben mein Einverständnis nicht. Gerne können Sie , da Sie ja Hamburger sind, zu uns kommen um das diffizile Thema Urheberschutz für nicht nachweisbare Zitate und Sätze persönlich zu diskutieren. Ich würde mir dafür Zeit nehmen.“

Inzwischen habe ich nach Verena Rannenberg gegoogelt. Das Abendblatt schreibt 2010, dass sie auf 3.000 Quadratmetern 4.5 Millionen Umsatz mit ihrem in China gefertigten Krempel umgesetzt hat. Mit damals 40 Mitarbeitern und natürlich sehr ethisch: „Jedes Glied in der Kette soll angemessen entlohnt werden, die Arbeiter, der Zwischenhandel wie wir und der Einzelhandel“. Verstehe. Inzwischen ist es mir vor allem nur noch peinlich, dass sie überhaupt mit einem „Spruch“ von mir Geld verdient. Eine klassische Form von Schuldumkehr. Ich sollte mal mit meinem Psychotherapeuten sprechen.

Ich ekle mich vor dieser Frau, aber selbst das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels gibt ihr die Gelegenheit, sich mit ihrem zauberhaften „Non-Book-Sortiment“ als Rettung des stationären Buchhandels zu gerieren: (Börsenblatt). Dabei sind ihr Autoren scheißegal, solange die Kohle stimmt. Nebenbei: Es lohnt sich, ihre Kununu-Bewertungen zu lesen. Wirklich glücklich ist in diesem Unternehmen noch niemand geworden. Die Bewertungen ihres Unternehmens ähneln verdächtig denen von Kim Jon Un, könnte einer seiner Angestellten nach seiner beruflichen Tätigkeit noch eine Bewertung schreiben. Was für eine zauberhafte Person.

Tagebuch

bryan

17. Oktober 2012

Seit zwei Jahren, jeden Abend kurz nach sechs Uhr parkt ein alter Opel vor dem Haus und aus dem Seitenfenster schluchzt Bryan Ferry sehr laut „More Than This“. Nie ist es ein anderer Titel. Das geht jetzt seit 2010 so. Ich liebe Rituale, aber ich hinterfrage sie auch.

Wie gelingt es dem Fahrer, seine Ankunft so genau zu planen, dass dieser Song seine Einfahrhymne ist? Kommt er nie in einen Stau? Hat er eine Endlosschleife im CD-Player, ist es geheimes Signal an seine Frau, nur mit einer Kittelschürze bekleidet an die Tür zu kommen oder gedenkt er einer Jugendliebe aus dem Jahr 1982? Ich würde ihn gerne ansprechen, habe aber Angst, er könnte mich tief ansehen und einfach nur sagen: „More than this you know there’s nothing!“

28. September 2014

Vor circa anderhalb Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass seit 2010 jeden Tag um kurz nach sechs Uhr ein Mann mit Opel vor meinem Haus parkt, aus dessen geöffneter Seitenscheibe Bryan Ferry „More than this“ singt. Nicht nur immer dieses Lied, sondern tatsächlich auch immer die gleiche Stelle aus dem Refrain. Genau die Sekunden, in denen die Worte „…more than this…“ vorkommen.

Es klingt reichlich verstiegen, denn die Verkehrssituation in Hamburg ist schwierig und er muss das ja auch zeitlich sehr genau abpassen, um wirklich exakt mit dieser Stelle im Lied zum Stehen zu kommen. Tatsächlich ist es ein wahrhaftiges Wunder und keine urbane Legende, ich würde das unter Eid aussagen. Was ich nur sagen wollte: Er macht das nun schon vier Jahre lang und seit ein paar Wochen kommt er etwas früher nach Hause. Und noch immer stimmt das Timing.

29. September 2015

Vor anderthalb Jahren und auch vor drei Jahren schon schrieb ich in mein Tagebuch über den Mann, der jeden Tag um kurz nach sechs Uhr seinen Opel mit leicht heruntergelassener Seitenscheibe und lauter Musik vor meinem Fenster einparkt und zwar immer exakt bei der Liedzeile „More than this, tell me one thing“ des Roxy Music-Stücks „More than this“. In diesen mehr als 1.000 Tagen hat sich das Szenario nie geändert und ich wollte das nicht ständig wiederholen, um nicht zu langweilen. Nun allerdings ist etwas grundsätzlich Neues passiert und deshalb schreibe ich es auf: Heute ist er erstmals 75 Minuten früher eingetroffen. Ansonsten alles wie immer. More than this, nothing.

8. September 2016

Eines der großen Rätsel meines Lebens ist geklärt, weil ich meinen inneren Schweinehund überwunden habe und einen wildfremden Mann auf der Straße einfach gefragt habe, warum ein mysteriöser Sachverhalt so ist, wie er mir erscheint. Und wie so oft ist mit den richtigen Informationen alles viel simpler. Bereits am 29. September 2015, am 28. September 2014 und am 17. Oktober 2012 schrieb ich über den geheimnisvollen Mann, der jeden Abend mit heruntergelassener Seitenscheibe in meine Straße einbiegt und dabei „More than this“ von Roxy Music hört. Wie durch ein Wunder kommt der Wagen stets während des Refrains zum Stehen. Heute war ich auf dem Balkon und hörte die Stimme von Bryan Ferry bereits, bevor er seinen Opel in meine Straße gelenkt hatte. Schnell habe ich mir den Haustürschlüssel in die Hosentasche gesteckt und bin auf die Straße gelaufen, um endlich herauszufinden, wie der Autofahrer aussieht, der zu diesem Lied gehört.

Er ist älter, als ich das von einem Roxy Music-Fan vermutet hätte, aber das ist natürlich dieses Gertrude Stein-Phänomen. „We are always the same age inside“ und in meiner Gedankenwelt ist der Anfang der 1980er Jahre etwa vorgestern. Der Mann ist Ende 50 und sieht aus wie der tschechische Schauspieler Vladimír Menšík, der unter anderem den Knecht in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielte – etwas behäbig, mit einem dichten Oberlippenbart.

Allerdings ist er Hamburger und wirkte zunächst unwirsch, als ich ihn einfach so ansprach. In Hamburg macht man so etwas nicht. Bei der Erwähnung des Liedes, dessen Text er natürlich auswendig kann, taute er dann auf. 1982, dem Jahr der Veröffentlichung des Albums „Avalon“, war er Mitte zwanzig und „More than this“ hat ihm damals viel bedeutet.

Der alte Opel Combo, in dem er zu seiner Arbeit fährt, ist sein erstes Auto mit CD-Player und er hat sich eine CD mit seinen wenigen Lieblingsliedern gebrannt. Wenn er bei seinem Arbeitgeber startet, beginnt er diese CD jeweils wieder mit dem ersten Titel und da auf der zwölf Kilometer langen Strecke so gut wie nie Staus vorkommen, erreicht er seine Wohnung während der 2 Minuten und 45 Sekunden seines Lieblingsliedes. Weil es ihm immer noch gut gefällt, bleibt er dann manchmal bis zum letzten Ton im Auto sitzen. Möglicherweise denkt er dann an die Freundin, die er damals bei diesem Lied geküsst hat, aber das hier ist Hamburg, wir sind diskret und deshalb habe ich das Thema ausgelassen.

 

 

 

 

 

 

Küchenschubladen

kochen

Mit dem Backpinsel „Becky“ beginnt mein Unbehagen im Küchenfachgeschäft. Ein Griff aus mattschwarzem Kunststoff und knallrote Borsten in einer gebürsteten Edelstahlfassung. Plötzlich sehe ich vor dem inneren Auge meinen eigenen überraschenden Tod. In meiner Vorstellung betreten wildfremde Menschen eines karitativen Dienstes meine Küche und durchsuchen mit einer Mischung aus Ekel und professionellem Eifer die Küchenschubladen nach Verwertbarem und Entsorgungspflichtigem.

Mein eigener Backpinsel hat einen Holzstiel und eine zerbeulte Blechmanschette mit krausen, buttergelben Borsten. Kann ich diese Hinterlassenschaft einem Entrümpelungsteam überhaupt zumuten? Entsprechen meine übrigen Messer, Kochlöffel und Pfannenwender noch dem Standard, den eine Küche im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aufweisen sollte? Das ansprechend dargebotene Handwerkszeug des Fachgeschäfts stößt mich noch tiefer in die Depression.

Viele Gegenstände kenne ich sogar noch gar nicht. Wie zum Beispiel konnte ich so lange ohne einen „YolkFish“ leben – einen leuchtend orangen Fisch aus Silikon, auf den man drückt, um ein Vakuum zu erzeugen. Aufgesetzt auf den Dotter eines aufgeschlagenen Eis, verschluckt der Fisch das Eigelb und lässt das Eiweiß in der Schale zurück. Genial.

Ich arbeitete bisher mit zwei Tassen. Am Rand der einen zerschlage ich das Ei so gut es geht in der Mitte. Der größte Teil des Eiweißes rutscht gleich in diese Tasse und die Schalenhälfte mit dem Dotter jongliere ich so lange darüber, bis ich einen sauberen Dotter für die andere Tasse habe. Vermutlich ist das steinzeitlich, aber andererseits muss ich danach auch keinen „YolkFish“ unter 40 Liter fließendem Wasser säubern.

Auch besitze ich keinen „Spice Infuser“ (Größenverstellbar in vier Stufen!) aus Metall, der als Gewürz-Teeei in die Suppe geworfen wird und nach der Kochzeit an einem Silikongurt (ja, wieder Silikon) herausgezogen wird. Stattdessen fische ich das Bouquet garni ganz unelegant mit einem Löffel aus dem Topf und werfe es in den Kompost. Spätestens an dieser Stelle fällt mir auf, dass die meisten der aktuell erhältlichen Küchenutensilien bei den Entrümplern vom Sozialdienst dereinst für noch mehr Trostlosigkeit als mein aktueller Besitz sorgen werden.

Da ist zum Beispiel der Grissini-Roller, der aus einem ausgewalzten Teig mit seinen Silikonrollen drei perfekte Gebäckstangen schneidet. Er wird – je nach Restlebenszeit des Käufers – zwischen ein und drei Mal zum Einsatz kommen. Danach und vermutlich noch viel früher, wird er zum giftigen Sondermüll. Ein Schicksal, das vermutlich auch der Mini-PopOver-Form droht, einer Art metallenem Adventskranz, mit dem man sechs dieser modernen Eierkuchen auf einmal in den Backofen heben kann.

Am furchtbarsten ist der Merch, der rund um kulinarische Influencer auf den Markt geworfen wird: Sehr bekannt scheint momentan der BBC-Showbäcker „Paul Hollywood“ zu sein, für dessen Backformen in chinesischen Walzwerken Sonderschichten geschoben werden. Sein Baguette bekommt die unvergleichliche Knusperkruste nämlich nur im gelochten „Bread Crisping Tray“ und seine Brote lassen sich nicht mit dem Brotmesser, sondern nur mit der „Bread Saw“ portionieren – einem riesigen Fuchsschwanz, der verdächtig nach Baumarkt aussieht.

Ich will das jetzt alles nicht mehr sehen. Die Gedanken über meinen eigenen Tod sind inzwischen verflogen. Stattdessen denke ich über den Tod all der Menschen nach, die noch viel mehr Müll hinterlassen als einen zerzausten Backpinsel. Die zwischen all diesen Gerätschaften kaum zu Lebzeiten die Symbiose von Kochen und Genießen erleben werden. Und ihre unendliche Traurigkeit über den nutzlosen Besitz nicht mal mit einem ordentlichen Schluck herunterspülen können. Weil auf der Flasche der patentierte „Shot Measure“-Stöpsel von „Bar Craft“ steckt, der nur exakt 25 Milliliter freigibt.

Misanthropie

bus

Misanthropie ist aktuell. Noch nie war es so einfach und so beliebt, andere Menschen abzulehnen. Weil wir noch nie so allein waren. Mit einem elektronischen Endgerät ausgestattet, das uns suggeriert, wir seien trotz unseres Alleinseins ständig Teil irgendeiner Gruppe. Die Bestätigung für unsere Ablehnung kommt im Sekundentakt und je schärfer wir sie formulieren, desto stärker ist unsere Resonanz.

Wir haben uns dabei auf Codes geeinigt und wissen sehr genau, welche Beleidigung die meisten Punkte bringt und oft folgt nach der Ausgrenzung anderer ein Selfie, das uns selbst so zeigt, wie wir von unserem imaginären Rudel wahrgenommen werden wollen. Cool und wenn wir schlau sind, mindert ein Kommentar ironisch unsere eigene Unzulänglichkeit. Die Selbstdistanz ist dabei nicht mehr länger als ein ausgestreckter Arm. Dabei sitzen wir alle im selben Bus. Was leider nur eine Metapher ist. Denn würden wir tatsächlich in einem Bus sitzen, könnten wir den Kopf drehen und uns endlich wieder gegenseitig anschauen.

Wir könnten uns darüber freuen, dass wir eben nicht dieselben Kleider tragen. Wir würden die Grazie sehen, mit der sich eine abgekämpfte Beamtin nach einem Achtstundentag in ihrem Sommerkleid zu einem Haltegriff hochreckt. Wir würden den in sich zusammengesunkenen alten Mann sehen, der mit seinen wenigen Zähnen still in sich hineinlacht und uns fragen, was ihm gerade durch den Kopf schießt. Und wir könnten die Körperspannung des jungen Balzkönigs einfach für zwei Sekunden genießen, ohne ihn gleichzeitig abzuscannen und seine Pose negativ zu bewerten.

Dick, dünn, weiß, schwarz, schnell oder langsam: Wir müssten uns zwangsläufig mit dem zur Verfügung stehenden Platz arrangieren und hätten schlicht gar keine Zeit, uns ausgiebig zu beharken, weil das Stück bis zur nächsten Kurve, die uns von den Beinen holen könnte, so knapp ist. In großen Städten funktioniert das im öffentlichen Nahverkehr übrigens überraschend gut: Warum eigentlich nicht im Internet?

Fundsachen

fundsachen
Deutlich mehr als 100 unterschiedliche Metalldetektoren lassen sich bei Amazon bestellen. Zu Preisen zwischen 50 und 1000 Euro. Passend dazu eine Unzahl von Schatzsuche-Ratgebern, Klappspaten und Spitzhacken. Ich komme darauf, weil ein junger Mann in der Lüneburger Heide einen Haufen Goldmünzen gefunden hat. Der Mann ist Amateur und ich habe zwar keinerlei Ahnung, aber Amateur ist schließlich keine geschützte Berufsbezeichnung und ich beschließe, ab sofort auch einer zu werden. Vermisst werden immerhin noch das Bernsteinzimmer, die Bundeslade und dann ist da diese Goldkette des Piraten Störtebeker. Er hat die Kette, die angeblich rund um das Stadtgebiet von Hamburg reichen würde, dem Senat als Kaution für seine Freilassung angeboten und auch wenn damals Altona und St. Georg noch nicht dazu gehörten: Verdammt geile lange Goldkette.

Was mich im Moment noch ein wenig irritiert, sind die Amazon-Rezensionen zu den Metalldetektoren. Eine Dame verleiht einem 159 Euro-Gerät fünf Sterne und schreibt, ihr Sohn habe in mehreren Stunden intensiver Suche damit immerhin einige Pfanddosen gefunden. Wenn sie mit „einige“ zum Beispiel „vier“ meinen würde, dann müsste ich 636 Pfanddosen ausgraben, um allein die Kosten für das Gerät wieder einzuspielen. Als 53-jähriger Mann in einem Supermarkt 636 lehmige Cola-Dosen in einen Pfandautomaten zu stecken, das verströmt eher das Odeur von Altersarmut als den würzigen Geruch des Erfolgs.

Die schon wesentlich teurere Tiefensonde mit verbesserten 8-stufigen Suchleistungseinstellung findet angeblich „vom Hochsitz gefallene Patronen, […] auch im dichten Gestrüpp. Prima“. Unter Hochsitzen habe ich übrigens auch schon einige Patronenhülsen gefunden. Ohne Sonde und sogar ohne Brille. Die liegen dort, das ist so normal wie Äpfel unter Apfelbäumen. Dann lieber die billige Anfänger-Version für 84 Euro, die Matchbox-Autos findet oder – Mehrfacherwähnung – den „wirklich verloren geglaubten Ehering“ auf dem Beachvolleyballfeld. Obwohl auch diese Funde noch weit entfernt vom Nibelungenschatz sind, der meiner Meinung nach bei Hagen liegt. Aber eben nicht bei Hagen in Westf., sondern bei Hagen v. Tronje.

Möglicherweise sollte ich mich mehr auf die überirdischen Schätze kaprizieren, die einem so unverhofft zufliegen. Dazu braucht es wenigstens kein elektrisches Gerät, sondern man muss einfach nur warten und im richtigen Moment zugreifen. So wie damals, als mein Büro im ersten Stock auf derselben Höhe wie das Zimmer einer sehr alten Dame lag. Wir haben uns manchmal zugewunken und irgendwann war in ihrem Raum kein Licht mehr. Ihre Verwandten räumten ihre Wohnung aus und schichteten den Großteil ihrer Habe als Sperrmüllhaufen an der Straße auf.

Im Regen lagen ihre Schelllackplatten und ihre SPD-Ehrenurkunde für 50-jährige Mitgliedschaft, unterschrieben von Willy Brandt. Weil mir das zu trostlos erschien, lud ich die Platten und die Urkunde in mein Auto und habe daheim alles ehrfürchtig angesehen. Eine der Schelllackplatten habe ich später auf eBay verkauft, weil ich wollte, dass sie jemand besitzt, der einen Plattenspieler hat. Es war Albert Einsteins Glaubensbekenntnis von 1932 und ich hatte keine Vorstellung vom Wert dieser Schallplatte. Nach einer Woche bekam ich eine Mail von eBay und einem überglücklichen Käufer. Nur 1.600 Mark – ob ich denn gar nicht wisse, wie unglaublich selten diese Schelllackplatte sei? Ich wusste es nicht, aber ich habe der alten Dame seitdem noch oft in Gedanken zugewunken.

„Seltsam erscheint unsere Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und ungebeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen, warum und wozu. Im täglichen Leben fühlen wir nur, dass der Mensch um anderer willen da ist, solcher, die wir lieben, und zahlreicher anderer, ihm schicksalsverbundener Wesen.“ Albert Einstein

Die wahre Geschichte der Liebesschlösser

schloss

Heinz und Britta Abus standen wirtschaftlich am Abgrund und nur ihre Liebe ließ sie diese grauenhafte Zeit durchstehen. Ihre Fabrik hatte bereits mehrmals Kurzarbeit angemeldet, doch die Kosten ließen sich nicht weiter reduzieren und die trostlosen Mitarbeitergespräche mit den treuesten Handwerkern, deren Großväter schon für die Abus-Familie gearbeitet hatten, waren emotional belastend. Aber was sollten sie noch tun? Ihr Kernprodukt, das Vorhängeschloss, war mausetot. Kein modernes Kellerabteil ohne Zylinderschloss, kein Koffer mehr ohne eingebautes Zahlenschloss und Fahrräder wurden inzwischen mit komplizierten Patentsicherheitslösungen angekettet.

Eines Abends, sie hatten gerade die Zustellurkunden mit den Mahnbescheiden und Pfändungsandrohungen beiseite geräumt, um einige Scheiben trockenes Pumpernickel ohne jeden Belag zu essen, bat Britta ihren Heinz um einen Gefallen. „Lass uns dieses unwürdige Spiel beenden, mit uns stirbt das Vorhängeschloss, aber wir wollen nicht durch das Vorhängeschloss sterben.“ Heinz nickte stumm und nahm ihre Hand. Er wünschte sich einen letzten Spaziergang durch die leere Produktion, der Drei-Schicht-Betrieb war schon lange Geschichte. Gemeinsam schlenderten sie durch die Schmiede, die Verzinkerei und die Lackierwerkstatt. In der Qualitätskontrolle nahm er eines der hübschen Schlösser aus den Ölpapierkartons in die Hand und erinnerte sich, wie er als 11-jähriger hier gravieren gelernt hatte – den Code auf der Unterseite, den jedes Schloss trug, wenn es das Werk verließ.

Heinz schaltete die Gravierfräse ein und schrieb. Er gravierte nicht den versteckten Code der Schlossunterseite, er schrieb auf den Korpus des Schlosses „Britta und Heinz“. Dahinter setzte er ein Herz. Britta liefen Tränen der Rührung über das Gesicht und sie umarmte ihn. Als sie die schwere Eingangstür der Fabrik hinter sich zuzogen, überredete sie Heinz zu einem kleinen Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Kaum jemand war noch unterwegs und auf der Brücke über den Fluss küssten sie sich. Ihre Liebe würde diesen Konkurs überdauern. Britta zog das gravierte Vorhängeschloss aus ihrer Handtasche und klickte es ans Brückengeländer, den Schlüssel warf sie in den Fluss.  Was für ein starkes Symbol dachte Heinz, was für eine Frau, was für ein Glück.

Drei Tage später war ein zweites Schloss am Brückengeländer, nach fünf Tagen waren es acht, zehn Tage später rund 200 Stück. Ein neuer Trend sei das, hörte man aus Paris, Wien und Köln, wo Reporter auf Brücken vor Tausenden von Vorhängeschlössern gefilmt wurden. Nur kurz konnten Heinz und Britta Abus die Nachfrage aus Lagerbeständen decken und damit ihre Schulden abtragen, nach zwei Monaten produzierte ihre Fabrik höhere Stückzahlen als je zuvor. Brittas Geistesblitz und ihre starke Liebe hatten das Unternehmen gerettet und die Brücken der Welt für immer zerstört.