Der Finger im Auge

stanoliver

Der Medienkonsum prägt unser Verhalten, das lernt man durch intensiven Medienkonsum. Fast nie ist es das Elternhaus oder das soziale Umfeld von Menschen, das sie zu Tätern werden lässt. Stets sind es Filme und Computerspiele, die in die Katastrophe führen. Schon früh erkannte man, dass gewaltverherrlichende Texte von sogenannten „Rockgruppen“ in ungepflegten Hosen aus blauen Denimstoffen eine große Mitschuld an zahlreichen Straftaten von Jugendlichen tragen.

Ich stütze diese These nicht auf halbseidene psychologische Gutachten, sondern allein auf meinen gesunden Menschenverstand. Als Babyboomer wurde ich mit den brutalen Machwerken der Herren Laurel und Hardy groß und noch heute kann ich nur schwer dem Zwang widerstehen, Mitmenschen eine Torte ins Gesicht zu werfen oder ihnen einen Finger ins Auge zu stecken. Ich würde gerne weiterschreiben, aber meine Hose hat gerade Feuer gefangen, während ich Kniechen-Näschen-Öhrchen spielte.

In shape

michel

Als Michelangelo im Alter von 26 Jahren von der florentinischen Wollweberzunft den Auftrag bekam, eine überlebensgroße Davidstatue zu schaffen, sah er in etwa aus wie ich. Etwas untersetzt, unterentwickelte Brustmuskulatur und ein von der Vorliebe für italienisches Essen deutlich vorgewölbter Bauch.

Da er keine geeigneten Handwerker fand, die die Statue des David nach seinen Vorstellungen aus dem Carrara-Marmor schlugen, musste er selbst Hand anlegen. Seine Idee war ein autobiographisch angelegter David, der wegen seiner so offensichtlich unsportlichen Erscheinung Goliath nur durch intellektuelle Fähigkeiten besiegen konnte.

Vier Jahre lang wieselte der dickliche Michelangelo um den 5,17 Meter großen Steinblock herum, sprengte unter großen Anstrengungen mal hier, mal dort einen winzigen Marmorspan aus der vollen Form. Zu Anfang musste er sich quälen und fiel abends in einen narkotischen Schlaf, doch mit zunehmender Dauer des Projekts wurde er fitter. Er genoss es, dass der Marmor ihn zwar zwang, stärker zuzuschlagen, aber zugleich seinen Meißel schärfte.

Mit jedem Hieb in den Stein und jeder Bewegung auf dem Gerüst, das er sich um den Marmorblock gebaut hatte, veränderte sich Michelangelos Körper. Die Pyramidenmuskeln seines Bauchs bildeten sich aus, der Musculus obliquus externus abdominis formte sich zu einer erregend harten Landschaft, Michelangelo disponierte um. Zum Glück musste er den Marmorblock, den er nach seiner ursprünglichen Körperform gestaltet hatte, nur verfeinern und weiteres Material abtragen. In vier langen Jahren trat sein verkopftes künstlerisches Konzept in einen fruchtbaren Dialog mit der harten körperlichen Beschäftigung und veränderte ihn selbst und zugleich sein Werk. Nach der Statue des David überlegte Michelangelo, die Bildhauerei aufzugeben und Sportlehrer zu werden, entschied sich aber wegen der guten Kantine des Vatikans für einen größeren Auftrag in der Sixtinischen Kapelle.

Andrea Berg

aquarius

Die Schlagersängerin Andrea Berg ist nur ein Jahr jünger als ich, aber sie hat genau am selben Tag Geburtstag. Wir Wassermänner haben neben unserer Vorliebe für Schalentiere und Tintenfische einen starken Bezug zur Spiritualität. Was auch bedeutet, dass wir Ordnungen in Dingen zu erkennen, die da möglicherweise gar nicht sind.

Mitunter schaffen Wassermänner diese geheimen Ordnungen sogar selbst. Wie Andrea Berg, deren Liedtitel sich auch als logische Abfolge lesen lassen: Auf „Ich geh mit dir“, „Ich liebe dich“ und „Ich liebe dich viel zu sehr“ folgt ein beherztes „Ich schieß’ dich auf den Mond“ und „Ich werde lächeln, wenn du gehst“.

Ohne das an ihrer Biographie festmachen zu können – die Frau hat was erlebt. Vermutlich mit diesem Hallodri, dem sie erst vorwarf: „Du hast mich tausendmal belogen“, um wenig später völlig verbittert zu sagen: „Du kannst noch nicht mal richtig lügen“.

Dabei fing alles so gut an. Er versprach ihr: „Atlantis lebt“, wollte mit ihr „auf zu neuen Abenteuern“. Und zwar nicht mit dem Flixbus, sondern auf die maritime Art. „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ witzelte sie noch, als er wenig später andeutete: „Ein Schiff wird kommen“.

„Ein Tag mit dir im Paradies“, so empfand sie den gemeinsamen Tag auf hoher See und er versprach ihr, es sei „für immer und ewig“. Nach dem Versprechen, ihr ein „Märchenschloss“ zu bauen, ließ er sich in Hafennähe ein „Herztattoo“ stechen. Einfach „Wahnsinn“, sagte Andrea Berg, „wenn dein Mund mich küsst“, bin ich im „Wunderland“. Dieser „Tango Amore“ war für sie „ein kleines Wunder“.

Doch dann war er „vorübergehend nicht zu erreichen“ und sie fragte: „Warum belügst du mich?“. Lapidar meinte er: „Es muss ja nicht für immer sein“ und „Morgen werd ich gehen“. Für sie war das „der letzte Tag im Paradies“, aber irgendwann siegte ihre Kämpfernatur und sie sagte sich: „Ich werde wieder tanzen gehen“. Die Reihe ließe sich mit weiteren Andrea-Berg-Titeln problemlos weiter fortsetzen, aber erstens ist es mir jetzt schon ein wenig langweilig und zweitens wird Wassermännern gerne ein Hang zur Spinnerei nachgesagt.

Restlos bedient

waitermaleHeute hat es nichts gebracht, mit dem Einkaufswagen scheinbar interessiert vor den Zeitschriften auf und ab zu schlendern, auch der angetäuschte Blick auf die gefrorenen Mastgänse in der Kühltheke – immer ein Auge auffällig auf die Kassenschlange gerichtet – war zwecklos. Die zweite Kasse bleibt geschlossen und die lange Schlange vor der ersten ist inzwischen sogar noch ein bisschen länger geworden. Was soll ich mich anstellen, es bringt ja nichts. Wo soll ich mich anstellen? Hinten natürlich.

Den Wagen vor mir lenkt ein Paar, das schon viel herumgekommen ist. „In den Staaten“, schnappe ich von den beiden auf, gäbe es diese Schlangen nicht, dort wäre längst die zweite, dritte oder fünfte Kasse besetzt – mit Mitarbeitern, die rund um die Uhr „Service leben“. Plus freundlichem Extrapersonal, das hinter der Kasse die Taschen behutsam füllt und bei Bedarf noch die Ausgangstür öffnet. Okay, denke ich, wir haben hier automatische Türen mit Bewegungssensor, das ist eventuell noch eine Spur moderner, aber vielleicht haben die das in den USA mittlerweile auch eingeführt.

Die Kassiererin sieht nach ihrem langen Arbeitstag müde aus und die Öffnung einer zweiten Kasse würde ihr vermutlich noch mehr gefallen als den Kunden. Allerdings sind ihre beiden einzigen Kollegen im Supermarkt damit beschäftigt, Regale aufzufüllen und den bockigen Leergutautomaten dazu zu bringen, eingeworfene PET-Flaschen nicht zurück in den Verkaufsraum zu katapultieren. Die Kassiererin ist müde, aber sie „lebt Service“ und kann davon trotzdem kaum ihre Miete in Pinneberg bezahlen. Der Hamburger Elbvorort, in dem sie arbeitet, ist für sie unerschwinglich und mit dem Bus ist es ja auch nur eine knappe Stunde.

Das gepflegte Gejammer über die „Servicewüste Deutschland“ ist ein guter Gesprächseinstieg. Als wäre der Großteil dieses Landes mit Butlern und Hausdamen aufgewachsen, soll gefälligst bedient und umcharmt werden. Nicht aufdringlich und plump, denn das sind wir ja selbst, sondern freundlich, selbstverständlich und dabei auch dezent. Die Erwartungshaltung ist dabei inzwischen so hoch, dass sie sich längst nicht mehr mit Petitessen wie dem entsprechenden Umfeld oder gar dem eigenen Kostenbeitrag für diesen Service aufhält.

Wer Hotelbewertungen im Internet liest, findet einen reichen Fundus an gehässigen Ein- und Zwei-Sterne-Bewertungen für preiswerte und saubere Unterkünfte, die ihrerseits in ihrer Selbsteinordnung deutlich bescheidener sind als ihre Kunden. Eine Großstadtunterkunft für 70 Euro zu Messezeiten ist zwar ein fairer Kurs, aber dass der Schuhputzautomat im zweiten Stock nur schwarze Schuhcreme ausspuckt und das Rührei schon um 10.30 Uhr fehlt – bei solchen unverzeihlichen Katastrophen entschädigen den verwöhnten Frequent Traveller auch die 16 verschiedenen Cerealien auf dem Büffet nicht. 16 frische Getreidesorten gehören für den normalen Mitteleuropäer längst zum Mindeststandard, darüber muss man doch nun wirklich nicht mehr reden.

Einen Stammplatz in der ewigen Hitliste der beliebtesten Service-Aufreger haben sich Paketdienste gesichert. Ständig – so behaupten Nörgler gern – werfen die Paketboten aus Faulheit nur eine Abholkarte in den Briefkasten, liefern an den falschen Wunschnachbarn aus oder kommen am äußersten Rand des angekündigten Zeitfensters. Wenn überhaupt. Besonders gern sind die Service-Opfer von Paketdiensten GENAU in der Minute der Zustellung rasch unter die Dusche gesprungen. Wobei 15 Uhr bekanntlich die gesamtdeutsche Hauptduschzeit ist, das sollten sich Logistikunternehmen mal hinter die Ohren schreiben.

Es gab einmal einen Bekannten, der seitdem keiner mehr ist, dem es als Partytalk gefiel, den Schweißgeruch eines gestressten Paketboten im Hochsommer zu thematisieren. Er, der noch nie körperlich gearbeitet hatte, konnte sich nur schwer vorstellen, wie es ist, in der Gluthitze einer Großstadt einen unklimatisierten Kastenwagen von Parkverbot zu Parkverbot zu lenken. Nur unterbrochen von erfrischenden Zwischenspurts in den vierten Stock von Altbauten. Natürlich nicht in atmungsaktiver Freizeitkleidung, sondern in der Synthetik-Uniform des Arbeitgebers.

Der Service von Amazon, dem volumenstärksten Auftraggeber der ungeliebten Paketdienste, wird indes einhellig gelobt. Vorbildlich, wie kulant dort die eigenen absehbaren Fehlkäufe umgetauscht werden, geduldig bei Hotline-Anfragen und unkompliziert im Support – wie „in den Staaten“ eben. Mit großvolumigen Datenbanken und einem formelhaften Mailverkehr kommen wir möglicherweise einfach besser klar als mit echten Menschen.

Diesen schrecklich unorganisierten, ganz normalen Leuten, die frühmorgens im Sauerland in einen Regionalzug steigen, im Ruhrgebiet ihren Dienst in einem ICE antreten und nachmittags irgendwo am Oberrhein doch tatsächlich nicht auf Anhieb wissen, wann der Südwestbus von Offenburg nach Oberschopfheim fährt. Während gleichzeitig der aggressiv wirkende Hund im Großraumabteil keinen Maulkorb trägt, die Geschäftsreisende am Laptoptisch ewig nach ihrer Bahncard kramt und die Keglerrunde die vierte Prosecco-Runde einläutet. „Guter Service sieht anders aus, da sollte man, nein, man müsste sogar und es gibt doch Computer für so etwas, naja das mit dem Internet im Zug hat die Bahn ja auch immer noch nicht hingekriegt, deshalb nichts für ungut, aber ist doch wahr Mensch!“

Oder Stewardess oder Steward, das waren mal angesagte Traumberufe im Servicebereich. Flugbegleiter brauchen sichere Fremdsprachenkenntnisse und ihr äußeres Erscheinungsbild wünschen sich die Fluggesellschaften möglichst „gepflegt“. Was im Sinne des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes das so gerade eben noch erlaubte Wort für „Modelmaße“ ist.

Belastbar, flexibel und „serviceorientiert“ sollen sie nach Möglichkeit auch sein und das bedeutet nichts Gutes. Ihre Aufstiegschancen sind gering und ihr Gehalt steht in einem krassen Missverhältnis zum vermeintlichen Jetset-Status von Menschen, die die Metropolen der Welt bereisen. Als Frau entfachen Stewardessen – wie Krankenschwestern und Polizistinnen – traditionell Männerphantasien.

Allerdings nicht wegen ihrer Uniform, sondern eher durch die unausgesprochene Unterstellung, dass ihnen nichts Weltliches fremd ist. Oder ganz prosaisch ausgedrückt: Sie haben eine berufsbedingte Erfahrung mit unappetitlichen Kerlen, denen sie nicht die Meinung geigen dürfen. Und erst recht nicht Familien, die bereits ihren Kindern beibringen, dass das Standardessen nur etwas für Anfänger ist und „koscher“, „leichte Schonkost“ oder „halal“ für etwas Extra-Serviceaufwand sorgen. Natürlich mit zwei Getränken, am besten aus den Thermosbehältern, das macht mehr Arbeit.

Sie lächeln auch für die, die sie abschätzig „Saftschubsen“ nennen und glauben, ihr schlechtes Benehmen stehe ihnen gerade wegen des niedrigen Flugpreises zu. Im Flugzeug schließen die Flugbegleiter mit der Gelassenheit einer Mutter von fünf schwer erziehbaren Kindern die Handgepäckfächer, die achtloser befüllt werden als ein privater Wäschepuff. Schließlich loten in Zeiten aufpreispflichtiger Koffer immer mehr Passagiere die erlaubten Grenzen des Handgepäcks aus und zerren auf Kurzstrecken schwere Trolleys durch den Mittelgang, mit denen vor zwei Jahrzehnten dreiwöchige Urlaube bestritten worden wären.

Ihren gesetzlich vorgeschriebenen Vortrag der Sicherheitshinweise müssen sie vor einem gelangweilten Publikum abspulen, das sich krampfhaft bemüht, möglichst unbeteiligt zu tun, um sich nicht versehentlich als Seltenflieger zu outen. Zuvor stellen sich Stewardessen namentlich vor und bitten darum, die elektronischen Geräte in den Flugmodus zu versetzen und dennoch haben sie nach dem Einschalten ihres Smartphones am Zielort zwischen vier und sieben Freundschaftsanfragen von älteren Herrschaften mit Facebook-Account.

Sie sind der Kommunikations-Prellbock für die Politik ihrer Fluggesellschaften, die die Maximalauslastung von teuren Maschinen mit eingeplanten Überbuchungen sichert. Wer bei dieser Reise nach Jerusalem ohne Sitzplatz bleibt, fragt sich naturgemäß nicht, warum ein Flugticket inzwischen billiger ist als ein Abend im Musical oder ein Essen im Restaurant – sondern will Service: Einen neuen Flug und nach Möglichkeit eine Entschädigung, die den gezahlten Preis übersteigt. Selbst wenn der Härtefall nur in einer Stunde Wartezeit auf die nächste Maschine besteht.

Während ihrer eigenen knappen Pausen haben sie selbst oft keinen bequemen Sitzplatz, sondern nur einen Hocker hinter einem muffigen Vorhang in Toilettennähe und müssen sich im Licht einer 15-Watt-Funzel die Zeit mit Illustrierten vertreiben, die zur künstlichen Auflagensteigerung in Flugzeuge geworfen werden. Im Halbdunkel der Kabine behalten sie hinter dem sperrigen Servicecontainer die Ruhe, während ihr sitzendes Gegenüber die Auswahl des Gratisdrinks fünfmal ändert.

Bis es am Ende der zähen Entscheidungsfindung in fast allen Fällen doch ein ekliger Gemüsesaft ist, den am Boden kein Mensch mit spitzen Fingern anfassen würde. Ihr Service ist meist höflich, freundlich, hilfsbereit und ihr Lächeln keine falsche Turniertänzer-Fratze, sondern fast immer die gelassene Erfahrung, dass Menschen sehr verschieden sein können und man besser mit ihnen zurechtkommt, wenn man sie einfach lässt, wie sie sind. Stewardessen sind ein bisschen wie Buddha, aber sie kommen mehr rum und sie haben die besseren Kaltgetränke.

Aber zurück in den Supermarkt. Die Kassiererin ist jetzt aufgestanden, um einer Seniorin zu helfen, ihren Einkauf aus einer Börse voller Kleingeld zu bezahlen. Geduldig sucht sie mit ihrem Zeigefinger nach den passenden Geldstücken und überhört das Gemurmel aus der ungeduldigen Schlange. Schließlich verlässt sie sogar ihren Tresen, um die Suppendosen und einen kleinen Blumenstrauß im Einkaufsbeutel des Rollators zu verstauen. Der Unmut in der Schlange wächst – dabei ist es genau das, was Service ausmacht. Nur eben nicht für jeden und gleichzeitig und in derselben Menge. Aber vielleicht lernen wir das noch bis wir auch einmal alt sind. Und dann sagen wir einfach mal Danke.

Always Something There To Remind Me

shaw

Im Arbeitszimmer meines Großvaters stand nicht nur ein Bett, sondern auch seine Musiktruhe. Wenn er in seinem Geschäft war und ich allein in der Wohnung meiner Großeltern bleiben durfte, habe ich mich getraut, auf die elfenbeinfarbenen Knöpfe zu drücken und zu warten, bis das magische Auge des Radios aufglomm. Unten links war eine Klappe, hinter der seine Schallplatten standen. In einem Ständer, dessen Metallstangen mit feinem Stoff bezogen waren.

Damals wurden Singles oft noch ohne Cover verkauft, sie steckten lediglich in einer Papierhülle, die in der Mitte das runde Etikett freigaben. Er musste nicht weit laufen, um seine Schallplatten zu kaufen. Schräg gegenüber vom Eingang seines Geschäfts befand sich eine Musikalienhandlung, die einen abgerundeten Edward-Hopper-Nighthawks-Tresen hatte, in dem telefonartige Hörmuscheln stakten. Im Verkaufsgespräch benutzte der Besitzer die verschiedenen Plattenteller für die Präsentation seiner Empfehlungen und zeigte auf die entsprechenden Hörmuscheln.

Weil mein Großvater zwar sehr geizig war, aber als Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes auch gewisse Verpflichtungen hatte, besaß er relativ viele Schallplatten aus dem Fundus seines Nachbarn. Der überwiegende Teil war Marschmusik von blechlastigen Orchestern. Was ich nicht verstehen konnte, weil er in seinem Leben bereits in zwei Weltkriegen schlechte Erfahrung mit längeren Fußmärschen gemacht hatte.

Die beiden einzigen Singles, die meinen Geschmack auf Anhieb trafen, waren von Sandie Shaw. Vermutlich war mein Großvater auf sie aufmerksam geworden, weil sie 1967 mit „Puppet on a string“ den Eurovision Song Contest in Wien gewonnen hatte. Ironischerweise sah sie – aber das habe ich erst viel später bemerkt – drei Jahre zuvor bei „(There’s) Always Something There To Remind Me“, der zweiten Single aus der Musiktruhe, der jungen Version meiner Großmutter ungemein ähnlich. Zwar konnte mein Großvater kein Englisch, aber ich mag die Vorstellung, dass er bei der Zeile „I was born to love her, and I will never be free“ unwillkürlich mit dem Fuß mitwippte.

Links-Rechts-Forschung

verkehrsschilder

Das Verkehrsschild „Wildwechsel“ trägt in der Straßenverkehrsordnung die Nummer 142 und hat die Varianten 142-10 bei Rechtsaufstellung und 142-20 bei Linksaufstellung. Der Hirsch springt also mal von rechts und mal von links auf die Fahrspur. Auch die Kinder (8 und 5 Jahre, beide sehr unvorsichtig) (Verkehrszeichen Nr. 136) und der Fußgänger (sehr große Schrittweite) (Verkehrszeichen Nr. 133) können von beiden Seiten in den fließenden Verkehr eingreifen. In zwei Schildvarianten fallen auch Felsbrocken auf die Fahrbahn, nähern sich Rinder, Fahrräder und Seitenwinde.

Es ist eine Diskriminierung der gesamten Tiefbaubranche, dass lediglich der Bauarbeiter (Verkehrszeichen Nr. 123) seit Menschengedenken seine Schaufel nur von links kommend in einen schwarzen Sandhaufen steckt. Ich habe schon mehrfach geistig flexible Bauarbeiter dabei beobachtet, wie sie einen Sandhaufen geschickt von verschiedenen Seiten abgetragen haben.

Nebenbei sollten Verkehrsteilnehmer dezent darauf hingewiesen werden, dass sowohl Bauarbeiter, die ohne einen entsprechenden Sandhaufen unterwegs sind, als auch weibliche Rehe ohne imposantes Gehörn eine Gefahrensituation verursachen können.

Seniordipity®

EBOOX

Im Straßenbild unserer überalterten Gesellschaft sind Rollatoren häufiger als Kinderwagen und ihre Präsenz wird noch zunehmen: Rollatoren werden die Mobilität der 30er Jahre des 21. Jahrhunderts prägen und bei gleichzeitig zu erwartender Altersarmut der digitalen Bohème sind neue Konzepte zur Unterfütterung der Mindestrenten gefragt.

Seniordipity® ist ein nahraumfokussiertes Paketdienst-Modell, das die Dezentralität der konzentrisch kreisenden Seniorenschwärme nutzt und ihre Rollatoren mit einer intelligenten geobasierten Plattform vernetzt. Das Ablagebänkchen der Rollatoren spielt dabei eine zentrale Rolle.

Der per Smartphone eingeloggte Seniordipity®-User betritt mit seinem Paket die Straße vor seinem Haus, wo ihm ein von Seniordipity® zertifizierter Rollatorfahrer das Frachtstück abnimmt und auf dem Ablagebänkchen parkt.

Das Ungewöhnliche an dieser neuen Art des Transports: Trotz der vermeintlichen Immobilität der Boten und ihrem eingeschränkten Aktionsradius erreicht das Paket seinen Empfänger in innerstädtischen Milieus deutlich schneller als auf dem herkömmlichen Weg, weil die Wege von der Paketannahme zum Zentrallager und von dort zum Empfänger wegfallen.

Die Praxis: Seniorin 1 rollt bis zum Park. Dort signalisiert ihr Smartphone, dass sich Senior 2 nähert, der bis zur chemischen Reinigung übernimmt, wo wiederum Seniorin 3 zur Stelle ist, die bis zum Edeka weiterfährt – und so fort. Innerhalb weniger Stunden können so große Strecken überwunden werden. Die Bezahlung erfolgt – das ist der Vorliebe von Senioren für Hartgeld geschuldet – mit Münzen, von denen auf dem Weg zum Empfänger jeweils Kleinbeträge für die geleisteten Wegstrecken abgezweigt werden. P.S.: Der Börsengang ist für 2020 geplant.

Wunder geschehen

wunder

 

Das Hotel, das sich meine Großeltern für die Feier ihrer Goldhochzeit 1983 aussuchten, war kein „großes“ Hotel. Aber das passte, weil meine Großeltern auch kleine Leute waren. Groß war das Hotel in Bad Neuenahr trotzdem. Es war eine Art „Bierkönig“, nur ohne Mittelmeer. Eine rustikal furnierte Weinschwemme mit der damals so beliebten indirekten Beleuchtung, die mit der Farbstimmung von Kühlschrank-Gemüsefächern jedem Gast im Raum einen fahlen selleriefarbenen Teint verlieh.

Auf den Fliesen des riesigen Schankraum verloren sich die kleinen Körper meiner Oma und meines Opas. Ihre beiden Söhne mit Ehefrauen und zwei Enkel – das war schon die gesamte Gesellschaft. Meinem Opa gefiel es, die Koteletts waren „groß wie Abtrittsdeckel“, meine Oma mochte den lieblichen Wein und irgendwie hatten die beiden sich im Laufe ihres Lebens so oft mit den Verhältnissen arrangiert, da kam es auf diesen Abend auch schon nicht mehr an.

Eine Sache war allerdings komisch: Es gab keine anderen Gäste im Restaurant. Nur vor den geöffneten Schiebetüren zum Treppenhaus sah man junge Männer vorbeiziehen. In dunklen Polizeiuniformen, mit ledernen Dienstmützen. Sie kamen oft paarweise, hielten sich an den Händen oder umfassten mit ihren Armen den Rücken ihres Kollegen. Manchmal küssten sie sich auch auf dem Treppenabsatz zum Untergeschoss. Meine Oma war interessiert, so etwas hatte sie noch nicht gesehen. Sie wunderte sich allerdings, dass so viele Polizisten an einem Wochenende und nach Dienstschluss Uniform trugen.

Später – es müssen schon drei- oder vierhundert junge Männer im Untergeschoss versammelt gewesen sein – hörte man durch die Decke Klangfetzen der „Village People“, zu denen immerhin auch ein Polizist gehörte. Das wusste meine Großmutter nicht und dass Gloria Gaynor sich vornahm, nach einer Trennung zu überleben, konnte sie aufgrund der Sprache nicht verstehen. Was meine Großeltern allerdings rührte, war der Part mit der Live-Musik. „Und jetzt“, schallte es durch das Treppenhaus, „die neue Zarah Leander!“ Eine sehr tiefe Männerstimmte stimmte unter Applaus „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ an.

Den Film, aus dem das Lied stammte, hatten sie gemeinsam 1942 gesehen. Kurz bevor mein Großvater in den Krieg zog, aus dem er erst 1949 mit einem Pappkoffer zurückkehrte. Liebe ist ein Wunder, das Überleben ist ein Wunder und vieles andere auch.

 

Helena

helena

Das Bild der kleinen Helena aus dem Rijksmuseum läuft mir schon länger hinterher. Sie war erst zwei Jahre alt, als Gerard ter Borch II. sie malte und ich rätsele, was mich an dem Bild so begeistert.

Natürlich sieht sie aus wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur. Außerdem haben ihre Kleider einen sehr erwachsenen Look, aber das trug man im Barock angeblich so. Wäre sie nicht ein winziges Kind, würde die Form ihrer Handtasche darauf hindeuten, dass sie ein Straußenei transportiert. Für ein Hühnerei wiederum ist die Tasche zu groß. Eventuell führt sie ein Gänseei oder ein Meerschweinchen mit sich. Zu so einer wahnsinnigen Handlung würden auch die stark vergrößerten Pupillen passen.

Die Nelke indes ist eine Allegorie – sie steht für ein langes Leben und die Hoffnung auf eine himmlische Nachspielzeit. Tatsächlich starb Helena jedoch schon mit 25 Jahren. Wahrscheinlich war das im Barock ein normales Alter, damals fand man 1,60 Meter ja auch groß. Aber was weiß denn ich, ich habe doch von Kunst keine Ahnung.