Convenience

„Ich habe ein unschlagbar einfaches Verfahren entwickelt, um die Welt zu retten. Es sind fünf oder sechs Schritte, die jeder Mensch einfach umsetzen kann. Das Prinzip ist nicht besonders teuer, sondern beruht auf einfachen Verhaltensänderungen und einem maßvollen Verzicht.“

„Fünf oder sechs Schritte? Zu kompliziert. Da sehe ich keine Marktchance. Gibt es keine Convenience-Lösung?“

Der Flaneur

Einer meiner besten Freunde ist Flaneur. Seine Ausbildung dauerte trotz Abitur weit mehr als drei Jahre und er ließ sein Lehrgeld in allen Straßencafés Europas. Mit den dandyhaften Vorbildern der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts verband ihn wenig. Er war weder ein besessener Sucher nach der Seele der Großstadt, noch sah er aus der Vogelperspektive des nicht mehr zum Broterwerb gezwungenen Industriellensohns in das Asphaltkino, das sich vor seiner Kaffeetasse aufspannte.

Eigentlich sah er in seiner Trekkingjacke sogar ein wenig abgerissen aus, ihm fehlte ein Zahn und eine Rasur. Dennoch verströmte er ein in sich ruhendes Glücksgefühl. Er riss eine Zuckertüte auf, überflog das Horoskop und grinste. „Eine Steinbockfrau, das wäre die ideale Kombination. ‚Geerdet‘ ist doch auch nur ein anderes Wort für schmutzig. Aber Du wolltest ja mit mir über meinen Beruf sprechen. Genau genommen war das gerade der Teil mit dem Papierkram in meinem Job.“ Er lachte nicht über seinen eigenen Witz und ich merkte, dass ich das besser auch nicht tat.

„Es ist doch so: Nicht erst das Digitalzeitalter hat uns von den Nachrichten entfremdet. In den 48 Seiten einer Tageszeitung finde ich im Laufe eines Lebens vielleicht einmal ein Ereignis, auf dessen Verlauf ich Einfluss gehabt hätte oder das mich unmittelbar beträfe.” „Postman“ sagte ich, „Bildungsspießer“ er und winkte ab. Das sei ja nur die Theorie. In der Praxis nutze er seine Augen, um die Realität in sich hineinzusaugen und wie ein Katalysator zu verarbeiten.

„Literarisch?“, fragte ich ihn. Um Himmels Willen, er schreibe nicht. Was er sehe, könne doch nur unmittelbar, in diesem Augenblick und aus seiner Perspektive diese Sprengkraft entfalten. Für ungeübte Menschen bleibe das meiste für immer unsichtbar und als geschriebenes Wort nur ein müder Reflex. Während er sprach, verunglückte hinter ihm ein LKW. Er drehte sich nicht einmal um.

Aber ob er mir ein Beispiel nennen könne, bohrte ich neugierig nach. „Siehst Du da drüben die alte Dame? Achte auf ihre linke Wade. Perfekt rasierte Beine – man sieht es, weil ihr Kniestrumpf heruntergerutscht ist. Ihr Mann ahnt nicht, dass sie seit Jahrzehnten den Bäcker liebt. Aber ich weiß es. Vor dem Bäckerladen wird sie sich bücken und den Strumpf glattziehen.“ Tatsächlich bückte sie sich wie zufällig vor dem Schaufenster, zog die Gummilitze bis zum Knie und ging weiter. Sprengkraft hatte ich mir spektakulärer vorgestellt.

„Stell Dir die Welt wie ein bestelltes Weizenfeld vor – geometrisch, geordnet und erntereif. Ich weiß, wie ein Weißbrot aussieht, aber jede Mohnblume am Feldrain ist ein Fall für sich. So wie die junge Frau mit dem rückenfreien Shirt dort vorne: Auf ihrer Wirbelsäule trägt sie in tätowierter Frakturschrift den Namen ihres Freundes. ‚Achmed’ – in Fraktur, verstehst Du?“ Im Prinzip hatte ich ihn verstanden, begriff aber nicht, warum er nicht einmal zu dem brennenden Dachgeschoß aufsah, zu dem sich eine Drehleiter hochschob.

„Das Besondere ist nur die Inszenierung für die Unsensiblen. Wir Flaneure sind Theaterkritiker der kleinen Vorstellungen auf den Probenbühnen.“ Er hob den Arm und zeigte auf einen Hund, der aus einem Taxi stieg. Jeden Tag um neun, so hatte er es im Laufe der Zeit beobachtet, sprang der Dackel in das Taxi mit der Nummer 367. Mit derselben Regelmäßigkeit suchte seine Besitzerin vormittags die Straßen der Nachbarschaft ab und freute sich mittags über das unverhoffte Wiedererscheinen des Tieres. Noch nie hatte sie das Taxi gesehen. Mein Freund indes hatte sich sogar bereits mit dem Fahrer unterhalten, der ein großer Dackelfreund war.

„Gut“, sagte ich, „ich verstehe die Faszination Deines Berufs. Aber verrate mir doch bitte eines: Womit verdienst Du Dein Geld?“ Ich hatte mit einem längeren Zögern gerechnet und nicht ernsthaft mit einer plausiblen Antwort. Aber er antwortete blitzschnell: „Ich bilde aus.“ Seit Jahren war er Berater eines Großkonzerns und seine Schützlinge waren keine Lehrlinge, sondern gestandene Führungskräfte. Jeder von ihnen war mit Anfang 50 am Ende seines Karriereweges angekommen. Eine weiterer Aufstieg in der Hierarchie nicht mehr möglich, aber jeder auf seiner Position wichtig und nötig. Die Aufgabe meines Freundes war es nun, diesen Managern, die fünfundzwanzig Jahre lang nur Leitern erklommen hatten, die Schönheiten der Ebene zu zeigen und ihren Blicken das absichtslose Schweifen beizubringen. Im Café, auf Strandpromenaden und in dunklen Jazzkellern. „Man könnte es auch Coaching nennen, aber Flaneure sind entschieden besser bezahlt.“ Er grinste in sich hinein und bestellte noch einen Kaffee.

Die seltsamen Hobbys der Superreichen

1

Die Silikonmasse aus dem Fensterrahmen knibbeln und zu Kügelchen formen.

2

Louis Vuitton Tasche kaufen und mit dem Edding „Bon Scott forever!“ draufschmieren.

3

Bei Ferran Adrià eine gasförmige Currywurst bestellen.

4

Den Anrufbeantworter von Prominenten besprechen lassen. z.B. von Stephen Hawking.

5

Crossover-Style: Pferdeleder-Schuhe von Alden mit KiK-Popeye-Socken. Austern im Fruchtzwerg serviert.

6

Nachts mit dem Aufsitzrasenmäher mystische Kreise in Kornfelder mähen.

7

Teure russische Ikonen in dreitürige Badezimmerschränkchen umarbeiten.

8

Aus geklauten Hotelseifen die Sehenswürdigkeiten der besuchten Metropolen nachschnitzen.

9

Die Wände des Musikzimmers mit Toffifee-Innenverpackungen tapezieren.

10

Mit 500-Euro-Scheinen koksen. Aber aus Kostengründen Mehl nehmen.

Aufs Maul

Anfang der 80er Jahre saß ich oft in der Zeitungsredaktion einer kleinen Stadt. Jeden Tag kamen mit der Post die Leserbriefe und an den Umschlägen und Briefbögen konnte man erkennen, in welchem der beiden örtlichen Schreibwarengeschäfte eingekauft wurde. Auf der Rückseite stand der Name des Absenders – mal in Schreibschrift, mal als Stempel oder Adressetikett. Anonym war das nie, meist kannte man den Briefschreiber sogar und wusste beim Öffnen schon, was einen erwartete.

Das waren große Themen und teilweise gewagte Bildsprünge wie der „Dank des Vaterlands, der auf tönernen Füßen steht“. Oder die ehrliche Empörung über ein lokales Ärgernis. Mitunter haben wir beim Lesen gelacht und bei extremen verbalen Ausfällen haben wir sogar den Absender angerufen. Um uns rückzuversichern, dass das, was im Eifer des Gefechts formuliert worden ist, mit dem Abstand von einem Tag noch immer so gemeint war. Nicht um zu zensieren, sondern um den Autor vor sich selbst zu schützen, eine Kleinstadt ist schließlich ein sensibles Biotop.

Die Kommentarspalten des Internets und die Möglichkeiten, sich ungefiltert in Echtzeit zu äußern, haben alle Zwischenschritte der Besonnenheit aufgehoben. Kein Briefpapier muss gefaltet, keine Marke gekauft werden. Ohne den kathartischen Fußweg zum Briefkasten macht ein Druck auf die Return-Taste aus einer Emotion einen weltweit lesbaren Beitrag.

Medienkompetenz reduziert sich dabei auf die mechanistische Fähigkeit des Bedienens von Geräten und die Niedrigschwelligkeit der Möglichkeiten senkt offenbar vor allem zwischenmenschliche Beißhemmungen. Dass sich um jeden noch so armseligen Inhalt Gleichgesinnte zu Gruppen sammeln, spielt den Stänkerern in die Hände. Ihre größte Freude ist die maximale Eskalation, in deren zeitlichem Ablauf ihr vergiftetes Anfangsstatement regelmäßig geradezu besonnen wirkt.

Ich wünsche mir eine Zeit zurück, in der die Wut beim körperlichen Vorgang des Schreibens verraucht. Eine Zeit, in der der Brief noch einmal gelesen werden muss und keine Delete-Taste und keine Rechtschreibhilfe die Zeichen des Übereifers tilgen. Den langsamen Gang zum Briefkasten. Und das gesunde Korrektiv, sich den Menschen, die man beschimpft, mit Namen und von Angesicht zu Angesicht stellen zu müssen. Vielleicht gibt es dann nämlich aufs Maul. Oft sogar zu Recht.

Flickr-Bilder korrekt kommentieren

Ein wirklich guter Kommentar für ein Flickr-Bild will gut überlegt sein. Schließlich soll der Fotograf in seiner Arbeit nicht bloß bestärkt, sondern auch konstruktiv unterstützt werden. Nur so profitieren alle davon. Außerdem wichtig: Auf jeden Fall englisch kommentieren. Selbst wenn Profilname und Bild auf eine deutsche Herkunft deuten.

1. The photo is completely out-of-focus.
Write: „nice bokey!

2. The photo shows off a womans breast
.
Write: „Interesting portrait“

3. The composing is horrible.
Write: „Perfect crop“

4. The color negative film is obviously expired.

Write: „Hey – i love Instagram-shots.“

5. The subject of the photo is negligible smaller than a garbage truck.
Write: „Cool macro“

6. Self portrait of a bare assed person with dead black sunglasses.

Write: „Your eyes are captivating!“

7. The photo is a crappy Anne Geddes fudge showing a baby in a pumpkin.
Write: „I’ve never seen this before.“

8. A nightshot of the Colosseum.
Write: „Wow! Paris is one of the countries i like most in asia.“

9. The picture shows a man losing his leg in a harvester.

Write: „Oops.“

10. A very very sophisticated black & white still life of an artichoke.
Write: „yummy!“

11. A quake-hit area, totally destroyed.
Write: „The signs of urban decay are soooooo romantic.“

12. A shot inside the Basilica of St. Peter.
Write: „Dude, this place is freakin’ awesome!“

13. The photo shows a skull with a burning candle on top.
Write: „A really strong metaphor.“

14. A pimp with a pump gun showing off his attack dog puppy.
Write: „Isn’t he cute?“

15. A wholehearted Andreas Gursky-admirer presents his 4×5 inch work.
Write: „Which nokia did you use?“

16. A very sad photo of a weeping little girl with her wrecked doll.
Write: „lol“

[reblogged]

Gehirn und Kochen

Vor über zwei Millionen Jahren verdoppelte sich die Größe des menschlichen Gehirns im Vergleich zu unseren Primatenkollegen. Gebracht hat das erstmal nichts, weil es unsere Spezies vorzog, weiterhin mit Steinen nach Tieren zu werfen und deren Fleisch roh und ohne Gemüsebeilage vom Knochen zu nagen.

Erst die Erfindung des Kochens vor 150.000 Jahren, sagt der Biologe Philipp Khaitovich [Genome Biology 2008, 9:R124], habe mit der optimierten Nährstoffversorgung ein paar raffiniertere Programme auf die große Festplatte gespielt. Bessere Werkzeuge und schicke Klamotten wurden erfunden und künstlerische Fertigkeiten entwickelten sich. Vermutlich waren es Formen früher Tellerdeko und die Frage, ob eine einzelne Kapstachelbeere neben einem Wildschwein nicht lächerlich wirkt.

Inzwischen hat die Evolution ihren Höhepunkt erreicht. Unser Gehirn ist in der Lage, Webadressen von Sushi-Lieferdiensten problemlos abzuspeichern. Selbst im Bioladen werfen anthroposophische Frauen in bodenlangen Filzgewändern Convenience-Food in Demeter-Qualität in die Einkaufskörbe. Das Kochen verschwindet, es ist eine Entwicklung zurück zu unseren Wurzeln: Wir ziehen uns kalte Fische rein und verbrennen Rauke-Pizza in Hightech-Öfen. Und wenn man die Geländewagen vor dem Bioladen parken sieht, möchte man sogar glauben, dass das Gehirn wieder schrumpft.

The Truman Syndrome

Es gibt Menschen, die sich ohne Anzeichen gängiger Psychosen, ohne Halluzinationen oder Verwirrtheit vorstellen, in ihrem Alltag von Schauspielern umgeben zu sein. In ihrer, ihnen nicht real erscheinenden Umwelt vermuten sie ein Geheimnis, ein inneres Drehbuch, von dem alle wissen. Nur eben sie leider nicht. Diese Vermutung lässt sie ihre Umgebung als Filmset erleben, auf dem sie nur Teil einer fortlaufenden Storyline sind. Im Laufe der Zeit verlieren sie zunehmend die Ich-Perspektive und gewinnen einen Außenblick auf ihre Person, der besonders bei Kamerafahrten und schnellen Schnitten irritierend wirkt.

Paolo Fusar-Poli, Oliver Howes, Lucia Valmaggia und Philip McGuire, die dieses Phänomen im „British Journal of Psychiatry“ (2008, Ausg. 193) beschrieben, wählten den griffigen Namen „Truman Syndrome“.

Nach dem Erscheinen des Textes suchte ich drei Jahre lang nach einer Gelegenheit, bei meinem Psychotherapeuten dieses Thema anzuschneiden. Leider unterbrach er die Sitzung für zwei längere Werbepausen und ließ mich nach 45 Minuten mit einem Cliffhanger sitzen.

Ein Frauenschicksal

In ihrer Wohnung angekommen, legt sie den Einkaufsbeutel auf den Küchentisch. Kantig stechen die Tiefkühlpackungen aus dem roten Nylon. Zwei Klötze Gefriergut, Kochbeutelreis und halbtrockener Sekt, zusammen gerade mal zehn Euro. Früher mal ein lächerlicher Betrag für sie, heute eine Position, die sie in einem Schulheft notiert.

Sie geht ins Bad, klappt den verspiegelten Kunststoffkasten auf und zieht ihre Augenbrauen nach. Kurz probiert sie ein Lächeln. Nicht schlecht für 64. Aber eben nicht mehr wie mit 33. Damals war ihr Sonntagsmenü opulenter als die Packung Klopse eines westfälischen Discounters und ihr Gegenüber beim Lächeln nicht der Spiegelschrank einer anonymen Wohnungsgesellschaft.

Damals, das ist 1980. Helmut Schmidt hatte gerade gegen Strauss gewonnen. Sie war gerade 33 geworden und seit ein paar Monaten Chefsekretärin. Von ihrem ersten hohen Gehalt hatte sie sich einen schmal geschnittenen Lederrock gekauft. So könnte die Geschichte jetzt endlos weitergehen, aber mal was ganz anderes: Wer bin ich, ein trauriges Frauenschicksal zu beschreiben? Nur weil die verhärmte ältere Frau, die vor mir an der Kasse steht, den Warentrennstab so brutal vor meine kerngesunde Frischkost knallt und meine Assoziationen mit mir durchgehen? Schäbiger Lederrock übrigens – so etwas sollte man in Deinem Alter nicht mehr tragen. Den halbtrockenen Sekt habe ich auch mal gekauft, weil ich im Supermarkt zu eitel war, die Lesebrille aufzusetzen. Wirst schon sehen, was der für brüllende Kopfschmerzen produziert. Blöde Kuh.