Hinter Glas

Es ist der Sommer deiner großen Sonnenbrille. Sie ist so groß, dass du im Augenwinkel die Haarsträhne über deinem eigenen Ohr sehen kannst. Die Brille mildert die Kontraste und lässt Regenfronten als heitere Cumuluswolken erscheinen. Dein Kopf bleibt ruhig und hinter dem braunen Glas ist dein neugieriges Augenspiel nicht zu sehen.

Die Brille macht dich unsichtbar und das ist dir recht. So nimmst du unbemerkt einhundert Details in der Minute wahr, baust sie in kleine Geschichten ein, formulierst und verwirfst. Zu viel Material, um alles zu verarbeiten. Aber es ist Teil deines Plans, möglichst viel von dieser Welt zu verstehen und dich eines Tages selbst mit dem großen, alles erklärenden Roman zu überraschen. Wenn du die Augen ganz leicht zusammenkneifst und nur auf die spiegelnde Innenseite der Gläser achtest, kannst du schon einen Blick auf die Protagonistin werfen. Sie ist eine starke, sich entwickelnde Figur.

Never Mind the Bollocks

Ein Sommeridyll am Wasser. Kaum ein Windhauch, angenehme 24 Grad. Gleich am Ufer baut ein junger Deutschrusse seinen Grill auf. Er hat Kohle, Brandbeschleuniger und vor allem – kein Grillgut. Offenbar haben ihn seine Freunde versetzt. Seine Pose wechselt zwischen der des selbstbewussten Kugelgrill-Besitzers und der hyperaktiven Verzweiflung, ein Feuer entfacht zu haben, das ganz fleischlos vor sich hin lodert. Im Minutentakt zückt er sein Klapphandy und wird mit jedem Anruf ärgerlicher. Er möchte an diesem Samstagabend so gerne ein echter Mann sein, kippt aber wie ein Stimmbrüchiger immer wieder in eine kindliche Ungeduld.

Vor ihm, auf einer Dreigenerationen-Decke, lagert eine Familie. Das Kind krabbelt, Eltern und Oma simulieren in Grasnarbennähe pädagogisch wertvolle Knochenlosigkeit. Nur der Großvater steht.

Gute siebzig Jahre, bestens erhalten und modisch abenteuerlustig. Zum gestreiften Businesshemd mit weißem Kontrastkragen trägt er eine Gastwirts-Lederweste. Sein Gesicht ist tiefbraun und seine beneidenswert keilförmige Curd Jürgens-Figur macht ihn zu einer stattlichen Erscheinung. Mit verschränkten Armen peilt er mal hierhin, mal dorthin und scheint gedanklich vom familiären Wolldecken-Ensemble abgekoppelt. Ab und zu beobachtet er den Jungen, der um seinen Kugelgrill herumtanzt. Seine Miene bleibt ohne Regung, nicht einmal die selbstmörderischen Flammenwerfer-Spiele mit dem Brandbeschleuniger bringen seine Augenbrauen in Bewegung.

Die Szene beobachtend, fühle ich mich plötzlich als Mittelgeneration zwischen den beiden und pendle mit den Augen zum nervösen deutschrussischen Hip-Hop-Style am Ufer und zurück zum Siebzigjährigen. Und bin erschrocken, weil mir bewusst wird, dem Älteren der beiden sogar in Jahren näher zu sein.

Als Babyboomer gehöre ich zu denen, die nicht wie ein Hummer in das heiße Wasser eines irritierenden Informationszeitalters geworfen wurden. Meine Generation hat begonnen, sich für Musik zu interessieren, als „Never Mind the Bollocks“ noch nicht erschienen war und Pop gerade eben begann, sich zu diversifizieren. Es gab drei schwarz-weiße Sender und Ende der 80er saßen wir zum ersten Mal staunend vor 9.6k Modems und warteten auf den Aufbau von BTX-Seiten. Bis jetzt waren wir nie zu alt für den nächsten Schritt.

Hier auf meinem Stuhl in der Sonne sitze ich nun in der Mitte zwischen einer Generation, die sich lediglich entscheiden musste, ob sie sich auf die Seite von Rudi Schuricke oder Chuck Berry schlägt. Und einer, in der die Grenzen zwischen den Gruppenzugehörigkeiten zerfasern. Deren komplizierte Chiffren für mich jedoch nur noch andeutungsweise zu lesen sind.

Der zwanzigjährige Solo-Grillmeister empfängt seine unpünktlichen Freunde. Angewinkelte Testosteron-Fäustchen treffen sich in Schulterhöhe und die tiefgefrorene Grillplatte für 3.99 Euro rasselt klirrend auf den Grillrost. Im Vordergrund nimmt der Großvater eine Frikadelle aus der Tupperbox in Empfang und isst sie manierlich aus einer Advents-Serviette.

Jetzt, so mitten dazwischen, frage ich mich, wie wir Babyboomer uns in 25 Jahren am Strand treffen werden? Wird uns die Weigerung zu altern, zu lächerlichen Figuren machen? Werden wir in pastellfarbigen Freizeitanzügen auf der Wolldecke sitzen und uns über die Musik unserer Jugend unterhalten? Werden wir weiter versuchen, Stile zu imitieren, die uns ohnehin nur noch als kommerzialisierter Mainstream erreicht haben? Werden wir endlich alt sein dürfen oder müssen wir unseren Hüftschaden unter Baggy-Pants verstecken?  Vielleicht können wir aber auch einfach nur auf das Wasser schauen und mit etwas Glück ist sogar noch eine Frikadelle übrig.

Salah

Februar 1988. Meine Freundin liegt in einem Zweibettzimmer im Klinikum auf dem Bonner Venusberg. Eigentlich sehr ruhig. Bis auf die quietschenden Reifen auf dem Gang. Draußen trainiert Salah Shabini mit seinem Rollstuhl. Er ist gerade eben dreizehn Jahre alt geworden und bedient die beiden großen Hinterreifen wie ein Sportgerät . Vorbei an seinen Wheelies und Powerslides balancieren Pflegerinnen die Plastikhauben mit Erbsen und Möhren.

In seiner Waghalsigkeit stürzte er von einem  Klettergerüst in Teheran. Die Hoffnung, es könne sich um eine operable Wirbelkörperfraktur handeln, ließ seine Eltern ihr Erspartes in einen Flug nach Deutschland umsetzen. Aber es ist nur genug Geld für diesen einen Flug vorhanden und nach der endgültigen Diagnose Querschnittlähmung bricht der Telefonkontakt ab. Das letzte Gespräch ist jetzt vier Monate her und Salah weiß das noch nicht. Die Klinik setzt hinter den Kulissen alles in Bewegung, um die Eltern zu erreichen und richtet zugleich Salah, der eigentlich längst in einer Rehabilitations-Klinik besser aufgehoben wäre, ein kleines Stück Alltag ein.

Er kann ein bisschen Englisch, inzwischen sogar ein wenig Deutsch und beherrscht vor allem ein charmantes Ganzkörper-Esperanto, das keine Lähmungserscheinungen kennt. Als Ortskundiger zeigt er mir die Klinik, führt mich in Räume, die eigentlich für Besucher verboten sind und stellt mir seinen Kosmos vor. Dass er längst die Ahnung hat, seine Eltern könnten ihn vielleicht nie abholen werden, ahnt man nur in der Zehntelsekunde, in der der mitgebrachte Kaugummi platzt und einen zu frühen Blick in seine Augen freigibt.

Wie es weiterging für Salah, der heute 36 Jahre alt ist, habe ich nie erfahren. Ich bin sicher, es geht im gut.

SEO

„Bist Du schon bei Facebook?“ werde ich oft von SEO-Experten gefragt. Ich verneine und sage, dass ich bei BILD erfuhr, dass ich es halten solle wie Christian Wulff: Ein einfacher GMX-Account reiche allemal, für das Wetter solle ich mir eine Wetterstation bei eBay ersteigern. Oder eines der günstigen Modelle im Amazon Marketplace kaufen. Ansonsten liefen die schönsten Filme über Berlin und Bayern sowieso inzwischen auf YouTube und die News könne man ebensogut im TV gucken. Nun heißt es aufhören, denn mehr Suchmaschinenoptimierung in einem einzigen Absatz wirkt selbst auf die Robots von Google verstörend.

Pferde

159 Euro für ein Pferd. Das scheint nur auf den ersten Blick preiswert, denn die Folgekosten sind enorm. Ich will gar nicht über die Stallmiete oder das Futter sprechen, sondern an Hufrehe, Mauke und Koliken erinnern. Nehmen Sie den Badminton-Pokal, der ist langfristig die günstigere Wahl.

Echt jetzt?

Eins muss man dem Internet lassen: Es hat nicht nur die Geschwindigkeit und die Form von Informationsverbreitung verändert, es hat im Umfeld einer bis zur Kenntlichkeit bearbeiteten Amateurfotografie auch die Frage nach der Wahrhaftigkeit von Kommunikation neu entfacht.

Authentizität ging plötzlich allen ganz leicht über die Lippen. Besonders seit Version 2.0 der Netzgeschichte ist das vermeintlich Echte das Zauberwort. Die weltweite Verbreitung einer möglichst banalen persönlichen Nachricht, das ist die Fallhöhe, aus der die Möglichkeit zum schnellen und persönlichen Eingriff in den Nachrichtenstrom des Netzes seinen Charme bezieht. Oder wie es Tim Siedell alias @badbanana sagt: „China hat Twitter blockiert. Jetzt haben 1,3 Milliarden Chinesen keine Ahnung, was ich zu Mittag esse.“

Die Kongruenz zwischen Lebensführung und Lebensäußerung gilt als besonders „echt“. Im Web 2.0 empfinden viele Schreibende die persönliche Nähe zum Geschriebenen als Vorsprung vor dem herkömmlichen Journalismus. Allerdings ist die eigene Betroffenheit nicht unbedingt so eine gute Basis für Neutralität und möglicherweise ist die Unbezahltheit zwar vordergründig nicht „böse und korrupt“ – macht es aber umso schwerer, auch mal ohne Ergebniserwartung in zwei Richtungen zu recherchieren. Und eine Geschichte dann gar nicht oder ganz anders zu schreiben.

Um es schnell wieder niedriger zu hängen: Natürlich dokumentieren die Kuschel-Bloggerinnen von Utah bis Tallinn mit sprachlichen und fotografischen Mitteln ihre eigene Wohnung. Aber in der gleichgeschalteten Sehnsucht nach dem Marmeladenkochromantik-Cocooning ist ihre Sprache und Bildsprache vorhersehbar und längst von der Industrie gierig aufgesaugt.  All diese zugequilteten Sofas, diese Eames-Chairs und im Sprung unscharfen Deko-Katzen. (Vermutlich eine Photoshop-Aktion.) Viele weibliche Blogs sind durch eine harte Apartmenttherapy gegangen, der zweite Vorname von Modebloggerinnen lautet „Carrie“ und jede mit Instagram veröffentlichte Frikadelle möchte ein Hackbraten von Julia Child sein. Die eigene Wahrheit will doch viel lieber einen Style als eine Selbsterkenntnis.

In diesem Zeitalter nach dem Zeitalter, in dem sich Madonna noch ständig neu erfand, ist  Authentizität zwar nach wie vor die Behauptung der „Eigentlichkeit“, aber eigentlich ist sie viel mehr die Perfektionierung der Verschleierung einer Täuschung.

Es ist egal, ob ich im Chat von den Freuden meines Managerlebens berichte, im Facebook-Album sonnengegerbt vor der „Sansibar“ sitze oder mir unter Schmerzen ein Wortspiel über vermeintlichen Liebeskummer abringe: Jeder, der sich in Echtzeitmedien bewegt, gibt von sich preis, was er preisgeben möchte. Bewusst handelnd oder unbewusst Vorbildern folgend, gießt er es in eine Form und spielt auch mit der Frage, ob die Projektion des Lesenden nicht möglicherweise besser mit einer geschönten Wahrheit umgehen kann.

Vernissage

„Guten Tag, wir haben uns noch nie gesehen, aber ich möchte Ihnen etwas unterstellen: Sie haben ein Leben lang darauf gewartet, bei einer Ausstellungseröffnung auf dem kleinen Stühlchen hinter der Besuchermenge  sitzen zu dürfen. Offiziell natürlich, weil sie nicht so lange stehen können. (Zwar glaubt man Ihnen, aber Sie sind so fit wie eine 55jährige.) In Wirklichkeit ist das hier die willkommene Gelegenheit, endlich mal die Reden auszulassen und sich danach ganz den Bildern und dem Sekt zu widmen.

Ich könnte Ihnen auf den Kopf zusagen, dass sie als Kind Huckleberry Finn lieber als Nesthäkchen mochten. Natürlich schneiden Sie vor dem Spiegel manchmal Grimassen und lachen mit Schluckauf, wenn Sie mit ihren furchtbar langen Schnallenschuhen eine Charleston-Figur ausprobieren. Vielleicht ist das alles nur Unsinn, aber ich habe mit führenden Faltenexperten gesprochen: Diese wunderbaren Krähenfüße in den Augenwinkeln muss man sich so hart erarbeiten, dass man es nur mit einem kindlichen Gemüt schafft.“

Foto: Vernissage anlässlich der Wiedereröffnung Von-der-Heydt-Museum 25. März 1990

Striptease

1987 hieß RTL noch „RTL plus”, sendete gerade mal acht Stunden lang und der Programmhöhepunkt war Knight Rider. Von einer Marktführerschaft war man weit entfernt, von Reichweiten im terrestrischen Antennennetz auch. Der Empfang auf meinem Grundig-Gerät ließ sich nur steigern, indem ich alle abwärts führenden Kabel im Antennenschacht des Mehrfamilienhauses auf meinen Anschluss lötete.

Wie geradezu rührend keusch die 1980er Jahre waren, lässt sich gut an der fünfminütigen Stripshow zum täglichen Programmschluss gegen 23 Uhr ablesen. Als „Betthupferl“ zogen sich Speditionskaufmänner und Metzgereifachverkäuferinnen vor einer sparsamen Deko aus. Meist war das einzige Requisit der Stuhl, über den sie ihre schultergepolsterten Blusen warfen. Die laienhafte Vorstellung eines professionellen Lap Dances wurde dabei musikalisch von Samantha Fox und Bon Jovi untermalt. Die Sorte Musik, die man im Autoradio hört, sobald man die Moseltalbrücke Richtung Süden überquert hat.

In der – vermutlich von Nostalgie geprägten – Rückschau war diese unbeholfene Erotik, die vor allem im Zeilenfall des Fernsehers knisterte, aufregender als die der Jetztzeit. Amateure, die nach dem Fall der Unterhose blitzschnell ihre Jackson-Five-großen Schamhaarbüsche mit der Hand bedecken, lassen der Phantasie einfach mehr Raum als die darmspiegelnde Nacktheit des Internets.

Fotos: Serie von SX-70 Polaroid-Screenshots, 1987