Kurzfilmskript

Ein verglaster Konferenzsaal in einer Werbeagentur. Aus den Fenstern Blick über einen Fluss, an den Wänden eine Galerie völlig identischer schwarzer Kreativpreise, dazu schwarze Regale und Neonröhren.

Kameraschwenk über ein sogenanntes Mood-Board. An einer Metallwand hängen Laserausdrucke zum aktuellen Projekt. Es geht offenbar um eine Charity-Kampagne zum Thema Hunger. Im Meeting sitzen fünf Kreative.

„Ich habe mir das so vorgestellt, weißt Du – einfach nur so’n Brot. Ganz clean fotografiert und dann darüber eine hauchfeine Typo: Hunger.“

„Ganz starkes Key-Visual! Das zielt so was von auf die Grundbedürfnisse ab.“

„Weil – das ist doch die USP von Armut: Eine kaputte Brille, ein Glas Wasser, eine Handvoll Reis.“

„Ludger, die Geschichte ist doch eigentlich fertig. Das Ding ist gekauft. Ab-so-lut perfekt. (High-five mit Ludger) Kinder – sagt mal, können wir mal kurz einen Break einlegen? Holger will mal eben die Winterreifen-Kampagne vorstellen. Seid Ihr da weitergekommen?“

Holger stellt ein paar Pappen auf eine Präsentationsschiene.

„Also. Ganz einfache Geschichte. Headline: Wir haben das Rad neu erfunden. Motiv: Ein Kinderwagen auf der Autobahn, Bremsspuren, die ganz knapp am Kinderwagen vorbeigehen. Der Claim. Für alle, die nicht unter die Räder kommen wollen.“

„Ganz starkes Key-Visual!“

„Holger, die Geschichte ist doch eigentlich fertig. Das Ding ist gekauft. Ab-so-lut perfekt.“

(Alle klatschen sich ab)

Draußen hört man Reifen quietschen. Ein Autofahrer verfehlt haarscharf einen Kinderwagen und überfährt wenige Meter weiter einen Bettler.

Wuppertal Hbf

Sechs Jahre lang wohnte ich unmittelbar über dem Wuppertaler Hauptbahnhof. Ein Haus am Hang, Gleis 6, die Scheiben einfachverglast. Aber ich war stoisch genug, um mich schließlich nur noch über Fahrplanänderungen und Personenschäden zu wundern.

Jeder Weg in die Stadt führte durch den langen Bahnhofstunnel, den die Wuppertaler nicht nur aufgrund seiner Form Harnröhre nennen. Der Tabakhändler kannte schnell meine Marke und die Kioskfrau meine Vorliebe für kleine Papiertüten mit sauren Stäbchen und Lakritzschnecken.

In sechs Jahren lernte ich im Vorübergehen den Tagesablauf aller Menschen kennen, für die der Tunnel mehr als nur ein Verkehrsweg war. Ich wunderte mich nicht mehr darüber, dass Jehovas Zeugen das Armageddon ausgerechnet in dieser relativ weltuntergangsresistenten  Röhre erwarteten. Irgendwann kannte ich auch alle Wohnungslosen und wusste, wer nachts vor welchem unterirdischen Friseursalon campierte und wer nach einer geschenkten Zigarette nicht in Nachverhandlungen eintrat.

Die Konstante des Tunnels, auf die ich mich täglich freute, war die Gitarristin, deren Namen ich nie erfahren habe. Ihr Stammplatz war zwischen Bahnhofsbuchhandlung und Tabakladen, ein gemauerter Zwischenraum – gerade mal zwei Ziegel breit. Der kleine Spalt reichte ihr als Bühne für ihre Auftritte. Ihre sparsamen Bewegungen und ihre Gestalt passten zu diesem Minimalismus.

Sie war so alt wie ich, erschreckend dürr und unterstrich ihre Karl-Valentin-Figur durch weite selbstgestrickte Pullover. Ein plustriger Minipli ließ ihr Gesicht vogelartig erscheinen. Doch ihre Folkstimme schlug alle Durchsagen, übertönte das Grundrauschen der Passanten und der Rolltreppe zum Reisezentrum. Nie hatte ich jemanden so wunderschön singen hören.

Ihr Lieblingslied „Leaving On A Jet Plane“ schnitt glasklar durch den Tunnel und war bis auf das Gleis zu hören. Dank ihr verstand ich, dass dieses Lied nun wirklich nicht  von Flugreisen handelte. Sondern eigentlich nur von allen anderen Abschieden, die noch kommen würden und für die ein gepackter Koffer nützlich wäre.

Zugleich war jeder Akkord ihrer Gitarre, jede Zeile des Liedes eine Vertonung ihrer eigenen Ortlosigkeit. Ihre traurige Gestalt wollte sich und anderen Mut machen. Und zwar nur an diesem Ort des Kommens und Gehens. Ich sah sie in den Jahren mit ihrem Gitarrenkoffer mal durch Straßen und Parks spazieren, einmal sogar an den Zaun eines Fußballplatzes gelehnt – spielen hörte ich sie nur zwischen Tabakladen und Bahnhofsbuchhandlung.  Ihr Leben in diesem Tunnel ließ sie schneller altern als mich, sie wurde noch magerer und irgendwann war sie verschwunden.

Dreizehn Jahre nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, traf ich sie wieder. Die karitativen Verbände luden am heiligen Abend zu einer großen Weihnachtsfeier für Wohnungslose und Einsame in der Stadthalle und ich hatte mich als Hilfskraft gemeldet. Mein Part war es, eine Tafel von dreißig Personen mit  Braten, Rotkohl und Klößen zu versorgen. Es war laut, warm, lustig und melancholisch.

Nach dem Essen die Festansprache. Der Bürgermeister war verhindert und ein Beigeordneter hatte Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Das wenige, was durchdrang, war ohnehin erwartbar. Nach seiner Rede schob ein Pastor das Mikrofon in die Bühnenmitte und eine Gitarristin mit Minipli tauchte hinter ihm auf. Sie sprach kurz über die Veränderung, die ihr Leben in der letzten Zeit genommen hatte. Zum Glück gehörte dazu auch eine nagelneue dunkelrote Cordhose und eine deutliche Gewichtszunahme.

Dann griff sie ihre Gitarre und spielte zum ersten Mal außerhalb des Bahnhofs. Mit einem richtigen Mikrofon und auf der Bühne, auf der sonst Startenöre auftraten. Bei „Don’t know when I’ll be back again“ musste ich sehr dringend mit einem Tablett in die Küche.

Gedankensplitter

Zwischen den Heidepflanzen ragen Gedankensplitter aus dem Sandmoorboden. Wo große Birken und kleine Eichen den Waldweg verdunkeln, stand einmal ein Bauernhof. Viel gutes Porzellan wurde hier zerschlagen. Der Bauer und seine Frau gingen grußlos auseinander und kauften sich bei IKEA Starterkits. Er in der Filiale Hamburg-Schnelsen, sie in Moorfleet.

Aus der Lebensbeschreibung meines Urgroßvaters [1908]

[…]

Mein Vater wurde immer stiller und gebückter, und als der Monat August ins Land zog, legte sich mein Vater zu Bett, von welchem er nicht mehr aufstehen sollte. In den ersten Tagen des Monats August in den Vormittagsstunden ist er sanft verschieden. Ich war an seinem Sterbelager nicht zugegen und war ich während dieser Zeit in der Nachbarschaft, diese zu einem Pilgergang nach der nahen Kapelle zu beordern. Unsere Nachbarschaft lag sehr zerstreut so dass ich längere Zeit abwesend war und als ich heim kam traf mich die Nachricht von dem Tod meines Vaters wie ein Keulenschlag. Drei Monate waren seit dem Tod meiner Mutter vergangen und schon wieder  hielt der Tod seinen Einzug und nahm uns unser letztes, was wir noch auf Erden hatten. Wir waren nun ganz verwaist und sollten wir nun die bittere Fremde mit der Heimat vertauschen. Die Heimat weiß nur derjenige zu schätzen  der so jung und so lange das Brot bei fremden Leuten genossen hat.

Von jetzt begann für uns alle ein neuer Abschnitt im Leben. Nachdem auch mein Vater zur letzten Ruhe bestattet worden war, wurden wir alle auseinander gerissen.

Am Beerdigungstage meines Vaters wurde unser Elternhaus geschlossen und das Vormundschaftsgericht trat in seine Rechte. Der schon früher erwähnte Schömger wurde unser Vormund unser Haus, Scheune, Land usw. auch unser gesamtes Mobiliar, Vieh und Ackergeräte wurden nach einem Termin öffentlich meistbietend verkauft und hat unser Vormund das Haus nebst Scheune und ich glaube auch das Land angekauft.  Es blieb für uns nichts übrig und habe ich somit auch nicht das kleinste Andenken an meine Eltern übrig gehalten.

[…]

Hof Bahz

Inzwischen war im Gemeinderat über mein Wohl und Wehe entschieden worden und im Monat September musste ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen nehmen und wieder wandern. Dass mein Vormund mich nicht zu meinem Bruder behalten konnte war ja klar und darum war ein neues Quatier für mich gemacht worden. Ich zog also nach einem größeren Bauern mit Namen  Teven und zwar zwischen Heidhausen  und Hüls wohnhaft. Es waren dies zwei größere Gehöfte welche am Bahz genannt wurden.

Die Gemeinde bezahlte eine Entschädigung an diesen und das übrige musste ich außer der Schulzeit verdienen.

[…]

Das Gehöft bestand aus Wohnhaus, daran anschließend Futterhaus mit Stallungen und dahinter 2 große nebeneinander liegende Scheunen.  Der Viehbestand war ein Pferd, ein großer Stall Kühe wofür eine Magd war, welche, was hier gleich bemerkt sei, ein gutes Mädchen war und mir manchmal tröstend zur Seite stand. Außer dem vorgenannten Viehbestand war noch eine Partie Schweine, Hühner, Enten, Truten usw.

Hier kann ich sagen, habe ich zuerst meine Eltern vermisst und habe ich manchmal geweint, wenn ich sah, dass man als fremd betrachtet wurde und für die Unarten der eigenen Kinder geschimpft wurde; und verteidigen durfte ich mich nicht, denn Flegelstreiche hatte ich alle allein gemacht und dann war es wieder die Magd die mir half und zu der ich mich hingezogen fühlte. Beim Essen saßen wir allein und von all den dort stattfindenden Kaffeekränzchen bekamen wir beide nichts zu sehen.  Hierzu waren Lehrer und Lehrerinnen usw. geladen. Mein Bett stand oben auf dem Speicher, nicht etwa in einem Zimmer sondern frei und Ratten und Mäuse machten mir ein Schlummerlied.

Obwohl ich noch ein Kind war, so fühlte ich hier die Fremde schon so recht und obwohl ich nicht alles verstand so merkte ich doch, dass ich erst in vierter oder fünfter Linie kam. Mittwochs verließ ich bereits um 10 Uhr die Schule, denn Punkt 12 Uhr war die Dreschmaschine in Betrieb, welche stets mit 2 Pferden bespannt war. Das Herunterwerfen der Garben in der Scheune war meine Beschäftigung, welche mir allein oblag. Das dieses keine leichte Arbeit war für mich mit elf Jahren auf so einem Fruchthaufen ist begreiflich zumal ich manchmal nicht verstand wie die Garben gelegt waren und der Fruchthaufen einen Durchmesser von ungefähr 10-15 m hatte. In der Zwischenzeit war eine kleine Kaffeepause. Es wurden dann die Pferde gefüttert und die angesammelten Frucht- und Strohhaufen etwas beiseite geschafft.

Weiter Abschlag

Sein Zimmer roch, obwohl gelüftet, nach Pellkartoffeln und nach Mensch. Scharf gefaltet zeigte die Rückseite seiner Zeitung die Todesanzeigen. Drei der fünf Verstorbenen kannte er. Ein ehemaliger Kunde, die Schwester eines Vereinskameraden und eine Beerdigung, die er würde besuchen müssen. Die Mutter einer seiner früheren Verkäuferinnen, eine kräftige Frau, die vor dreißig Jahren ihre schüchterne Tochter bei ihrem Vorstellungsgespräch begleitete. Wie alle anderen Toten auf der Zeitungsseite war auch sie jünger als er.

Stille. Alle fünfzehn Minuten ein kurzer Glockenschlag, alle dreißig Minuten zwei und kurz vor der vollen Stunde das Schnurren der Uhrkette. Dazwischen nur sein eigener Atem, dessen unangenehmes bronchiales Rasseln ihm erst bewusst geworden war, seit er allein in diesem Haus wohnte.

Er schob die Gardine mit dem Stock zur Seite. Die Sandsteinplatten der Garageneinfahrt blendeten ihn. In der Mitte, gleich hinter dem vergitterten Tor lag ein Fußball in der Sonne und warf einen harten Schatten. Warum, fragte er sich, hatten sich die Kinder nicht bemerkbar gemacht? Weil man bei einem fast Toten nicht klingelt? Weil sie Angst vor ihm hatten?

Sicher nicht, weil sie ahnten, wieviel Kraft es ihn kostete, die steile Treppe ins Erdgeschoss hinabzusteigen. Über den ausgetretenen Läufer, der an einigen Stellen lose in seiner Messingbefestigung hing und durch die kühle Garage, mit dem Stock an seinem lange nicht benutzten Wagen vorbeitastend.

Als er das Holztor zur Einfahrt öffnete, nahm ihm die Hitze den Atem und ihm fiel auf, wie kalt sein Haus war. Er trug ein langes Unterhemd unter seinem offenen Hemd, darüber eine Strickjacke, mitten im Juni. Langsam näherte er sich dem Tor, konnte aber die Kinder nicht sehen. Nur ihr Lachen konnte er hören, nicht weit entfernt auf der großen Asphaltfläche neben seinem Grundstück.

Er nahm den Ball auf und wog ihn in der Hand ab. Ein schöner Lederball, sauber vernäht und noch ohne jeden Kratzer. Plötzlich fühlte er sich so kräftig wie schon lange nicht mehr. Er hing seine Strickjacke am Zaun auf und lehnte den Stock an. Mit beiden Händen tippte er den Ball auf und freute sich über das Gefühl, die zurückspringende Lederkugel zu fangen. Behutsam legte er sich den Ball zurecht. Einen Abschlag wollte er wagen. Heraus aus seinem Grundstück, über die Hecke hinweg. Er stellte sich vor, wie der Ball auf dem Parkplatz neben seinem Haus einmal elegant auftippte und den Kindern vor die Füße sprang.

Sein rechter Fuß traf den Ball perfekt. Sein linkes Bein knickte unter ihm ein und er verlor das Gleichgewicht. Hart schlug er mit dem Kopf auf den hellen Sandstein der Garageneinfahrt auf. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er die Kinder jubeln.

Nicht im Kreis denken. Sondern in Spiralen.

Eine gute Idee erkennt man nicht nur an ihrer Selbstverständlichkeit, sondern an der viel überraschenderen Tatsache, dass es zu dieser Lösung mal ein Problem gab.

Der kreative Prozess, der zu diesem Ergebnis führt, muss sich vom Aufgepäck der Realitäten, Bedenken und Zweifel lösen. Mit einem Denken in spiralförmigen Bewegungen, die sich vom Ursprung entfernen. Weil der Blick dabei nach vorn gerichtet ist, kreist man zwar um das Problem, entfernt sich aber zugleich von ihm und sucht nach neuen Perspektiven.

Bis man irgendwann einen Punkt auf der gedrehten Flugbahn erreicht, der zwar zu Fuß einige Kilometer von der ursprünglichen Aufgabenstellung entfernt ist – aber in der Luftlinie der Gedanken den kürzesten Weg zum eigentlichen Mittelpunkt darstellt.

Harald

Im Dschungel der Stadt finden die, die anders sind als der große Rest, immer ein passendes Blatt, auf dem sie zum unsichtbaren Chamäleon werden. Was fällt den abgestumpften Großstädtern schon noch auf? Jedenfalls nicht der Apatschen-Häuptling, der mit vollem Federschmuck und einer Flasche Kakao müde die U-Bahn-Treppe hinaufsteigt. Auch nicht die geflüstert vorgebrachten Warnungen der aufgeregten kleinen Frau, die behauptet, alles hier sei von einer geheimen Macht untertunnelt. In der Nähe des Esoterik-Stübchens stößt sie an guten Tagen sogar auf ein Interesse, das sie selbst überrascht.

Je kleiner die Stadt, umso weniger Anstrengung ist nötig, um aus der Art zu schlagen. Etwa die Marotte, auch an sehr heißen Sommertagen mit einem bodenlangen grauen Gummiregenmantel durch die Stadt zu gehen. In meiner Kleinstadt gab es rund 25 ausgewiesene Sonderlinge. Das macht einen Sonderling pro 1000 Einwohner und entspricht in etwa der bundesdeutschen Sonderlingsnormalverteilung. Hätte ich mein latent vorhandenes Verlangen ausgelebt, beim Gehen nach jedem dritten Schritt einen kleinen Hüpfer zu machen, ich hätte die Statistik versaut.

Die Sonderlinge fielen auf, natürlich wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt und manchen wurden sogar Obsessionen unterstellt. Gleichzeitig wurden sie oft durch familiäre Bindungen getragen oder hatten sogar einen Beruf. Selbst „Chicago“, ein hagerer Mann, der mit einem CB-Funkgerät in der Hand den Straßenverkehr regelte, wurde geduldet. Schließlich gab es nicht viel Verkehr und dort, wo er Menschen über die Straße leitete, war nun mal tatsächlich keine Ampel.

Schaukelpferd-Rolf, dessen Spitzname im bergischen Dialekt weniger brutal erschien, hieß so, weil seine jeweils um 90 Grad verdrehten Füße seinen gesamten Körper in eine schwingende Bewegung versetzten. Dieses weit ausholende Schaukeln war tragisch, passte aber andererseits ideal zu seinem freundlichen Grüßtick. Er hatte ein liebes Gesicht, lachte immer und grüßte links, rechts und dann wieder links. Zwischen den Schieferhäusern der dunklen bergischen Kleinstadt fiel das Grüßen traditionell sehr knapp aus, aber Rolfs wippender fröhlicher Gestalt konnte sich niemand entziehen und jeder mochte ihn.

Solange ich mich erinnern konnte, kehrte er samstags den Wochenmarkt und stützte sich nach getaner Arbeit auf seinen Besen und trank einen Schnaps mit dem Mann, der bei jeder Witterung einen grauen Gummiregenmantel trug und immer leicht abwesend und verwirrt wirkte. Unter seinem Arm trug er ständig eine Aktentasche und erst Jahre später erfuhr ich, dass er der zweite Erbe einer Sanitärausstattungsdynastie war. Ausgezahlt von seinem cleveren Bruder trug er aus Angst vor Banken und bösen Menschen seine Wertpapiere mit sich herum. Was sich angesichts der relativ zügigen Pleite des Bruders als gar nicht so schlechte Strategie entpuppte.

Mit seinem grauen Regenmantel verlor die Stadt Ende der 90er Jahre eine Konstante im Straßenbild. Als auch Rolf kurz darauf starb, kaufte die Stadt eine Kehrmaschine. Es wäre schwer geworden, jemand zu finden, der ihn adäquat hätte ersetzen können.

Der Knecht eines stadtnahen Bauernhofs, der sein klappriges Damenrad das ganze Jahr hindurch mit dürren Zweigen und Feldblumen zu einer Art fahrenden Hecke verwandelte, wurde 364 Tage kritisch beäugt. „Bekloppt, mit dem Grünzeug so nah an den Speichen, wenn das mal gut geht.“ Er lebte auf einer Hofschaft und arbeitete bei der Familie, die für den größten Erntedankzug der Region verantwortlich war. Im Festzug mit Traktoren, die mit Kuhflecken bemalt waren und Landwirten in rosa Schweineoveralls wirkte der Knecht, der im Anzug auf dem mit Maiskolben geschmückten Fahrrad zwischen den Landmaschinen herfuhr plötzlich eher bieder denn lächerlich.

Die kleptomane Ader der Gattin des beliebten Arztes gleich neben der Kirche hätte sie nicht stadtbekannt gemacht, denn sie war versiert und diskret. Auffällig wurde sie dadurch, dass ihr Mann ihr Diebesgut regelmäßig zurückbrachte. Und geradezu berühmt wurde sie dann im Alter, als ihr Mann nachlässig wurde und sie den Schlüssel zu seinem Morphiumschrank fand. Ihr nächtlicher Nacktauftritt mit Trompete auf dem Grüßbalkon ihrer Wohnung ging in die Stadtgeschichte ein.

Für einen relativ jungen Mann, der einmal zur Kleinstadt-Kifferszene gehört hatte, war Volker mit seinem Jäger-Lodenanzug enorm konservativ gekleidet und führte ein bürgerliches Leben als Handelsvertreter. Wer ihn näher kannte, wusste, dass der Lodenanzug sein einziges Kleidungstück war, weil er jede verdiente Mark und jede Minute seiner Freizeit in den Naturschutz investierte. Sein Auto war fünfzehn Jahre alt und die Seitenscheiben verschwanden bei jedem Schlagloch in der Türfüllung und in seiner Wohnung standen nur wenige Möbel. Ein Blickfang war allerdings die zweieinhalb Meter hohe und vier Meter breite Voliere mit Schleiereulen hinter dem Ehebett des Schlafzimmers. Volkers Frau war sehr schweigsam, aber tolerant und angesichts des Gestanks der Eulen auch nicht sehr geruchsempfindlich.

Sein Garten war ein dunkler Hang, der mit Holzbohlen vor den Augen der Nachbarn geschützt war. In Käfigen und Schuppen hielt er Amphibien, Insekten und in einem Gewächshaus wuchsen Pflanzen, die alle Kriterien der geltenden Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien erfüllten.

Er arbeitete als Einmannarmee im Lodenanzug. Ihm war es zu verdanken, dass die Begehung von Baugrundstücken für viele Gutachter durch zuvor ausgesetzte Ameisenbläulinge, Gelbbauchunken und seltene Orchideenarten zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde. Manchmal übertrieb er allerdings auch. Die Paradoxie blühender Orchideen im winterlichen Permafrostboden fiel zwar keinem der Gutachter auf, aber sein kleiner Papageienschwarm im Freiflug wirkte vor den Tannen des Bergischen Landes unglaubwürdig. Irgendwann ließ er eine Käfigtür aus Versehen offen. Seitdem gibt es eine stetig wachsende Kolonie sibirischer Streifenhörnchen am Ufer der Wupper.

Weil die Stadt nicht reich an Sensationen war, entwickelte ich eine Vorliebe für diese Sonderlinge. Einer anderer war Harald. Harald war fast fünfzig Jahre älter als ich und hatte den Teint von frisch angerührtem Zement. Auf dem Kopf trug Harald eine Baskenmütze, die ihn als politischen Dissidenten auswies. So einfach waren die Symbole damals noch.

Immer wenn es in der Kleinstadt um politische Themen ging – ganz egal, ob lokalpolitischer oder globaler Natur, war Harald da. Der Protest gegen eine geplante Umgehungsstraße, die Menschenkette um ein Naturschutzgebiet oder eine Demonstration gegen die Informationsveranstaltung der Bundeswehr, Haralds Baskenmütze war immer schon von weitem zum sehen.

An einem brütend heißen Sommernachmittag 1986 saß ich dann zum ersten Mal in Haralds Wohnzimmer. In einem Jahr sollte die erste große Volkszählung stattfinden. Harald war dagegen und hatte ein versprengtes Häuflein der noch jungen alternativen Bewegung eingeladen. Dazu ein Demokratischer Sozialist mit Mundgeruch, ein Liberaler Demokrat und ein bärtiger ehemaliger DKPler. Trotz meiner Jugend ahnte ich, dass Sieger anders aussahen, aber möglicherweise auch langweiliger sind.

Seine Einrichtung bestand aus unmodernen Möbeln, die in den frühen 1960er Jahren gekauft worden waren, als Harald noch eine Frau und einen Beruf hatte. Es musste also eine Phase gegeben haben, in der seine Welt für einen Moment in Ordnung gewesen war. Jetzt lag dicker Staub auf den Fotos, auf den vielen Aktenordnern und dem resedagrünen Telefon, das alle gebannt anstarrten. Ein Anruf aus Warschau wurde erwartet, von einem Kontaktmann des polnischen Geheimdienstes, der brandheiße Informationen zur geplanten Volkszählung versprach. Harald habe gute Kontakte nach Polen, raunte mir jemand ins Ohr.

Natürlich kam der Anruf nicht. Also wurde noch viel geraucht, viel Kaffee getrunken und irgendwann löste sich die Versammlung auf. Eines von vielen ergebnislosen Treffen in dieser Wohnung. Harald fragte mich, da ich mit dem Rad bei ihm war, ob ich noch etwas für ihn einkaufen könne. Er fühle sich schwach. Das konnte ich verstehen. Die Luft in seinem Wohnzimmer war zum Schneiden und acht Tassen Kaffee waren für einen Siebzigjährigen kein Spaß.

Als ich mit Kondensmilch, Margarine und Pumpernickel wieder bei ihm aufkreuzte und er mir das in die Hand zählte, schob sich sein Hemd hoch. Ich sah die Tätowierung auf seinem Unterarm und er sah, dass ich sie sah. „Warschau“ murmelte er. „Zuviel für ein Leben, zuwenig übrig für eine Frau und Kinder.“ Auf seiner Beerdigung ein paar Jahre später war ich nicht mehr, ich wohnte längst nicht mehr in der Stadt. Aber ich habe gehört, dass ein Demokratischer Sozialist mit Mundgeruch, ein Liberaler Demokrat und ein bärtiger ehemaliger DKPler zur Trauergemeinde gehörten.

Foto: Erntedank 1986

Internationaler Museumstag 2011

„Museen, unser Gedächtnis“ lautet das diesjährige Motto des Internationalen Museumstages. Ich beteilige mich gern und öffne meine Archive. Oder besser gesagt: Das Handschuhfach meines Autos. Was immer man mir ins Seitenfenster klemmt, ich verwahre es gern. Die Hamburger Carspammer-Szene ist dank des Hafens besonders rege. Ganze Stadtteile werden von den Druck- und Laminierbetrieben der Auto-Export-Branche geprägt. Hier ein kleiner Ausschnitt meiner Kollektion: