Anja

Anja

Zwei Schwäne, aufeinander zu schwimmend, formen mit Hälsen und Schnäbeln ein Herz. Sie hat die Karte aus dem Postkartenumschlag genestelt, hält sie mir direkt unter die Augen und will meine Meinung wissen. Ich sei schließlich gelernter Fottograff habe meine Frau ihr gesagt. Ich sage „ein Herz“, etwas Blöderes fällt mir nicht ein. Sie kreischt vor Freude über meine messerscharfe Intelligenz. „Ein Herz, stimmts?“ Jeder ihrer Sätze endet mit „Stimmts?“ und der Begriff der rhetorischen Frage scheint für Anja erfunden, die Rhetorikerin vom Schwarzmeer.

Die sich vor nichts mehr fürchtet als vor peinlichem Schweigen, die ihre Krebsangst wegplappert, als könne ihr der Tod nur bei Sprechpausen ins Wort fallen. Danach sieht es allerdings auch nicht aus, denn nach drei Wochen Reha ist Anja hähnchenbraun und kugelrunder als es den Ärzten gefällt. Sie möchte fotografiert werden, Arm in Arm mit ihrer neuen Freundin, die sie in ihr riesengroßes Herz geschlossen hat und vermutlich ganz schnell auch wieder vergessen wird, was nichts an der Tiefe von Gefühlen ändert, die im Hier und Jetzt stattfinden und nicht in Dekaden gemessen werden.

Von ihr zu lernen, heißt Leben lernen. Sie hat ihre russische Heimat verlassen und eine andere suchen müssen, einen Mann geliebt, einen neuen gefunden und vergöttert dennoch die Kinder des Ersten. Ihre Krankheit ist keine intellektuell verbrämte Metapher, sondern real und ein Feind, den sie mit allen Fasern bekämpft. Die Marlboro-Zigaretten, die sie sich im 5-Minuten-Takt anzündet, sind vermutlich Gift für ihren Körper, aber in ihrer Vorstellung sind sie ein Symbol des gesunden Westens, der Krebszellen mit genormten Markenprodukten in Schach hält. Das ist nun fünf Jahre her. Anja wird noch leben, lachen und Postkarten mit Schwänen kaufen. Ich bin sicher.

Ein Frauenschicksal

In ihrer Wohnung angekommen, legt sie den Einkaufsbeutel auf den Küchentisch. Kantig stechen die Tiefkühlpackungen aus dem roten Nylon. Zwei Klötze Gefriergut, Kochbeutelreis und halbtrockener Sekt, zusammen gerade mal zehn Euro. Früher mal ein lächerlicher Betrag für sie, heute eine Position, die sie in einem Schulheft notiert.

Sie geht ins Bad, klappt den verspiegelten Kunststoffkasten auf und zieht ihre Augenbrauen nach. Kurz probiert sie ein Lächeln. Nicht schlecht für 64. Aber eben nicht mehr wie mit 33. Damals war ihr Sonntagsmenü opulenter als die Packung Klopse eines westfälischen Discounters und ihr Gegenüber beim Lächeln nicht der Spiegelschrank einer anonymen Wohnungsgesellschaft.

Damals, das ist 1980. Helmut Schmidt hatte gerade gegen Strauss gewonnen. Sie war gerade 33 geworden und seit ein paar Monaten Chefsekretärin. Von ihrem ersten hohen Gehalt hatte sie sich einen schmal geschnittenen Lederrock gekauft. So könnte die Geschichte jetzt endlos weitergehen, aber mal was ganz anderes: Wer bin ich, ein trauriges Frauenschicksal zu beschreiben? Nur weil die verhärmte ältere Frau, die vor mir an der Kasse steht, den Warentrennstab so brutal vor meine kerngesunde Frischkost knallt und meine Assoziationen mit mir durchgehen? Schäbiger Lederrock übrigens – so etwas sollte man in Deinem Alter nicht mehr tragen. Den halbtrockenen Sekt habe ich auch mal gekauft, weil ich im Supermarkt zu eitel war, die Lesebrille aufzusetzen. Wirst schon sehen, was der für brüllende Kopfschmerzen produziert. Blöde Kuh.