Forever Seventeen

 

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Die Reise zwischen dem Riesenreich der Kindheit und dem engen Raum des Erwachsenenlebens findet in einem luftigen Vehikel mit offener Karosserie statt. Alle Kabel dieses Gefährts liegen blank, verdrahten sich ständig neu und reagieren übersensibel auf Einflüsse von außen. Für Holden Caulfield, die siebzehnjährige Hauptfigur des Romans „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger, mündet die schnelle Fahrt durch eine Welt der Scheinheiligkeit in einem Sanatoriumsaufenthalt.

manhattan_bridge

„Phony“ findet er die Eitelkeit und Gefallsucht seiner Mitschüler. „Phony“ ist das vermuffte Bildungsbürgertum seiner eigenen wohlhabenden Schicht und das Erwachsensein an sich. Sein Idealismus erträgt es einfach nicht, sich mit schönen Lügen und einer Fassade aus Arroganz durch das Leben zu lavieren. Wie soll das auch jemand gelingen, der allen Sinneseindrücken ungefiltert ausgesetzt ist? Der aus jedem winzigen Detail ganze Modelle zu kombinieren versucht, die ihm das große Ganze erklären.

Seine Selbstsicht, irgendwann einmal zum Fänger zu werden, der mit einem großen Baseballhandschuh im Roggenfeld steht und Kinder vor dem Sturz von einer Klippe schützt, ist zugleich ein Bild für das Verlassen seiner eigenen Kindheit, am Rand von deren Endlichkeit er ziellos jongliert.

Beim ersten Lesen mit sechzehn ist Holden Caulfield ein Gleichaltriger und ein Gleichgesinnter. Jemand dessen Hadern und Vortasten mit jeder Faser nachvollziehbar ist. Mit dreißig erinnert man sich an das Buch, fühlt sich peinlich berührt, weil das noch so nah scheint und hat schließlich mit Mitte vierzig vielleicht sogar das Glück, das Feuer dieser Zeit noch in sich zu tragen. Wer je in New York war, versteht auch sofort, warum Holdens Geschichte ausgerechnet hier stattfinden muss: Weil die schnellste Stadt der Welt nie ankommt, sich pausenlos weiterdreht und trotz Konservatismus und Geldgetriebenheit ein Gen in sich trägt, das sie zwar weiter wachsen, aber nie restlos erwachsen werden lässt.

Sieben Jahrzehnte nach Holden Caulfields Stunden in New York scheint es zunächst schwer, einen Zipfel der Epoche nach dem zweiten Weltkrieg zu fassen zu bekommen. Zu viel Neonfarbe, zu viel Plastik und zu viel Handygeflacker. Bis sich im Dunkel über dem East River im Schatten einer leinwandgroßen Plane und mit dem Blick auf die verwaschenen Lichter der Manhattan Bridge der Schleier zum ersten Mal zu heben scheint. Holdens New York ist das Leuchten in der Nacht, eine Nighthawks-Atmosphäre, die nachts zu Zeichen werden lässt, was am Tag für die Augen zu viel wäre.

Penn_Station

Viele Straßen nordwestlich, am Rand von Chelsea liegt die Pennsylvania Station, wo Holden tief in einer Samstagnacht aus seinem Internat Pencey Prep im fiktiven Agerstown ankommt. Das historistische Original des Bahnhofs wurde 1963 abgerissen, um Platz für neue und teurere Immobilien zu schaffen – unter anderem den Madison Square Garden. Was übrigblieb, ist ein nüchterner Zweckbau, in dem die Reisenden heute aus Sicherheitsgründen in umzäunten Bereichen warten, bevor sie aufs Gleis dürfen.

Eine Putzfrau kommt mit Eimer und Mop aus dem Untergrund und mit einem rasch in die zufallende Tür gestellten Fuß gelingt es, sich auf den schmalen Betriebsbahnsteig zwischen zwei Gleisen im Untergrund zu hangeln, wo die 1940er Jahre sich nicht von Investoren verdrängen ließen. Hier riecht es nach Stahl und billigem Putzmittel, Bremsen quietschen und weit hinten auf dem Gegengleis sieht man siebzehnjährige Schüler forthasten, die nicht mehr die Zeit haben, nicht zu wissen, wo sie hinwollen.

Grand_Central

Eine einzige fließende Bewegung ist der Innenhof der Grand Central Station, wo Holden seine Mark Cross Koffer deponiert. Eben dort an den Rändern stehen brustgepanzerte Wächter der Homeland Security Garden, die Maschinenpistolen im Anschlag. Ein explodierendes Streben in alle Himmelsrichtungen der Bahnhofshalle, ausgehend vom Informationsschalter in der Mitte. In der Stadt, in der es unmöglich ist, zu beziffern, wie viele Nationen hier leben, ist ein Rundumblick von der Balustrade wie eine antropologische Weltreise.

Natural_History

Das Museum of Natural History, zu dem er durch den Central Park schlendert, ist ein Fixpunkt in Holdens Welt, eine Erinnerung an die Kindheit und Grundschulzeit in New York. Ohne es zu betreten, kann er sich die Bilder wachrufen und wünscht sich, der Wahnsinn der sich drehenden Zeit möge für einen wohltuenden Augenblick zum Diorama erstarren. Auf ewig in gleicher Position fischende Eskimos, Zugvögel auf einem ewigen Flug nach Süden und Rehe, die unermüdlich am immer selben Wasserloch saufen.

Hier klärt sich Holdens Schlüsselfrage, die er wie ein Mantra wiederholt und damit das Unverständnis erntet, auf das eine kindlich kluge Frage aus einem erwachsenen Körper zwangsläufig erntet: Es ist die berechtigte Frage nach den Enten des Central Parks: Wohin gehen sie, wenn der ganze See zugefroren ist? Werden sie fortgefahren oder fliegen sie Richtung Süden? Im Museum of Natural History sind sie im konservatorischen Dunkel ganzjährig sicher. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es die Enten sind, die schon Jerome D. Salinger als Kind sah.

rockefeller

Holdens bedingungsloses Fragen und Suchen, das sich jeder Instanz widersetzt, findet sein Pendant im großen goldenen Prometheus, der im Herzen des Rockefeller Centers thront. In einem Café nahe der berühmten Eisbahn, wo er sich mit seiner Schulfreundin Sally zum Schlittschuhlaufen trifft, entwirft er utopische Aussteiger-Szenarien, doch im Schatten der schnurgeraden Fassade des General Electric Buildings ist die längst verloren an eine pragmatische Zukunftsplanung.

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Die maskenhaft geschminkte Rockette-Tänzerin, die heute hinter der Bühne der Radio City Music Hall einer bunt gemischten Reisegruppe aus Alaska, Wien und Osaka erzählt, wie es ist, als Showgirl „forever eighteen“ zu sein, nähert sich deutlich sichtbar der Fünfzig. Auf die Frage nach der ältesten Tänzerin im Ensemble kommt eine Spur zu angelernt, um noch spontan zu wirken, ein patziges „Eighteen!“. Phony.

Einige Etagen tiefer hebt die eigentlich für Weltkriegs-Schlachtschiffe konzipierte Bühnenhydraulik immer noch Elefanten für das Weihnachtsschauspiel auf die Bühne und die Sessel, auf denen Holden damals saß, sind nie neu bezogen worden. Viele Bilder in den Fluren der Radio City Music Hall erinnern an die goldenen Zeiten des Hauses, doch kein einziges Foto zeigt den besten Paukenschläger des Orchesters, den Holden und sein Bruder verehrten. Aber das passt zu seiner Vorliebe für die randständigen Figuren des Ensembles.

Central_park

Am Rand stehen, beobachten und mitfühlen, ist Holdens Rolle. Noch mehr wünscht er sich Einsamkeit, allerdings nicht die unangenehme Sorte, die er zwischen Menschen verspürt, sondern ein selbst gewähltes Alleinsein, das ihn zu einer autarken Insel abseits der Verlogenheit machen würde. Die Einsamkeit ist im 24/7 Getriebe von acht Millionen Menschen ist in New York zwar allgegenwärtig, aber wirkliches Alleinsein geht nur nachts und nur im Central Park, wo Holden alkoholisiert den Teich umrundet. Einen entenleeren Teichs, aber vermutlich – so stellt er sich das vor – schlafen sie auch nur. So wie seine kleine Schwester, an die er in seiner trunkenen Todessehnsucht denkt und zu dem Schluss kommt, dank ihr doch nicht allein auf der Welt zu sein.

71_street

Vom Teich bis zu seinem Elternhaus sind es nur wenige Schritte und Holden macht sich auf, um seine Schwester Phoebe zu besuchen. In seinem Hass auf die eigene Upper-Eastside-Herkunft ließ Salinger die Eltern seines Protagonisten in der 71. Straße wohnen, mit Blick auf die Fifth Avenue und magischerweise wehen dort auch heute altmodische Gardinen vor gelblichem 60 Watt-Licht. Am Rand des Central Parks, wo das Wohnen schön früh ein Statussymbol war und inzwischen unbezahlbar ist, ist auch jetzt nicht der Ort für offene Lofts, hier mag man es konservativ gediegen und schaut mit Holdens Augen auf die dünne Gaze vor dicken Teppichen und dunklem Mobiliar.

Metropolitan

Die Gewissheit abgeschlossener Geschichte ist eine Form von Heimat, weil klar ist, mit wie vielen Schritten sie zu durchmessen und keine Veränderung sie mehr stört. Im ägyptischen Flügels des Metropolitan Museums, das Holden so vertraut ist, steht ein hingeschmiertes „Dich“ auf den grob behauenen Steinen eines Grabmals. Er, der sich zwar daran freuen kann, von einem Kind mit offenen Hosen aufgeregt nach Mumien gefragt zu werden, fühlt sich von dem Graffiti persönlich beleidigt: Gibt es nicht einen einzigen Ort, der nicht ständig nach einem greift? Und wenn da jemand ist, der nach einem greift, dann sollte es jemand sein wie seine kleine Schwester, die ihm seine rote Jagdmütze aufsetzt. Zum ersten Mal richtig herum, wie einem Erwachsenen.

Fotografie: Peter Breuer
Postproduction: Rolf Woehrle www.postfolio.de

Flickr-Bilder korrekt kommentieren

Ein wirklich guter Kommentar für ein Flickr-Bild will gut überlegt sein. Schließlich soll der Fotograf in seiner Arbeit nicht bloß bestärkt, sondern auch konstruktiv unterstützt werden. Nur so profitieren alle davon. Außerdem wichtig: Auf jeden Fall englisch kommentieren. Selbst wenn Profilname und Bild auf eine deutsche Herkunft deuten.

1. The photo is completely out-of-focus.
Write: „nice bokey!

2. The photo shows off a womans breast
.
Write: „Interesting portrait“

3. The composing is horrible.
Write: „Perfect crop“

4. The color negative film is obviously expired.

Write: „Hey – i love Instagram-shots.“

5. The subject of the photo is negligible smaller than a garbage truck.
Write: „Cool macro“

6. Self portrait of a bare assed person with dead black sunglasses.

Write: „Your eyes are captivating!“

7. The photo is a crappy Anne Geddes fudge showing a baby in a pumpkin.
Write: „I’ve never seen this before.“

8. A nightshot of the Colosseum.
Write: „Wow! Paris is one of the countries i like most in asia.“

9. The picture shows a man losing his leg in a harvester.

Write: „Oops.“

10. A very very sophisticated black & white still life of an artichoke.
Write: „yummy!“

11. A quake-hit area, totally destroyed.
Write: „The signs of urban decay are soooooo romantic.“

12. A shot inside the Basilica of St. Peter.
Write: „Dude, this place is freakin’ awesome!“

13. The photo shows a skull with a burning candle on top.
Write: „A really strong metaphor.“

14. A pimp with a pump gun showing off his attack dog puppy.
Write: „Isn’t he cute?“

15. A wholehearted Andreas Gursky-admirer presents his 4×5 inch work.
Write: „Which nokia did you use?“

16. A very sad photo of a weeping little girl with her wrecked doll.
Write: „lol“

[reblogged]

Wenn sich Medien zu sehr lieben

Passbildautomat, sich selbst fotografierend. Fotoarbeit 1988

Die Zeitspanne, die einem Medium verbleiben, bis es beginnt, sich selbst zum Mittelpunkt der mit ihm transportierten Botschaften zu machen, verkürzte sich in den vergangenen einhundertsiebzig Jahren rapide. Fast sechzig Jahre vergingen nach der Erfindung der Fotografie, bis sie sich um die Jahrhundertwende in der Fotografie der Art Nouveau selbst thematisierte: Nicht das Motiv, sondern das visuelle Erlebnis des Sehens und seiner technischen Reproduzierbarkeit waren plötzlich bildwert. In der Konzeptfotografie der siebziger Jahre gingen viele Fotografen noch einen Schritt weiter und reduzierten ihre Arbeiten allein auf den technischen Prozess des Fotografierens und erkundeten Bereiche, in denen die Fotografie zwangsläufig versagen musste. John Hilliard fügte Fotoserien die vierte Dimension hinzu und belichtete sein Filmmaterial in länger werdenden Zeiträumen bis hin zum reinen Weiß und Charles Wilp fotografierte in seinem Atelier nur noch die leere Hohlkehle…

In dem Moment, als das Publikum in den Vorführsälen um die technischen Möglichkeiten der Cinematographie wusste, konnte auch das Kino den Vorgang des Filmemachens auf der Leinwand spiegeln. Gegenstände, die sich im Stopptrick bewegten, Figuren, für die die Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden, die kopfüber durch Zimmer spazierten. In diesem frühen Stadium lässt sich jedoch sicher noch nicht vom Film als selbstreferentiellem Medium sprechen – noch dienten die Mechanismen des Films als Mittel zur Unterhaltung und wurden nicht um ihrer selbst willen genutzt. Noch galt, dass ein Medium zunächst über eine hinreichend lange Geschichte verfügen muss, bevor diese Geschichte zum Thema werden konnte. Eigentlich erst in den vierziger Jahren, mit dem Beginn der „schwarzen Serie“, bei der die gesamte bekannte Ikonographie des Kinos scherenschnitthaft in die Handlung einfloss, war das Kino an dem Punkt angelangt, an dem es sich über sich selbst Gedanken machte.

Das Fernsehen, dessen Sendungen von vornherein auf serielle Fertigung angelegt waren, brauchte gerade mal ein Dutzend Jahre, bis es die Nabelschau als Stilmittel für sich erkannte. Der Wiedererkennungswert der Ritualisierung von Handlungen war in das Konzept jeder erfolgreichen Spielshow implementiert: Der Kandidat mit den „99 Punkten“ (Vico Torriani) ging ebenso in den aktiven Sprachschatz der Deutschen ein wie die Frage nach dem „Schweinderl“ (Robert Lemke). Dietmar Schönherr war einer der ersten, der nicht nur die Rituale einer einzigen Sendung ritualisierte, sondern ganz offen lesbare Querverweise zu anderen Produktionen einbaute. So war dem Publikum das Design seines Kommandostandes in „Wünsch Dir was“ bereits aus der Raumpatrouille Orion hinlänglich bekannt. Das in den Anfangsjahren der Lindenstraße oft ins Bild baumelnde Mikro wurde von Fans nur zu gern als bewusster Verfremdungseffekt gefeiert.

Die Vorbestimmung zur Selbstreferentialität trug das Internet bereits in seiner Muttersprache in sich: Schließlich ging es von Anfang an darum, von einer Seite auf die nächste, von einer Site auf eine andere zu verweisen. Relevanz bedeutete immer auch, in erster Linie zum Ziel von Links zu werden – diese simple Mechanik bestimmte mehr als in jedem anderen Medium auch den Inhalt. In dieser in sich verlinkten Welt ist das „Draußen“ zwangsläufig ein Störfaktor. Was sich heute – in den Anfängen des „Echtzeitnetzes“ – nur in den Bereichen auflöst, in denen das Netzleben nicht zur Dokumentation des realen Lebens wird, sondern zum Kooperationsmedium wächst. Mit den technischen Möglichkeiten zur gemeinsamen Arbeit an einem Text, einem Musikstück oder einer Debatte, die nicht nur zitiert, sondern sich in eine neue Richtung bewegt. Die technische Möglichkeit, seinen aktuellen Aufenthaltsort per Gowalla oder Foursquare im Netz abzubilden, ist eher eine Gegenbewegung, die zur Virtualisierung des Privaten führt. Es mag scheinbar zum Sozialkontakt mit Menschen führen, die man ohne Netz nie kennengelernt hätte: Aber wer freut sich schon auf ein Gegenüber, dessen Gesicht zu großen Teilen von einem Smartphone verdeckt wird?

Bereits Anfang der 90er Jahre endete mein erster Aufenthalt im Netz – noch nicht im Internet, sondern im Datendienst Datex-J – in einer Chatbox. In einer Zeit, in der nicht nur die Online-Zeit teuer, sondern nahezu jeder Seitenaufruf kostenpflichtig war, noch das günstigste Angebot. Nur lesend staunte ich über das Mitteilungsbedürfnis von Teilnehmern, die trotz Lese-Rechtschreibschwäche munter in die Tasten hämmerten. „Hallööchen ihr da draußen“, flimmerte es über den Bildschirm. „Von wegen draußen” kam Sekunden später die Antwort, „wir sind hier!”

[2009, reblogged]